„Asterix heißt heute Benedikt!“

Gibt es eine Medienkampagne gegen den Papst? Eigentlich für jeden Menschen mit Augen und Ohren keine Frage mehr nach den Vorkommnissen der letzten Tage. Und dennoch gäbe dies natürlich niemand zu, und ich selbst habe heute auf meinem Blog einen Kommentar erhalten, der genau dies bestritt.

Ich habe danach einmal einige andere Blogs durchsucht, und bin auf dem Blog „Mittelwächter“ auf einen Link zu einem Artikel von „eigentümlich frei“ gestoßen, eine Publikation, deren Ausrichtung als libertär zu charakterisieren ist. Die insgesamt drei dort verfügbaren Artikel zum Thema Piusbruderschaft / Hetzjagd auf den Papst gehören in der Tat zum Besten, was zu diesem Thema geschrieben worden ist. Ich werde mich darauf beschränken, einige wenige Stellen zu zitieren, doch sind die drei Artikel für Libertäre, Konservative, Mischlinge dieser beiden Arten (wie Catocon) und überhaupt jeden freiheitsliebenden, vernünftigen MEnschen absolute Pflichtlektüre.

Und dies gilt nicht nur hinsichtlich der aktuellen Kontroverse um Benedikt, sondern allgemein als Gesellschaftsdiagnose. Die allmähliche Erosion von Freiheitsrechten im Namen der Political Correctness, die Notwendigkeit von Tradition für das gesellschaftliche Zusammenleben, die lange Geschichte häßlicher Medienkampagnen gegen Anderdenkende und vieles, vieles mehr findet Platz in diesen drei Artikeln.

Eigentümlich frei vom 27. Januar:

Und während die dem Zeitgeist hinterherlaufenden Amtskirchen mit Hobby-Theaterstück-Aufführungen vor leeren Kirchenrängen peinlich auffällig werden, dürfte das ohnehin steigende Interesse am katholischen Traditionalismus wie auf der anderen Seite an evangelikalen Freikirchen weiter zunehmen. Gedankt sei der Empörungsberichterstattung jener, die zwei- bis dreimal im Jahr Adolf Hitler in Nahaufnahme mit gut sichtbarem Hakenkreuz am Revers auf ihr „Spiegel“-Cover platzieren, damit die Auflage steige.

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Die 68er-(Ex-)Zeitgeistkirchen aber mit all ihrem antikapitalistischen Öko- und Drittweltklimbim – beispielhaft sei die großspurige Coca-Cola-Boykottkampagne des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) genannt – sind längst nur noch zum Davonlaufen. Und die Mainstreammedien? Würden sie ihre Wächterfunktion gegenüber der Politik oder auch nur ihren eigenen antifaschistischen Anspruch wirklich ernst nehmen, müssten sie sich gerade jetzt einsetzen für die Meinungsfreiheit des Bischofs und gegen die jedem intelligenten Menschen unwürdige und in unseligster Tradition stehende Strafverfolgung falscher Meinungen in Deutschland.

Eigentümlich frei vom 31. Januar:

Die zunehmende Empörungswelle war vorauszusehen. Sie nimmt für den Papst nun bedrohliche Ausmaße an. Der Zentralrat der Juden in Deutschland brach den Kontakt mit der Kirche ab, Israel droht mit dem Ende der diplomatischen Beziehungen, und auf dem Cover des BRD-Zentralorgans „Der Spiegel“ am kommenden Montag wird einmal nicht Adolf Hitler zu finden sein, sondern ein Bild Benedikts mit der Schlagzeile: „Der Entrückte: Ein deutscher Papst blamiert die katholische Kirche“.

Auch andere Massenmedien, allen voran die, denen die katholische Kirche von jeher ein Dorn in ihrem fortschrittlichen Auge ist, sind sich seit Tagen einig: Der Papst hat einen schweren Fehler gemacht. Er müsse ihn zurücknehmen und sich entschuldigen. Das obligatorische Unterwerfungsritual – von Kerner in seinem Tribunal gegen Eva Herman einst vor Millionenpublikum bis über jede Peinlichkeitsgrenze und abermalige Wiederholungsschleife hinweg verlangt – wird jetzt vom Oberhaupt der katholischen Kirche eingefordert. Der Papst „muss“ sich beugen und öffentlich Abbitte leisten, hören wir auf allen Kanälen. Ohnehin und endgültig, so wird schlau vom „Tagesspiegel“ eingestreut, habe sich nun das Unfehlbarkeitsdogma als „Irrtum“ erwiesen. Womit wir beim Thema sind.

Es geht offenbar um Religion. Und um Tabus. Seit Menschengedenken hat es keine Gesellschaft ohne Tabuzonen gegeben. Ausgesprochene Ge- und Verbote sowie unausgesprochene Tabus sind die Abzäunungen, die offenbar nötig sind, um ein einigermaßen reibungsloses und vorausschaubares Leben für den Einzelnen zu ermöglichen.  Die biblischen Zehn Gebote sind ein Beispiel für diese Grenzziehung. Jahrhundertelang galten sie, heute wirken sie auf viele eher lachhaft als sinnstiftend: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben.“ Totalitäres Christentum! „Du sollst Vater und Mutter ehren!“ Autoritär und altertümlich! „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ein guter Witz beim nächsten Besuch des Christopher Street Day! „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“ Der Neid ist das Fundament, auf dem der moderne Sozialstaat gebaut wurde.

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Die klassisch liberalen Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek etwa oder Ludwig von Mises wiesen immer wieder darauf hin, dass Menschen ohne gewachsene Traditionen „sozial blind“ seien, ja gar nicht lebensfähig.

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Das sehen auch die neuen Hohepriester der „Political Correctness“ so. Sie schufen deshalb neue Ge-und Verbote, deren Infragestellung keinem Menschen wirklich zu empfehlen ist. Heilig ist nun vor allem anderen die „Demokratie“.

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Dabei waren so ziemlich alle griechischen Philosophen und selbst alle Gründerväter der USA sich noch einig darin, dass demokratische Staaten dem Untergang geweiht sind.

Mit der Demokratie glauben wir heute an die Gleichheit des Menschen. Weshalb zum Beispiel die IQ-Forschung tabuisiert wird. Rassen, ja selbst Geschlechter, so wird uns nun gesagt, gibt es nicht (mehr). Männlichkeit und Weiblichkeit werden bereits im Kindergarten verfolgt und ausgetrieben wie einst allenfalls der Teufel.

Als wäre dies nicht genug, hat ein höchst diesseitiger Schuldkult die christliche Ursünde abgelöst. In den USA ist es die Schuld des weißen Mannes, die heute eine messiasähnliche Rolle Barack Obamas – und in Deutschland Liveübertragungen seiner Amtseinführung auf allen Kanälen gleichzeitig – ermöglichen. Auch hierzulande wird diesseitig Schuld zelebriert – die „spezifisch deutsche Schuld“. Der deutsch-amerikanische Historiker Paul Gottfried erklärt den Wandel so: Die metaphysische individuelle Schuld sei vor allem im protestantischen Nordeuropa, in den USA und Kanada in eine gesellschaftliche Schuld umwandelt worden. Manche säkularen Intellektuellen und einige protestantische Theologen sähen in dieser Schuldannäherung die Erfüllung der in der Bibel nur angedeuteten sozialen Gerechtigkeit sowie der christlichen Pietät. Die frühere christliche Verpflichtung zur Nächstenliebe werde, so Gottfried, heute in einen gesellschaftlichen Zwang umgewandelt. Der Umfang des zu bekämpfenden menschlichen Verhaltens – Stichwort: Antidiskriminierungsgesetze – werde dabei ständig erweitert.

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In der gewaltigen Medienkampagne, die nun gegen den Papst geführt wird, ist ihre Hemmungs- und Erbarmungslosigkeit auffallend. Widerspruch, und sei es auch nur am Rande der Debatte, wird nicht mehr geduldet. In die Fernseh-Talkshows zum Thema wurde schlicht kein einziger Gast eingeladen, der auch nur ansatzweise der Anklage widersprochen hätte.

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Nun gibt es aber zwischen den Ge- und Verboten der modernen Politischen Korrektheit und den biblischen Zehn Geboten einen grundlegenden Unterschied. Handelte es sich früher vor allem um tabuisierte Handlungen (Ehebruch, Diebstahl, Mord) oder Verbote handlungsanfälliger Gefühle (Neid, Untreue, auch gegenüber Gott), so tabuisieren Politiker und Medien heute alleine unbotmäßige Gedanken, das Suchen nach wissenschaftlicher Wahrheit (Genderideologie, Klimahysterie) oder geschichtlichen Zusammenhängen (Feminismus, Schuldkult). Die Moderne, die sich vordergründig die Vergötterung der Ratio auf die Fahnen schrieb, ist damit „hinten rum“ bei der Verteufelung selbstständigen Denkens angekommen.

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Und es gibt noch einen Gegensatz zwischen den alten und neuen Dogmen: Die Zehn Gebote haben ihren Praxis-Test als Leitfaden für einige Jahrhunderte bestanden. Heutige westliche Gesellschaften unter dem Diktat der Political Correctness müssen ihre Überlebensfähigkeit erst noch beweisen. Ein Blick auf die demographischen Daten zeigt, dass die durchgehende Politisierung und Sexualisierung des Zusammenlebens und das Ersetzen der Familie durch den anonymen Sozialstaat möglicherweise ein Ein-Generationen-Experiment ist, das mangels Nachwuchs in massenhaft mental vereinsamten wie materiell verarmten Altengesellschaften sein Ende findet könnte.

Dennoch scheint die Herrschaft der ökosozifemiantifapolitischen Korrektheit heute unumschränkt. Beinahe jedenfalls. Denn wieder einmal existiert ein kleines Dorf in Gallien. Asterix heißt heute Benedikt! Die Katholische Kirche als Sinn- und Gebotsstifter der Vergangenheit ist der naturgemäß größte Feind der heutigen Ersatzreligion Political Correctness. Es geht um nicht weniger als einen Kulturkampf zwischen altem und neuen gesellschaftlichen Überbau, zwischen Religion und Pseudoreligion, ja auch zwischen alten, konservativen, rechten und oft marktwirtschaftlichen Vorgaben hier und neuen, progressiven, linken und staatsvergottenden Diktaten dort. Deshalb – und nicht wegen einiger wirrer Aussagen eines Mitbruders, die mit den Interessen und Aufgaben der Kirche so wenig zu tun haben wie der Lieblingsfußballverein des Pfarrers von Gelsenkirchen – wird nun auch der Papst von den üblichen Verdächtigen so bösartig angegangen wie in der deutschen Presse seit 1945 nicht mehr.

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Es bleibt also interessant. Denn der Papst und die ihm folgenden Teile der katholischen Kirche stehen keineswegs alleine. In vielen Fragen wird er unterstützt von der (hier gesamten) russisch-orthodoxen Kirche im Osten wie von amerikanischen Evangelikalen im Westen. Dabei – und nun wird es richtig spannend – ist der Muselman als möglicher Partner noch gar nicht genannt.

Eigentümlich frei vom 3. Februar:

Die Medienkampagne explodiert. Zuerst schreibt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, höchstselbst in seiner „Bild“: „Es ist moralisch das Allerletzte, das Allerverachtenswerteste, wenn einer das rassistische Morden relativiert. Der Papst hat einen schweren Fehler gemacht.“ [Wird hier nicht insinuiert, der Papst hätte den Holocaust geleugnet? - Catocon]

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Spiegel-Online, die quasi amtliche deutsche Nachrichtenseite im Internet, kennt seit Tagen nur noch ein Thema. Hier eine unvollständige Auswahl von sechs „Spiegel“-Artikeln alleine vom heutigen Tage, die Überschriften alleine sprechen für sich: „Holocaust-Debatte: Merkel fordert Papst zur Klarstellung auf“, „Kritik vom Zentralrat: Verhältnis der Juden zum Vatikan vergiftet“, „Katholische Hardliner: Wie die Piusbrüder gegen Juden, Muslime und Schwule hetzen“, „Päpstliches PR-Desaster: Warum der Vatikan die Krise nicht beherrscht“, „Streit über Holocaust-Leugner: Kardinal Lehmann nennt Papst-Entscheidung Katastrophe“, „Hells Bells: Papst erschüttert Katholiken“.

In jeder der vergangenen Medienkampagne (Möllemann, Hohmann, Herman etc.) spielten die gedruckte „Bild“, Spiegel-Online (und Druck) sowie die Staatsfunker von ARD und ZDF die Rolle der drei Einheizer (ef berichtete). Politiker und Promis flankierten jede der Kampagnen.

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Sprache und Prominenz der Wortmelder sind verräterisch. Inzwischen ahnt auch der Letzte, dass hier ein Religionskrieg ohne Erbarmen geführt wird. Medien und Politik als Hohepriester der säkularen Religion der Politischen Korrektheit verlangen nicht weniger als die Unterwerfung ihres letzten Widersachers. Der Papst „muss“, so fordern sie es offen wie von einem angeklagten Verbrecher, ihrer Anweisung Folge leisten und das in Deutschland strafbewährte „Leugnen des Holocausts“ (gemeint ist konkret ein Infragestellen der sakrosankten Millionenziffer) vom Zivilrecht ins Kirchenrecht übertragen. Eine im Grunde absurde Forderung. Aber in Zeiten, in denen selbst der Deutsche Fußballbund politisch korrekte Elemente in seine Verbandsjustiz einwebt ist auch diese Absurdität nur konsequent. Die neue säkulare Religion strebt wie einst ihre Vorläufer NSDAP oder SED heute nicht mehr allzu verdeckt eine totalitäre Herrschaft über „alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens an“. Ausnahmen selbst im Kirchenrecht können nicht mehr geduldet werden.

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Jede der jüngsten Medienkampagnen vergrößerte den Graben zwischen der veröffentlichten Meinung und dem Volk. Mit jeder neuen Kampagne verlieren Politik und Medien abermals an letzten Vertrauensresten. Die „Welt“ ließ eine Online-Umfrage zu: „Papst Benedikt XVI. hat mit seinen jüngsten Entscheidungen viel Kritik hervorgerufen. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?“, fragt die „Welt“. Die überwältigende Mehrheit von 64 Prozent der bis heute etwa 25.000 Teilnehmer der Abstimmung antwortet: „Sehr gut, er zieht seine Linie durch und macht alles richtig.“ Kommentatoren in Online-Foren werden wie in den vorangegangenen Medien-Kampagnen in Massen zensiert und gelöscht oder in dieser Frage gar nicht erst zugelassen. Die ob der Medien-Hatz empörten Leserbriefe, so sickert aus den Redaktionen durch, gehen erneut in jedem Zeitungshaus in die Tausende.

Und doch herrscht ein geradezu gespenstisches sowjetisches Medien-Einheitsbild. Wie in den besten Zeiten der DDR werden immer neue „klassenbewusste“ Zeugen der Anklage vorgeführt. Darunter auch papst-kritische deutsche katholische Bischöfe. Kann es irgendwen verwundern, dass die vom deutschen Sonderrecht der Kirchensteuer wohlgenährten Vertreter der Amtskirche Vater Staat und dessen Glaubensdoktrinen im Zweifel eher Gefolgschaft leisten als dem heiligen Vater in Rom?

Was hat der Papst eigentlich getan? Er hat vier Exkommunikationen – für gläubige Katholiken so etwas wie eine seelische Todesstrafe – auf persönliche Bitten zurückgenomme. Der Oberhirte aus Rom interessiert sich dabei schlicht nicht für die Riten, Glaubenssätze und Tabus der konkurrierenden Ersatzreligion. Wer glaubt, dass es quasireligiöse Vorgaben nicht mehr gibt, der überprüfe sich einmal selbst beim Versuch, einen Satz zum Holocaust zu sagen. Oder er lese die eingangs zitierten Worte des einflussreichsten deutschen Verlegers.

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Uns wird nun fortlaufend erzählt, dass auch viele Katholiken über den Papst entsetzt seien. Das ist richtig. Es sind aber vornehmlich die Seichten, die der Ersatzreligion der politischen Korrektheit bereits mehr ergeben sind als ihrer katholischen Kirche. Wahr ist aber auch: Für noch mehr Anders- und sogar Ungläubige ist der Papst dieser Tage der letzte Hoffnungsträger der Abwehr einer ins Totalitäre gehenden Politischen Korrektheit, die keinerlei Anstand und Erbarmen mehr kennt. Es sind – vielleicht nicht zur Freude der Piusbrüder – eben auch viele evangelische und orthodoxe (diese ohnehin) Christen sowie nicht zuletzt auch Moslems und Atheisten, die heute nach Rom blicken und sagen: „Sehr gut, er zieht seine Linie durch und macht alles richtig!“

Eine Anmerkung noch zu dem letzten Punkt: Es kommt wirklich nicht mehr darauf an, welcher Religion man angehört, sondern zunehmend nur noch darauf, ob man davon überzeugt ist, daß die Nützlichkeitsideologie transzendierende Werte, Traditionen, individuelle Freiheit (statt kollektive Optimierungsideologie) wichtig und notwendig sind, oder ob man lieber diese FReiheit aufgibt für die Schöne Neue Welt der klinisch reinen „wissenschaftlichen“ Ideologien. Ob christlich oder atheistisch, islamisch oder jüdisch; ob links, grün, liberal oder konservativ; all dies wird keine Rolle mehr spielen. Daher schrieb ich am Ende meines Artikels „Der weise Benedikt: Zur Funktion der Tradition„:

Tradition und Fortschritt – das werde ich nicht müde zu betonen – sind beide notwendig und müssen Hand in Hand gehen. Die Einbindung des Traditionalismus in alle Bereiche der Gesellschaft ist daher eine notwendige Bedingung für den Erhalt unserer Zivilisation. Dies gilt, und damit schließe ich, nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Politik, wenngleich diese natürlich eine höhere Kompromißbereitschaft zum Zeitgeist hin braucht, und erst recht für jeden Einzelnen. Tradition ohne Fortschritt läßt eine Gesellschaft versauern in ewig ausgetretenen Pfaden und führt zur totalen Stagnation; Fortschritt ohne Tradition erzeugt entwurzelte, atomisierte Individuen, die dem ersten Rattenfänger nachlaufen, der sich ihnen anbietet, da sie keine Orientierung und kein Verständnis von Richtig und Falsch besitzen. Derzeit rudern die Konservativen gegen den Strom, und sie verlieren an Boden. Im Papst haben sie einen wichtigen Freund, und da konservative und progressive Haltungen beide erforderlich sind für eine wahrhaft gute Gesellschaft, hat jeder, der am Fortbestand und der positiven Entwicklung unserer Gesellschaft interessiert ist, einen guten Freund im Papst. Und solche gute Freunde braucht die Welt derzeit – ob atheistisch, agnostisch, jüdisch, christlich, islamisch oder was auch immer – wahrhaft dringend. Gut, daß wir ihn haben. Schlecht, daß viele ihn diskreditieren wollen.

Zu der Frage der radikalen Toleranzideologie, auch unter dem Namen „Political Correctness“ bekannt empfehle ich diesen Artikel, den ich vor einiger Zeit geschrieben habe: „Toleranz als Adjutant der Freiheit

Ferner: Jim Kalbs „The Tyranny of Tolerance“ (aus dem letzten Oktober zu diesem seit Jahren an Bedeutung zunehmenden Phänomen)

Die katholische Kirche steht derzeit durch ihren Papst noch eindeutig hinter der Tradition und hinter ihren eigenen Grundwerten (das unterscheidet sie, wie Merkels Äußerungen zum Thema Piusbruderschaft beweisen, von der CDU). Solange dies der Fall ist, hat die Kirche es verdient, daß Menschen aller Glaubensrichtungen (oder gar keiner) ihr für ihre Standhaftigkeit in dieser wesentlichen Frage der Zukunft unserer Zivilisation danken, und sie verteidigen, wenn sie angegriffen wird.

Also bleibe ich dabei: Weiter so, Benedikt!

Benedikt und der Medienhype: Nachtrag

Daß es sich um eine Medienkampagne aus interessierten Kreisen gegen einen konservativen Papst handelt und nicht um ein ehrliches Berichten über einen Konflikt innerhalb der katholischen Kirche über die Piusbruderschaft könnten auch folgende kleine Fakten belegen:

Heute ist der4. Februar 2009. Vor sechs Tagen entschuldigte sich Bischof Williamson für seine Äußerungen und den Schaden, den er dem Papst und der Kirche zugefügt hat. Hier seine tatsächlichen Worte in einem Brief an den Kardinal Castrillón Hoyos:

Your Eminence

Amidst this tremendous media storm stirred up by imprudent remarks of mine on Swedish television, I beg of you to accept, only as is properly respectful, my sincere regrets for having caused to yourself and to the Holy Father so much unnecessary distress and problems.

For me, all that matters is the Truth Incarnate, and the interests of His one true Church, through which alone we can save our souls and give eternal glory, in our little way, to Almighty God. So I have only one comment, from the prophet Jonas, I, 12:

„Take me up and throw me into the sea; then the sea will quiet down for you; for I know it is because of me that this great tempest has come upon you.“

Please also accept, and convey to the Holy Father, my sincere personal thanks for the document signed last Wednesday and made public on Saturday. Most humbly I will offer a Mass for both of you.

Sincerely yours in Christ

+Richard Williamson

Ob man dies nun allein schon für ausreichend hält, um die Worte Williamsons zu entschuldigen oder nicht: Wären die Medien an einer neutralen Berichterstattung interessiert, dann hätten sie dies auch berichten müssen. Offensichtlich sind die Mainstream-Medien aber nicht an einer neutralen, sachlichen Berichterstattung sondern an einer Diffamierungskampagne gegen Benedikt XVI. interessiert, oder allgemein gegen konservative Katholiken, die es wagen, ihrer Überzeugung entsprechend zu sprechen und zu handeln.

Eine fünfminütige Recherche im Internet erbrachte für diesen Brief gleich drei Quellen hervor:

Rorate Caeli; WDTPRS; Scott P. Richards

Und für diese „journalistische Meisterleistung“ habe ich nicht einmal Google gebraucht, keine journalistische Ausbildung, und erst recht nicht die riesigen Ressourcenberge der professionellen Journalisten bei den Fernsehsendern und überregionalen Tageszeitungen, die sich seit Tagen mit dem Fall beschäftigen. Wohlgemerkt: der Brief ist sechs TAGE alt.

Ferner wurde das Interview mit Williamson „zufällig“ in dem Moment bekannt, in dem der Papst die Aufnahme der vier Bischöfe aus der Piusbruderschaft (darunter auch Williamson) bekanntgab. In diesem Zusammenhang sind auch gewisse Berichte interessant, die italienische Religionsjournalisten (die scheinbar ihre Arbeit wenigstens noch ernstnehmen) aus Kreisen des Vatikans berichten. Diesen zufolge sei das Interview, in dem Williamson seine umstrittenen Äußerungen geäußert hat, schon am 22. November 2008 geführt worden, und erst zwei Monate später veröffentlicht worden (freilich BEVOR der Papst seine Entscheidung bekanntgab, wenn auch sehr kurz davo). Diese Unstimmigkeiten und Fragwürdigkeiten und andere führten zu folgenden Berichten:

Paolo Rodari

IlGiornale.it

Und für die des Italienischen nicht oder nur sehr rudimentär mächtigen (wie mich), welche den Inhalt dieser beiden Berichte nur extrem grob verstehen noch eine englische Zusammenfassung und Auszüge des ganzen:

Rorate Caeli

Wie glaubwürdig diese Behauptungen sind, kann natürlich an dieser Stelle nicht beurteilt werden. Merkwürdig ist aber wiederum, daß aus den Mainstream-Medien ABSOLUT NICHTS davon zu hören ist. Diese recyclen jeden Tag erneut dieselben zehn Sätze über die abscheuliche Meinung Williamsons zum Holocaust, die gekünstelte Aufregung verschiedener Katholiken, Politiker und anderer Amtsträger, die sich bei linksliberalen Kreise anbiedern möchten; und das obgleich sich Benedikt noch eine Woche vor der Entscheidung über die Aufnahme der vier Bischöfe öffentlich und DEUTLICH gegen die Leugnung oder Verharmlosung des Holocaust und FÜR einen tieferen Dialog mit anderen Religionen, darunter auch dem Judentum, ausgesprochen hatte!

Berichtet wird auch die verständliche Aufregung aus jüdischen Kreisen, welche explizit eine weitere Versicherung des Papstes fordern, daß er nicht hinter den Worten Williamsons stehe.

Wären die Mainstream-Medien neutral, so gingen sie solchen BErichten und Vorwürfen wenigstens ernsthaft nach, berichteten über sie, und hielten sich mit insinuierten Rücktrittsforderungen gegen den Papst eifrig zurück!

Vielleicht ist der Papst aus Deutschland ja inzwischen aus Schaden klug geworden und findet einige deutliche Worte – oder fällt eine für alle nachvollziehbare Entscheidung.

Und nur drei Zeilen darunter in einem nachträglichen Informationskasten:

Kann ein Papst zurücktreten?

Deutlicher geht es ja wohl nicht mehr. Welche „nachvollziehbare Entscheidung“ die „Journalisten“ wohl meinen? Vorher war an keiner Stelle von einem Rücktritt die Rede, niemand hat ihn dem Artikel zufolge gefordert usw. Aber dann plötzlich diese Frage und die bejahende Antwort. Ach, hielten sich die Medien doch wenigstens an gewisse Minimalstandards der Ehrlichkeit und unterließen plumpe Lügen, Einseitigkeiten und versteckte Rücktrittsforderungen wie diese! Es wenigstens offen zu fordern, sind diese Menschen wohl zu feige!

Mir bleibt nur, die nahezu endlose Reihe von einseitiger Berichterstattung zum Thema beiseite zu lassen, denn meine Zeit ist im Gegensatz zu den Schmierblättern und -sendern dieser Welt stark begrenzt.

Bleib stark, Benedikt! Weiter so!

Nachtrag II: (Von der Homepage der Piusbruderschaft) [7 Tage alt!!]

Stellungnahme des deutschen Distriktoberen zu den Aussagen von Bischof Williamson:

Als Distriktoberer der Priesterbruderschaft St. Pius X. in Deutschland bin ich mit meinen Mitbrüdern erschüttert über die Aussagen von Bischof Williamson hier in diesem Land.

Die Verharmlosung der Judenmorde des NS-Regimes und dessen Greueltaten sind für uns inakzeptabel.

Die Verfolgung und Ermordung von zahllosen Juden im Dritten Reich berührt uns äußerst schmerzlich, verletzt sie doch zutiefst das christliche Gebot der Nächstenliebe, die keine ethnischen Unterschiede kennt.

Ich möchte mich für dieses Verhalten entschuldigen und mich von jedweder Aussage dieser Art distanzieren.

Für uns ist eine solche Distanzierung auch deshalb selbstverständlich, weil der Vater von Erzbischof Lefebvre selbst in einem KZ umgekommen ist und auch viele katholische Priester in Hitlers Straflagern ihr Leben ließen.

Stuttgart, den 27.01.2009

Pater Franz Schmidberger
Distriktoberer

Und ferner: [ebenfalls 7 Tage alt!!]

Kommuniqué des Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius X.
Bischof Bernard Fellay zu Bischof Williamson.

Wir haben von einem Interview Kenntnis erlangt, das Bischof Richard Williamson, der ein Mitglied unserer Bruderschaft ist, dem schwedischen Fernsehen gab. In diesem Interview äußert er sich auch zu historischen Fragen, insbesondere zum Judenmord der Nationalsozialisten. Es ist offensichtlich, daß ein Bischof nur zu Fragen des Glaubens und der Moral mit religiöser Autorität sprechen kann. Unsere Bruderschaft beansprucht keinerlei Autorität über historische oder andere säkulare Fragen. Die Mission der Priesterbruderschaft ist die Verbreitung und Wiederherstellung der authentischen katholischen Lehre, wie sie in den Dogmen niedergelegt ist. Dafür sind wir weltweit bekannt, akzeptiert und geschätzt. Wir sehen mit großer Sorge, wie die Überschreitung dieses Auftrages durch unser Mitglied unserer religiösen Mission schweren Schaden zufügt. Wir bitten den Heiligen Vater und alle Menschen guten Willens um Entschuldigung für den dadurch hervorgerufenen Ärger. Dabei muss klar sein, dass diese Äußerungen in keiner Weise die Haltung unserer Gemeinschaft wiedergeben. Deshalb habe ich Bischof Williamson bis auf weiteres jedwede öffentliche Stellungnahme zu politischen oder historischen Fragen untersagt.

Die ständig vorgebrachten Anklagen gegen unsere Bruderschaft dienen offenkundig auch dem Zweck, unsere Mission zu diskreditieren. Das werden wir nicht zulassen, sondern fortfahren, die katholische Lehre zu verkünden und die Sakramente in ihrer altehrwürdigen Form zu spenden .

Menzingen, den 27. Januar 2009

Bischof + Bernard Fellay
Generaloberer

Doch die Medien möchten ja weder hören noch sehen. Der Skandal ist einfach zu schön für sie.

Der weise Benedikt: Zur Funktion der Tradition

1. Einleitung: Medienhype

Viel Aufhebens wird derzeit getrieben um die Piusbruderschaft in der katholischen Kirche. Papst Benedikt XVI. hatte vier Persönlichkeiten aus dieser Gruppe, die bislang suspendiert waren, in die Kirche zurückgeholt. Eine dieser Persönlichkeiten hatte ohne Wissen und Zustimmung des Papstes Äußerungen getan, die sich Medienberichten zufolge als Leugnung des Holocausts deuten lassen. Hierzu habe ich keine Meinung, da ich die Äußerungen in Original nicht gelesen oder gehört habe. Anders ist es aber bei dem Medienhype gegen Benedikt, der sich in der deutschen Presse abspielt. Ob Williamson die perverse und nach allen historischen Quellen falsche Auffassung vertritt, den Holocaust habe es nie gegeben, oder nicht, scheint gar nicht mehr das Thema zu sein. Denn daß der Papst oder die katholische Kirche diesen Äußerungen zustimmen, stand niemals zur Debatte. Die katholische Kirche bezweifelt nicht den Holocaust, sondern bemüht sich seit langer Zeit um gute Beziehungen zu Angehörigen der jüdischen Religion. Kritisiert wird in den Medien hauptsächlich die wahlweise „erzkonservative“, „ultrakonservative“ oder einfach nur „konservative“ Haltung der Piusbruderschaft zu einer ganzen Reihe von Themen, darunter an prominenter Stelle das II. Vatikanische Konzil. Dieses, und darin vor allem die seither in Landessprache zu haltende Messe, lehnt diese Gruppe ab.

2. Wie Blätter im Wind

Damit steht sie in Opposition zu der Gruppe der katholischen Kirche, die auch in Deutschland vorherrschend ist, und als Hauptziel die Anpassung der Kirche an den Zeitgeist sieht. Doch ist dies für eine Kirche, zu deren Glaubensgrundsätzen gehört, daß sie im Besitz ewiger Wahrheiten (aus der Bibel) ist, nicht ein merkwürdiges Ziel? Ganz sachlich betrachtet kann jemand, der sicher weiß, daß er im Recht ist, nicht einfach eine radikale Kehrtwende machen, ohne sich lächerlich zu machen. Wenn die Kirche daher im Widerspruch zum Zeitgeist steht, dann kann der gläubige Katholik nicht die Kirche verändern wollen, sondern nur den Zeitgeist. Diese elementare Einsicht fehlt den Bischöfen und Kardinälen, die heute in Deutschland in der katholischen Kirche zu sagen haben, aber offensichtlich völlig. Und die Medien akzeptieren die von ihnen regelmäßig als „altmodisch“ gebrandmarkte Kirchenvertreter (selbst in ihrer weichgespülten „modernisierten“ Version) nur dann, wenn diese regelmäßig vor dem Altar der Moderne Verbeugungen machen. Werden diese verweigert, berichten die Medien sehr negativ (man erinnere sich an Bischof Mixa, welcher es in gemäßigter Form gewagt hatte, die kinderfeindliche Familienpolitik der letzten Jahre sowie die egozentrischen Aktionen vieler heutiger Eltern zu kritisieren, und auf die offensichtliche Alternative hinzuweisen). Wenn jemand sogar wagt, den (Post-)Modernismus des Zeitgeistes offen beim Namen zu nennen und eine Rückkehr zu bewährten, zeitgeprüften Positionen zu fordern, dann bleibt es nicht mehr bei der negativen Berichterstattung, es kommt zu Hetzjagden. Dies ist derzeit bezüglich des Papstes und der Piusbruderschaft der Fall.

Das zweite Vatikanum war das Zeichen der katholischen Kirche, daß sie bereit vor, vor den Kräften des Modernismus zu kapitulieren (oder diesen zumindest entgegen zu kommen) . Schritt für Schritt hat die Kirche unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu einem moderateren Kurs zurückgefunden und wieder einen Dialog mit dem konservativen Flügel der eigenen Kirche begonnen. Zu einem solchen Dialog gehört auch, daß man die Abweichler als legitime Mitglieder der eigenen Organisation anerkennt und nicht weiter ausgrenzt. Daß dies denselben Kirchenfunktionären nicht gefällt, die bis heute noch nichts daran finden, daß sie über viele Jahre Komplizen bei dem Verbrechen der legalen Massenabtreibung in Deutschland waren (durch die Ausstellung von Darf-Scheinen nach pro-forma-Beratungen), ist offensichtlich und auch verständlich. Wer den Zweck einer Kirche darin sieht, sich so weit nach dem Wind zu neigen, bis das Rückgrat bricht, der sollte sein Glück in der CDU versuchen, denn derartige Leute kommen dort sehr schnell bis in die höchsten Parteiämter, aber er sollte doch bitte nicht versuchen, die Position der Kirche zu beeinflussen.

Eine Kirche ist keine politische Organisation. Politische Organisationen wie z.B. Parteien müssen aktiv am Beschluß von Gesetzen mitarbeiten, und dazu auch häufig Kompromisse eingehen (auch hier gibt es allerdings Grenzen, die in den fundamentalen Prinzipien liegen; wer keine hat, sollte auch nicht in einer Partei aktiv werden, sondern ein großes Unternehmen managen). Solche Kompromisse können etwa dazu führen, daß man ein Gesetz akzeptiert, das man für völlig verfehlt hält, um etwas durchzusetzen, das aus der eigenen Sicht notwendig ist; oder um Schlimmeres zu verhindern. Im Politischen gibt es immer Spielräume für Abweichungen von den eigenen Positionen, weil pragmatische Entscheidungen getroffen werden. Praktische Politik ist die Kunst, soviel wie möglich an als richtig empfundenen Positionen durchzusetzen. Davon unterschieden werden muß die Aufgabe der Kirche. Denn die Kirche ist nicht im Parlament und entscheidet auch nicht über Gesetze (zumindest heute nicht mehr). Und solange sie nicht über Gesetze entscheiden muß, ist sie verpflichtet, ihre Ansichten und Prinzipien, auch dem Zeitgeist entgegen, vorzutragen und friedlich für sie zu streiten.

Eine Kirche, welche sich nach dem Wind neigt, um mehr Gläubige in ihren Reihen zu begrüßen, oder ihre Doktrin ändert, weil diese unpopulär geworden ist, wird schnell an Mitgliedern verlieren. Nicht umsonst ist die Vereinigung, die früher als Evangelische Kirche bekannt war, inzwischen weder präsent noch steht sie für irgendetwas, außer die diffuse Wohlfühlreligion einer Frau Käßmann (ich sagte es bereits: sie steht für gar nichts). Funktional gesprochen gibt Religion Halt in der Welt. Beginnt Religion, sich im Wind zu beugen, wird sie bald überflüssig. Dies ist der evangelischen Kirche in Deutschland bereits so gegangen, und wenn der Papst irgendwann einmal der Auffassung der jetzt protestierenden Kirchenmänner folgen sollte, wird es der katholischen Kirche auch so gehen.

Würde man Umfragen machen in den Kreisen der deutschen Medien- Politik- und Wirtschaftselite, die evangelische Kirche wäre sicher weit beliebter. Die katholische Kirche ist extrem unpopulär wegen ihrer konsequenten Haltung zu Themen wie Verhütung, Abtreibung und Homosexualität - zumindest außerhalb ihrer bis heute signifikanten und stabilen Anhngerschaft. Jeder mag die evangelische Kirche irgendwie, aber niemand besucht sie, und niemand nimmt sie als Religionsgemeinschaft ernst.

Die Haltung Benedikts zur Piusbruderschaft ist eine der vorsichtigen Annäherung, Benedikt selbst hat Sypathien für den konservativen Flügel der katholischen Kirche (also nicht den linksliberalen Flügel, den die Medien für konservativ halten, der dies aber nur in der verzerrten Perspektive der Medien auch ist), gehört ihm aber nicht an. Eine katholische Kirche, die Einfluß auf die Köpfe und Herzen der Menschen nehmen will – und dies ist ein wesentlicher Auftrag der Kirche nach ihrem eigenen Verständnis – kann sich nicht abgrenzen, nein, soll sich nicht abgrenzen, gegenüber Strömungen, die traditionellen Katholizismus einfordern statt modernisierter Weichspülreligion. In einer Zeit der steten Erneuerung, in der die Dinge sich schneller ändern, als selbst die ultraflexiblen unter den Fortschrittlichen sich noch an sie anpassen können, braucht die Welt feste Pfeiler, an denen Menschen sich festhalten können, die ihnen die Gelegenheit bieten, nicht vom Strom des Zeitgeistes und des Trends mitgerissen zu werden, sondern innezuhalten und zu reflektieren, ob der von allen hysterisch begrüßte Wandel wirklich gut ist, oder ob nicht an einigen Stellen korrigiert werden muß. Solche Pfeiler sind Religionen und Philosophien.

3. Fortschritt als Naturgewalt?

Schnelle Fluten des Wandels haben für die in ihnen Gefangenen eine gewisse Naturgewalt, eine Notwendigkeit und eine Unausweichlichkeit. Darin ähneln sie den in der Natur auftretenden Fluten. Von ihnen mitgerissen ist man versucht, nur noch irgendwie mitzukommen, damit das Boot nicht vollends kentert, während es nach vorn gerissen wird. Doch trotzdem müssen Kurskorrekturen gemacht werden – und wenn vor dem Bug ein Wasserfall auftaucht, dann braucht das Schiff jemanden, der ihn rechtzeitig sieht, und eine Mannschaft, die mit aller Kraft gegen die Strömung anrudert. Den Überblick zu behalten in den chaotischen Zeiten des Wandels ist ohnehin nicht leicht. Aber angefeuert von einer Horde Medienvertreter, Wirtschaftsbosse und Politiker, geht es heute nur noch darum, ob man mit aller Kraft und gesenktem Blick nach vorn rudern soll, oder sich einfach von den Kräften des Marktes, der Globalisierung und der gesellschaftlichen Entropie mitreißen lassen soll. Zwischen diesen scheinbaren Gegensatzpolen bewegt sich der öffentliche Diskurs in Deutschland. Da ist es nur natürlich, daß dem Deutschen heute das Vokabular in aller Regel fehlt, um die Unterschiede zu beschreiben, die einen deutschen Bischof von Lefèbvre und der ihm nachfolgenden Piusbruderschaft trennt.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Bischof immer konservativ, da er weniger enthusiastisch den Kurs des Ruderns in Strömungsrichtung bei gesenktem Kopf unterstützt, als nahezu alle Meinungsführer. Und dennoch sind diese Bischöfe sehr angepasst an den Zeitgeist, und versuchen mit einer bewusst gemäßigten, pragmatischen Position die Kräfte des Fortschritts in einen Diskurs darüber zu verwickeln, ob man nicht in einigen wenigen Punkten mal wieder den Blick heben sollte, und sich überlegen, ob der Kurs noch stimme. Der Papst selbst, mit seiner konservativen Grundausrichtung, ist skeptisch der Moderne und vielen ihrer (Fehl-)Entwicklungen gegenüber, ob er persönlich das zweite Vatikanum ablehnt, weiß ich nicht – er versteht jedenfalls diejenigen, die es am liebsten täten. Die Piusbruderschaft lehnt den Wandel in der Kirche und der Gesellschaft im Wesentlichen ab – nicht aufgrund von Ablehnung des Wandels überhaupt, es geht vielmehr um Tempo und Richtung. Diese traditionalistische Haltung ist völlig unverständlich für denjenigen, dessen Geschichtsbild ein unaufhaltsames Fortschreiten des Menschengeschlechts in immer aufgeklärtere, bessere Weltzustände umfasst – und erst recht für denjenigen, der überhaupt kein Geschichtsbild hat, da man „in die Zukunft blicken“ muß.

Daß eine Medienlandschaft, für die Geschichtsbetrachtung sich in einer ewigen Geißelung der gleichen Verbrecher, so wichtig sie für sich genommen auch ist, erschöpft, kann eine konservative oder traditionalistische Haltung notwendig nicht verstehen. Warum will jemand an einer Messe auf Latein festhalten, wenn doch die Kirchgänger kaum Latein verstehen? Warum nicht in Landessprache? Wer nicht die autoritative Stimme der Tradition hören kann, wird einer solchen Frage gegenüber sprachlos bleiben – es sei denn er sagt: „es gibt keinen Grund dafür“. Wer glaubt, daß jede Generation die Welt neu erfinden solle, oder überhaupt könne, der wird keinen Widerstand gegen den Fortschritt verstehen. Wer aber überzeugt davon ist, daß die Tradition nützliche Einsichten enthält, weil in der Vergangenheit viele Probleme in derselben oder analoger Form existierten, der kann auf ein enormes Potenzial an Weisheit zurückgreifen – einiges davon wird bei Anwendung sich als fehlerhaft erweisen und einiges wird fehlerhaft angewendet werden. Doch eine solche Quelle der Weisheit verschließt sich derjenige, der mit dem Satz „das ist jetzt Geschichte“ meint, es sei unbedeutend geworden.

4. Dialog mit der Tradition

Ob man nun das II. Vatikanische Konzil befürwortet oder ablehnt, darum geht es bei dem aktuellen Skandal nur peripher (denn Benedikt hatte keine Umkehr in dieser Frage beschlossen, sondern die Aufnahme einiger Bischöfe, die in Opposition zu den Beschlüssen dieses Konzils stehen). Noch weniger geht es um die skandalösen Äußerungen eines Williamson. Es geht darum, ob es zulässig ist, wenn eine Kirche einen respektvollen internen Dialog über den Kurs der Modernisierung im Inneren und in der die Kirche umgebenden Außenwelt führt, oder ob dies in Deutschland nicht akzeptabel ist. Kurz gesagt: Ist die katholische Kirche dialogfähig mit ihrer eigenen Tradition, oder lehnt sie diese generell ab? Sollte sich die Kirche letztlich entscheiden, mit ihrer eigenen Tradition vollends zu brechen, und die Zeit vor dem zweiten Vatikanum mit Denkverboten zu belegen (wie sie es durch die Exkommunikation Lefèbvres bereits einmal versucht hat), dann würde sie zu einer zweiten evangelischen Kirche: mutlos, leer und totgeweiht.

Denn in den oben erwähnten reißenden Fluten des Wandels braucht es jemanden, der den Überblick behält, woher das Boot kommt und wohin es will. Die Reise, auf der sich die Gesellschaft befindet, darf nicht bloß bestimmt sein durch die Strömung, in der man sich zwecks Genuß der Schiffsvorräte gerade treiben lässt – und zwar um so weniger, je rapider der Wandel, je schneller die Strömung ist. Und wie gesagt sind es gerade Religionen und (aufgrund ihrer schwächeren Verwurzlung im Transzendentalen und damit Zeitlosen) in geringerem Maße auch Philosophien, welche Orientierung bieten und Verständnis erlauben, und welche nicht mit dem Zeitgeiste, sondern sich widerborstig ihm entgegenstellend, die richtigen Fragen aufwerfen. Wohin treibt eine westliche Zivilisation, inder jede dritte Schwangerschaft (und mehr in Osteuropa) vorzeitig durch Tötung des Kindes unterbrochen wird? In der der Akt der Fortpflanzung, der Sexualakt, keinerlei Verbindung mehr besitzt zur Erzeugung des Lebens, in der also nicht bloß diese Verbindung durch moderne Mittel etwas gelockert wird, sondern in der sie zunehmend vollkommen verloren geht? In der die allermeisten Menschen sich durch materiellen Wohlstand definieren, und so tun als ob es mehr als dies nicht zu erreichen gäbe; als ob das höchste Ziel im Leben eines Menschen die Befriedigung seiner sinnlichen Triebhaftigkeit wäre? In der der Mensch zunehmend als vollständig durch seine Biochemie und Neurologie, durch DNA und elektrische Impulse, definiert angesehen wird – und mithin auf das Niveau von Tieren herabfällt (ein Wandel der fälschlich gern einer gestiegenen Achtung für Tiere zugeschrieben wird, was aber zumindest bei den zugrunde liegenden Philosophien dieser Bewegung in keiner Weise stimmt)? Was ist mit einer Gesellschaft, die sich zunehmend in die Hände einer globalisierten Politik-, Medien- und Wirtschaftselite begibt, und dies nicht als Freiheitsverlust empfindet, weil sie Angst vor der Freiheit hat, da diese Verantwortung verlangt – eine Verantwortung, die zunehmend zu einer Globalen stilisiert wird – mit der Folge der totalen Überforderung aller Menschen?

5. Funktion der Tradition

Diese reißenden Fluten des Wandels reißen fast jeden mit. Und niemand hat je darüber ernstlich nachgedacht, ob das, was man aufgibt, wirklich so unbedeutend oder schändlich ist, daß es keine Verteidigung und keinen Einsatz mehr verdient. Die Orientierungslosigkeit ist in der modernen Zeit fast mit Händen zu greifen. Der Mensch soll seine Vernunft gebrauchen, aufgeklärt und emanzipiert sein. Doch zurückgeworfen auf seine persönliche Vernunft stellt er fest, daß die Welt zu komplex ist, als daß er sie durchdringen könnte. Er sucht also nach Hilfe bei dieser Aufgabe. Tausende von Selbsthilfegruppen, Sekten und Kulten tun sich auf, die Enttäuschung und Verzweiflung des Menschen mit sich und der Welt wächst. Demagogen ergreifen die Chancen, die sich bieten und preisen einfache Patentlösungen für ungeheuer komplexe Probleme an, einfache Lösungen, die nur erfordern, daß der Mensch seine Freiheit an jemanden abgibt, an einen Macher am besten, oder einen selbsternannten Führer. Aber ist die Welt wirklich so viel komplexer geworden als früher? Sie ist komplexer geworden, aber ihre generellen Strukturen können nach wie vor verstanden werden, die Welt ist nicht zufällig und Wandel ist kein Naturgesetz. Er kann gestaltet werden – nicht so, wie diejenigen wollen, die nicht müde werden zu behaupten, sie wollten „die Globalisierung gestalten“, also nicht durch globale Institutionen, die globale Entscheidungen treffen – aber der Wandel kann gestaltet werden durch jeden Einzelnen, der in der Welt handelt. Denn der Wandel ist kein Naturgesetz sondern das aggregierte Resultat der Einzelhandlungen von Millionen von Individuen. Jedes dieser Individuen besitzt Willensfreiheit, ist also Autor der eigenen Handlungen. Also hängen Tempo und Richtung des Wandels niemals von unpersönlichen Mächten (wie dem „globalen Finanzkapital“) ab, und kann niemals von anderen unpersönlichen Mächten (wie der UNO, der WTO, der Weltbank usw.) gesteuert oder „gestaltet“ werden. Tempo und Richtung des Wandels hängen einzig und allein von den freien Entscheidungen der Individuen ab. Die Individuen können also durch bewußtes Handeln auf individueller Ebene den Wandel gestalten. Doch wenn ihnen die Welt undurchsichtig erscheint, sie orientierungslos macht, dann sind sie blind und handeln nicht, oder nicht in ihrem eigenen Sinne. Ihr Handeln verliert jegliches Ziel und kann leicht manipuliert werden. Dies ist, was in der modernen Gesellschaft geschehen ist.

Der Mensch ist abgetrennt von den traditionellen Quellen seiner Weisheit unfähig, nur auf sich gestellt, die Welt zu verstehen. Er hat gelernt, durch jahrelange Indoktrination, daß die Tradition schlecht ist, und die Vergangenheit nur als abschreckendes Beispiel dienen kann. Im Jahre 2008 war viel zu hören über den 70. Jahrestag der sogenannten „Reichskristallnacht“, aber nahezu nichts über den 160. Jahrestag der friedlichen Paulskirchenrevolution, oder den 90. Jahrestag der Gründung der Weimarer Republik. Diese tendenziöse, hoch selektive Geschichtsauffassung trägt ihren Teil dazu bei, daß die Vergangenheit als grauenhafter, rückständiger Moloch begriffen wird, aus dem man so schnell wie möglich entkommen muß. Alles ist besser als das, wird suggeriert. Und der Mensch mit begrenzten Fähigkeiten, Interessen und Zeitressourcen, ist gezwungen das meiste davon zu glauben. Aber ohne Tradition und die daraus erwachsende Handlungsanweisung ist der Mensch überfordert mit der Welt. Er wendet sich an die schon erwähnten Scharlatane.

6. Entfremdung des Menschen von seinen Traditionen

Unabhängig davon, ob die christliche Religion wahr ist oder nicht (was letztlich Glaubenssache ist, und durch die empirische Wissenschaft in keine Richtung entschieden werden kann), bietet sie doch einen Haltepunkt in dieser Welt, welcher (obwohl er natürlich mißbraucht werden kann und mißbraucht worden ist, wie alles in der Welt) zu vielen positiven Handlungen geführt hat. Der Katholizismus stellt eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten dar, einer Tradition zu folgen, die für viel Positives verantwortlich zeichnet, und viel zu bieten hat – ob man die religiösen und theologischen Auffassungen teilt oder nicht. Der Versuch, gegen den traditionellen Katholizismus Front zu machen, der im Moment in den Medien unternommen wird (und traurigerweise auch von einigen katholischen Würdenträgern Unterstützung findet), ist nur ein winziger Teil dieser langanhaltenden und gründlichen Entfremdung der Menschen von ihren Traditionen, und damit von der Weisheit, die dem Menschen, eben weil sie einige Grundfragen für ihn vorentscheidet, in allen Belangen des alltäglichen und politischen Lebens die Freiheit gibt, informierte, rational begründete Entscheidungen zu treffen.

Daß diejenigen, deren Ziel die Einrichtung eines zentral gelenkten Weltstaates ist, und diejenigen, welche eine Herrschaft einiger gigantischer transnationaler Konzerne antreben, die Abtrennung des Menschen von seinen Traditionen befördern und für notwendig erklären, ist nur allzu verständlich. Eben weil der Mensch von den Traditionen, den alten Zwängen und Regeln, dem oft beklagten „Moralkorsett“, den Sitten und Gebräuchen seiner Vorfahren „befreit“ wird, schwebt er als zielloses Atom durch die Welt; und kann deswegen so leicht den Scharlatanen ins Netz gehen, die nur die eigenen Macht- und Profitinteressen im Auge haben.

7. Konklusion: Weiter so, Benedikt!

Die Piusbruderschaft lehnt diese Entwicklung kategorisch ab, und hält deswegen sogar an Traditionen fest, wie der Messe auf Latein, die auf den ersten Blick nicht mehr unbedingt notwendig erscheinen, eben weil es auch keinen zwingenden Grund gibt, solche Traditionen abzuschaffen. Der Papst teilt dieses Prinzip, wenn auch wahrscheinlich nicht die konkrete Anwendung des Prinzips auf das II. Vatikanische Konzil. Auch für ihn ist die Tradition ein wichtiger und notwendiger Pfeiler, ohne den Freiheit immer in Hilflosigkeit und Überforderung enden muß. Auch Benedikt weiß, daß Freiheit wegen der Begrenztheit der menschlichen Natur als natürliches Korrelat immer die Tradition braucht, wenn sie nicht mißbraucht werden soll. Aufgrund dieser Ähnlichkeiten ist der Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl (oder besser demjenigen, der darauf sitzt…) und der „ultrakonservativen“ Piusbruderschaft so wichtig.

Leider liefern einige Wirrköpfe wie Williamson der Medienkampagne gegen diesen Dialog immer neue Munition – auch dies ein Hinweis, wie beschränkt die menschliche Natur ist! – und lassen die Illusion entstehen, es handle sich nur um ein Aufbegehren gegen „Antisemitismus“. Dies ist bedauerlich und schädlich für das Ziel des Dialogs mit einer wichtigen Gruppe von „Dissidenten“ innerhalb der katholischen Kirche. Es wird sich aber nicht ändern lassen. Wenn jemand eine Kampagne haben will, dann wird er sie bekommen. Der Papst muß deutlich machen – und tut dies auch – daß er den Antisemitismus Williamsons nicht teilt. Aber er muß auch deutlich und klar daran festhalten, daß nur der Dialog mit den Traditionalisten die katholische Kirche bewahren kann als Institution der Reflexion über die Richtung des „Fortschritts“ in der modernen Zeit. Wie gesagt, solche Pfeiler braucht die Welt, und selbst nichtreligiöse Menschen werden am Ende von der Standhaftigkeit des Katholizismus profitieren, und zwar selbst dann, wenn Jesus nicht wieder auferstanden ist und Maria nicht Jungfrau war.

Tradition und Fortschritt – das werde ich nicht müde zu betonen – sind beide notwendig und müssen Hand in Hand gehen. Die Einbindung des Traditionalismus in alle Bereiche der Gesellschaft ist daher eine notwendige Bedingung für den Erhalt unserer Zivilisation. Dies gilt, und damit schließe ich, nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Politik, wenngleich diese natürlich eine höhere Kompromißbereitschaft zum Zeitgeist hin braucht, und erst recht für jeden Einzelnen. Tradition ohne Fortschritt läßt eine Gesellschaft versauern in ewig ausgetretenen Pfaden und führt zur totalen Stagnation; Fortschritt ohne Tradition erzeugt entwurzelte, atomisierte Individuen, die dem ersten Rattenfänger nachlaufen, der sich ihnen anbietet, da sie keine Orientierung und kein Verständnis von Richtig und Falsch besitzen. Derzeit rudern die Konservativen gegen den Strom, und sie verlieren an Boden. Im Papst haben sie einen wichtigen Freund, und da konservative und progressive Haltungen beide erforderlich sind für eine wahrhaft gute Gesellschaft, hat jeder, der am Fortbestand und der positiven Entwicklung unserer Gesellschaft interessiert ist, einen guten Freund im Papst. Und solche gute Freunde braucht die Welt derzeit – ob atheistisch, agnostisch, jüdisch, christlich, islamisch oder was auch immer – wahrhaft dringend. Gut, daß wir ihn haben. Schlecht, daß viele ihn diskreditieren wollen.

Die Antwort: Ein reinigendes Gewitter

Kürzlich schrieb ich über die Finanzkrise in den USA den Artikel „Die 700-Milliarden Dollar-Frage“. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels ging es noch um die FRage, ob das Rettungsprogramm beschlossen würde, oder nicht. Inzwischen geht es höchstens noch um kleine Details. Im Prinzip ist es beschlossene Sache, daß abermals unverantwortliche Menschen nicht für ihre Verantwortungslosigkeit haften müssen. Ich sage zu den Managern, Bankern und Investoren: Rettet den Kapitalismus! Spielt fair!

Dies schreibt Rod Dreher über die Finanzkrise in den USA:

Complex financial instruments come and go, but the hearts of men remain the same. Greed, vanity and hubris we always have with us, as well as a weakness for the soft sophisticated lie over the hard plain truth. About human nature, tradition – the accumulated wisdom of mankind – is never wrong. True conservatives – as opposed to those who confuse mammon-worship with moral and intellectual principle – know that a tolerable order can only exist when most people live by the moral laws articulated in time-worn banalities.

Eine der einfachsten Einsichten zum Thema, die ich in der bisherigen Debatte über die Krise gehört habe. Und dennoch eine der wichtigsten und aussagekräftigsten. Experten, Ökonomen und informierte Menschen (drei Worte – drei Welten) untersuchen seit Tagen die diversen Ursachen. Diejenigen, die wirklich Ahnung haben suchen schon viel länger nach den Ursachen. Und dennoch ist es diese Einsicht, so oft übersehen, so oft mit nichts als Geringschätzung bedacht, die wirklich zählt: Der Kapitalismus kann nur dann funktionieren, wenn die Menschen, die innerhalb des Systems aktiv sind, den Kapitalismus transzendierende Werte besitzen und befolgen. Gier ist nicht gut. Geiz ist nicht geil.

In einem Sinne ist das kapitalistische Gewinnstreben gut und unerläßlich für eine wohlhabende Gesellschaft. Die Marktwirtschaft kann nicht ohne dieses Gewinnstreben funktionieren. Aber es ist so etwas wie eine Sekundärtugend: Es besitzt keinen Wert an sich, ist aber nützlich für das Erreichen gewisser Ziele. Wie alle Sekundärtugenden bedarf auch das Gewinnstreben der freiwilligen Mäßigung durch den Menschen. Gerät es außer Kontrolle mutiert es zu destruktiver Gier, die nicht nur moralisch verurteilenswert ist, sondern auch die Grundlage des Kapitalismus erodiert. Der freie Markt kann nur funktionieren, wenn jemand dafür sorgt, daß die Spielregeln nicht mißachtet, umgangen und gebrochen werden. Er ist dann besonders erfolgreich, wenn die große Mehrheit der Menschen die Spielregeln freiwillig akzeptiert, wenn „Fair Play“ Ehrensache ist. Dann brauchen wir keinen Schiedsrichter.

Im Snooker, einer Sportart, die sich noch etwas von dem alten, heute oft lächerlich gemachten Gentleman-Ideal erhalten hat, ist es verboten die weiße Kugel mit etwas anderem als dem eigenen Queue zu berühren. Oft ist aber kaum sichtbar, wenn einer der Spieler den Ball mit der Weste berührt. Meistens sieht der Schiedsrichter das Vergehen nicht, der Spieler bemerkt den Vorfall natürlich. Der Spieler informiert in solchen Situation grundsätzlich den Schiedsrichter, selbst wenn er dadurch im Finale der Weltmeisterschaften verliert. Es ist Ehrensache, nicht zu betrügen.

Nicht alle Menschen sind in der Lage, dieses Niveau an Ehrlichkeit aufzubringen, wenn es um große Summen Geldes geht. Manche halten Ehrlichkeit ohnehin nur für eine Tugend, wenn sie ihnen entgegengebracht wird, nicht wenn sie sie selbst aufbringen müßten (eine Ansicht, die von der heute populären Ansicht, daß es nur eine Regel gibt, nämlich die nicht erwischt zu werden, massiv unterstützt wird). Andere wiederum sind schlicht geblendet, nein verblendet, von ihrer besinnungslosen, raubtierhaften Gier.

Wenn „Fair Play“ Ehrensache ist, dann ist kein Schiedsrichter erforderlich. Wenn nicht, dann geht es zu wie zuweilen im Fußball, wo es immer wieder zu bösen Fouls kommt, wenn der Schiedsrichter einmal nicht hinsieht. Der Markt funktioniert im Großen und Ganzen, wenn sich alle an die Spielregeln halten, die ein Staat marktkonform gesetzt hat. Den Regeln zu gehorchen erfordert Kontrolle. Selbstkontrolle oder Fremdkontrolle.

Was immer man auch sonst über die Finanzkrise in den USA sagen mag, was immer man auch sonst über den Kapitalismus als solchen denken mag (sofern man ihn nicht gänzlich ablehnt), eines sollte man einsehen können, gerade auch als Manager, gerade auch als Banker. Wenn man so sehr über die Stränge schlägt, so sehr Risiken eingeht, daß die massiven Verluste wahrscheinlich sind, in der Hoffnung, daß man herausgepaukt wird, wenn alles in sich zusammen stürzt, um im Erfolgsfall gigantische Gewinne zu realisieren, dann zeigt man damit moralische Unreife. Diese Einsicht mag für sich noch keine Probleme lösen, aber sie befähigt uns – die Steuerzahler, die Politik, aber auch die vernünftigen Kräfte in der Wirtschaft – uns richtig zu verhalten.

Diese moralische Unreife ist der eigentliche Grund für die Finanzkrise. Unter der Annahme, daß alle ohnehin versuchen werden, das System auszubeuten, kann man dafür argumentieren, daß man mehr Regulierungen braucht, weil die Ausbeutung dem System zu sehr schadet, als daß es noch funktionsfähig bliebe. Man kann auch dafür argumentieren, daß die Ausbeutung noch erträglich ist und zusätzliche Regulierung mehr schaden als nutzen könnte. Diese Debatte, die im Moment geführt wird, läuft unter der Prämisse, daß man von Menschen nicht erwarten kann, sich moralisch reif zu verhalten. Unter dieser Prämisse – und nur unter dieser Prämisse – läßt es sich rechtfertigen, einen Rettungsanker im Wert von 700 Milliarden auszuwerfen.

Geht man – wie ich – davon aus, daß Menschen fähig sind, moralisch reif zu handeln, dann ist die Idee, daß man Milliardenbeträge an Steuergelder aufwerden sollte, um eine verdorbene Bande von gierigen Milliardären vor dem Ruin zu retten absurd. Und weil die Ursache der Probleme nicht nur im Finanzsystem zu suchen ist, sondern u.a. auch in diversen Plänen etwa der Clinton-Regierung, die Hauseigentümerrate unter eigentlich nicht zahlungsfähigen Minderheiten zu erhöhen (sprich „Affirmative Action“) geschuldet sein könnte (und vielen anderen ähnlichen Eingriffen, die mir im Detail nicht so gut bekannt sind), tragen nicht nur die moralisch unreifen Banker die Schuld, sondern auch die moralisch unreifen Politiker, die eine umgekehrte Form des Rassismus praktizieren, und die moralisch unreifen Wähler, die solche Akte unterstützen mit ihren Stimmen. Wegen der weit verbreiteten Schuld an der Problematik ist es nicht zu rechtfertigen, daß jetzt Steuergeldet aufgewendet werden, um die Schuldigen zu retten, selbst dann, wenn die Unterlassung dieser Rettung zu einer tiefen Rezession führen sollte.

Die Folgen sind unabsehbar, was jeden Versuch der folgenethischen Betrachtung obsolet macht. Es bleiben die einfachen Weisheiten, von denen Dreher redet, die sich wieder und wieder im Kleinen wie im Großen bewährt haben. Das gebrannte Kind scheut das Feuer nur dann, wenn es sich verbrannt hat. Wenn man ihm den Schmerz erspart, sucht es das Feuer auf, um die Aufmerksamkeit zu gewinnen, die notwendig ist, um den Schmerz zu verhindern. Mit anderen Worten: Hilft man dem Bankensystem jetzt auf die Füße, wird es in einigen Jahren, ermutigt von der Tatsache, daß sie sich alles leisten können, noch größere Risiken eingehen, noch spektakulärer zusammenbrechen. Hilft man jetzt mit 700 Milliarden aus, führt man damit den nächsten Zusammenbruch indirekt herbei, indem man den ANreiz geschaffen hat, noch mehr zu riskieren.

Wann werden die Politiker entscheiden, daß es genug ist? Wie viel Kredit haben die Banken? Und wie hoch ist das Lösegeld, um die Bürger von dem Würgegriff der Banken freizukaufen? Mit erhobenem Zeigefinger wird gedroht: Wenn ihr uns nicht rettet, bricht alles zusammen. Wer wird das die Courage haben, zu sagen: „Na und?“ Es wird gedroht: Die Welt wie wir sie kennen, wird einstürzen, weil es eine Rezession geben wird, gegenüber der die Große Depression nach 1929 als Bagatelle erscheinen wird. Wer wird ehrlich genug sein, zu sagen: „Diese Rezession wird kommen.“

Kurzum: Nötig wäre, daß man den kaum mehr verhohlenen Drohungen nach dem Motto „Ihr braucht uns mehr, als wir euch, also tut was wir sagen!“ ein Ende macht. Aber wer wird das tun? Mit Sicherheit nicht diejenigen, die in Europa, in Washington und anderswo Mammon anbeten und sich „konservativ“ nennen.

Präsident Bush hätte die einmalige Chance gehabt, dies zu tun, schließlich wird er niemals wieder gewählt werden können. Seine Amtszeit ist nahezu vorbei. Aber er ist nicht konservativ und kapitalistisch. Er mag bloß Geld.

Es ist schwül in der Weltwirtschaft. Wir brauchen keinen Eimer Wasser. Wir brauchen ein reinigendes Gewitter.

Zur Beilegung des Insurrektionsstreits

Eine Gesellschaft, in der alles immer beim Alten bleibt, die sich nie wandelt und an wahrgenommene Notwendigkeiten anpasst, ist eine Gesellschaft, die alsbald zerfallen wird. (Catocon, Was das soll)

Nun hat der Insurrektor aus der Kommentarschlacht, die er gestern für beendet erklärte, nunmehr eine Artikelschlacht gemacht. So sei es. Erneut sei die Lektüre aller vorhergehenden Artikel (in dieser Reihenfolge) empfohlen, um Einsicht in den thematischen Zusammenhang der Diskussion zu gewinnen. dieser Artikel soll drei Zielen dienen: Erstens soll er eine Antwort auf die Äußerungen des Insurrektors sein, zweitens soll er den Versuch unternehmen, die Diskussion aus dem Sumpf der gegenseitigen Unterstellungen zu entfernen und drittens einen möglichen Konsens vorschlagen. (Die Gliederung richtet sich nach den von mir beantworteten Punkten des Insurrektors, nicht nach meiner oder dessen Zählung.)

1. Beginnt der Insurrektor seinen Artikel „Ist Veränderung Terror?“ mit den Worten:

catocon hat einen außenpolitischen Artikel des Insurrektors und die sich daran anschließenden Kommentare zum Anlaß genommen, zum Generalangriff zu blasen.

Hierzu nur ein Satz. Ich habe schlicht die Worte des Insurrektors genommen, und die daraus folgenden Forderungen zusammengefaßt und kritisiert. Sicherlich auch gelegentlich in polemischer Form. Aber einen Generalangriff vermag ich in der Führung einer lebhaften, leicht polemischen Debatte nicht zu erkennen.

2. Ich hatte aus seinen Worten zu lesen geglaubt, daß der Insurrektor die Veränderung mit staatlicher Gewalt zu erzwingen bereit wäre, wenn es nicht anders geht. Davon distanziert sich der Insurrektor nun glücklicherweise unter anderem mit dieser Äußerung:

Nicht konzedieren kann ich die Unterstellung, ich hätte eine staatlich getriebener Veränderung der Gesellschaft befürwortet. Im Gegenteil: Mir geht es um Veränderungen der Gesellschaft durch ihre Mitglieder, Menschen, Veränderungen, die von staatlich garantierten Institutionen und Gesetzen be- und verhindert werden.

Wenn dies der Fall ist, steht es dem Insurrektor natürlich frei, für diese Veränderungen zu werben und einzutreten. Allerdings ist es eine Fiktion, daß die Menschen in Deutschland arme, geknechtete, unterdrückte Folteropfer wären, die unbedingt befreit werden müßten. Sicher ist die Demokratie in Deutschland nicht so ausgeprägt, wie ich es mir wünschen würde. Sicher gibt es Verstöße gegen die Amtsbefugnisse der Polizei und es mag auch zum Machtmißbrauch in dem einen oder anderen Fall kommen. Dies sei alles zugestanden. Fundamental ist Deutschland aber ein im historischen und internationalen Vergleich relativ freies Land, dem es wirtschaftlich sehr gut geht, und das die Verwerfungen in der Gesellschafts- und Sozialstruktur der letzten 40 Jahre besser überstanden hat als die Mehrzahl der betroffenen Länder. Daher glaube ich, daß der Insurrektor viele Ziele finden könnte, die seiner Veränderungswut eher bedürften, als Deutschland. Aber bitte. Darum soll es nicht gehen. In der von mir unterstützten freiheitlichen Republik hat jeder Insurrektor das Recht sich zu irren…

3. Wie verhindert nun der Staat den Fortschritt nach der Meinung des Insurrektors?

indem der Staat sich zum Beispiel anmaßt, paternalistische Gesetze zu erlassen und durchzusetzen. Catocon selber spricht einige von diesen an. Bedauerlicherweise teilt er nicht des Insurrektors Opposition gegen das Prinzip, sondern lediglich gegen den Inhalt dieser Gesetze. Paternalismen, die seinem Menschen- und Weltbild förderlich erscheinen, bejaht er hingegen.

Ich teile sehr wohl die Opposition gegen das Prinzip Paternalismus. Aber ich sehe auch andere Prinzipien als bloß die Abneigung gegen den Paternalismus. Derzeit versuchen weltweit (vorwiegend linke) Gruppen und Parteien den Paternalismus in Form des Gesundheitstotalitarismus durch diverse Verbote des Rauchens, bestimmter Fette, und durch den Erlaß freiheitsbeschränkender Gesetze immer stärker einzuschränken. Dies ist abzulehnen, weil es Paternalismus ist, nicht weil es in mein Weltbild nicht paßt, wenn die Menschen gesünder leben. Aber neben der Ablehnung des Paternalismus kann es andere Prinzipien geben. Sagt der Insurrektor:

Tradition über alles, egal, wie sehr diese die individuellen Rechte der Menschen einschränkt? Ich bin überzeugt, daß catocon hier Grenzen ziehen würde, aber seine Tendenz ist, bestehenden Institutionen einen Bestandsschutz zu gewähren.

Ich will gern die Grenzen erklären, die ich ziehe. Vorweg eine Bemerkung: Politische Entscheidungen sind keine exakte Wissenschaft. Man kann niemals alle positiven Veränderungen und alle unerwünschten Nebenwirkungen absehen, wenn man ein Gesetz beschließt. Daher gestehe ich in der Tat bestehenden Normen und Gesetzen einen gewissen Bestandsschutz zu, allein weil die Vorsicht es gebietet. Diejenigen, die in einer Situation sind, in der sie fest davon überzeugt sind, ein die Freiheit beschränkendes Gesetz gefunden zu haben, haben das verständliche Interesse, diese Regel abzuschaffen. Was nun, wenn diese Regel eine unerkannte Nebenfolge hatte, die ihrerseits großes Leid verhinderte? Ich schrieb früher in meinem Artikel „der konservative Standpunkt„:

Ein vernünftiges Staatssystem, eine vernünftige Politik, nimmt Rücksicht darauf, und vermeidet es peinlich, die Menschen verbessern oder optimieren zu wollen. Alle Menschen sind fehlbar, sie sind mit tiefen charakterlichen und sonstigen Fehlern durchsetzt und wer sich davon ausgenommen glaubt, der hat den größten charakterlichen Fehler von allen dadurch direkt bestätigt. Wer glaubt zu wissen, was gut für alle Menschen ist, dem darf man es auf keinen Fall anvertrauen, darüber zu entscheiden.

Kein Mensch auf dieser Erde kann wissen, was langfristig gut ist. Aller Fortschritt ist radikal subjektiv, es gibt kein Ziel, auf das die Geschichte unaufhaltsam zustrebte, und auf das jeder Fortschritt gerichtet wäre. Fortschreiten kann man nur in die Richtung, in die man sich entscheidet fortzuschreiten. Diese Entscheidung kann fehlerhaft sein und ist es häufig. Freilich schließt dies keinesfalls Veränderungen aus. Damit komme ich nun zu den Grenzen dieses Bestandsschutzes:

(1) Auf lokaler Ebene sind Veränderungen weniger gefährlich als auf nationaler Ebene. Umliegende Orte sind oft vergleichbar genug, um wirklich ausprobieren zu können, was besser funktioniert. Daher kann man Veränderungen auf kleiner Ebene ausprobieren. Wenn sie sich als gut erweisen, dann werden andere Orte sie kopieren. Wenn sie sich als schlecht erweisen, werden sie sich in aller Gelassenheit im Laufe der Jahre wieder auswachsen.

(2) Wo Menschen eklatant an ihrem Leben oder ihrer Freiheit geschädigt werden, und zugleich das Subsidiaritätsprinzip nicht anwendbar ist (z.B. Folter), sollte man den Bestandsschutz überstimmen. Allerdings sollte man versuchen, sofern möglich, bis zu einem gewissen Grad inkrementell vorgehen.

Kurz gesagt: Der Bestandsschutz, den ich bestehenden Gesetzen gebe, ist der Fehlbarkeit der Menschen geschuldet. Gesetze und Regeln, die es sehr lange gibt, und die oft von gesellschaftlichem Konsens getragen wurden, haben oft (aber bei weitem nicht immer!) positive Auswirkungen für die Gesellschaft und die Individuen. Neue Ideen sind unerprobt und sollten mit Umsicht, und wenn möglich auf lokaler Ebene angewendet werden. Je subsidiarischer eine Gesellschaft organisiert ist, umso weniger Menschen vermag eine schlechte Idee (wie die damals progressive Eugenik-Idee zu Beginn des 20. Jahrhunderts) zu schädigen, und umso leichter ist ihre Rücknahme. Daher ist der Bestandsschutz umso niedriger zu bewerten, je näher an den Menschen er ist, und hebt sich vollkommen auf, wenn ein Individuum eine Entscheidung trifft, die nicht die Freiheit oder das Leben anderer Menschen zerstört. Wenn es um nationale, europäische, oder weltweite Gesetze geht, die ein empfundenes Übel zu bekämpfen vorgeben, so ist prinzipiell große Vorsicht geboten. Es sollte der Versuch unternommen werden, das Problem subsidiarisch zu lösen, und wenn das nicht geht, inkrementelle Veränderungen durchzusetzen.

4. Soweit hierzu. Aber der Insurrektor ist noch lange nicht fertig, also bin ich es auch noch nicht:

Um Institutionen nämlich, die sich anmaßen, besser zu wissen, was dem Menschen geziemt als dieser selbst, die seine Freiheit(en) beschneiden, soweit sie dem Ziel der Institution zuwiderlaufen.

Ich möchte nur darauf hinweisen, daß Institutionen notwendig von Menschen geleitet und kontrolliert sind. Das heißt: Der populäre Versuch, Menschen gegen ihre Institutionen zu stellen, ist zum Scheitern verurteilt. Wenn Menschen durch Macht korrumpiert werden, die ihre Stellung in einer Institution ihnen gibt, ist dies genauso zu bewerten, wie wenn Menschen durch Macht korrumpiert werden, die ihre Stellung in einer progressiven Bewegung ihnen gibt: Es ist falsch. Daher sollte in der Tat Macht so gut wie möglich verteilt werden, nicht zu viel unkontrollierte Macht auf den Schultern eines Menschen.

Des Insurrektors Haltung ist, daß jede Institution und jedes Gesetz sich der strengen Prüfung auf Notwendigkeit jederzeit stellen muß. Fällt es dabei durch, hat sich der gesetzesmächtige Staat zurückzuziehen, aus der Schule, aus der Familie, aus den Raucherkneipen, aus den Konsum- und Liebesgewohnheiten der Menschen.

Das ist richtig. Aber ich bin nicht davon überzeugt, daß wir heute in der Lage sind, die objektive Notwendigkeit eines Gesetzes oder einer Institution so gut einzuschätzen, daß wir ohne weiteres, und prinzipiell, jede empfundene Nicht-mehr-Notwendigkeit zum Anlaß nehmen sollten, die vollständige Abschaffung einer zeitgeprüften Norm zu fordern. (Denn woher wissen wir, daß unsere Einschätzung uns nicht trügt? Sind wir allwissend?) Daher glaube ich, daß es besser wäre, wenn man die Notwendigkeit solcher als nicht mehr sinnvoll empfundenen Gesetze und Institutionen, nicht einfach deshalb verneinen würde, weil man sich für von höherer Weisheit durchflutet hält, als die Vorgängergenerationen. Ich schrieb in „Der konservative Standpunkt“:

Im Laufe von Jahrhunderten machen die Menschen unendlich viele Fehler und sie tun unendlich viel Schreckliches. Und sie sehen unendlich oft auf der ganzen Welt die Konsequenzen ihrer Handlungen. Im Laufe der Zeit werden die Menschen durch Versuch und Irrtum herausfinden – haben sie herausgefunden – welche Handlungen die schlimmsten und welche die besten Konsequenzen haben werden. Natürlich ist diese Weisheit nicht unfehlbar – sie ist ebensowenig unfehlbar, wie die Menschen von denen sie stammt. Aber sie ist geprüft und das ist ja schon einmal etwas. Diese Weisheit wird sich durch neue Erkenntnisse, dadurch daß neue Menschen neue Ideen haben und neue Experimente durchführen, ausprobieren, was passiert, wenn man dieses Gesetz erläßt oder jenes zurücknimmt, zum Beispiel, verändern. Es werden alte Weisheiten entfernt und durch neue ersetzt – wenn sie sich in der Praxis als gutes Mittel bewährt haben.

Veränderung ist notwendig, ebenso wie der Widerstand gegen die Veränderung. Beides ist Teil jenes Mechanismus, den man Fortschritt nach menschlichem Maß nennen könnte. Läßt man beidem freien Lauf – vorzugsweise auf lokaler Ebene – wird sich im Laufe der Zeit neben vielen Fehlschlägen auch ein Zustand einstellen, in dem die Menschen einigermaßen frei sind, und einigermaßen gut zusammenleben. Es wird immer Optimierungspotential geben. Aber die Vernunft gebietet, manchmal mit dem Guten zufrieden zu sein, und nicht nach dem Etwas-Besseren zu streben, weil das Ganz-Schlechte direkt daneben liegt.

5. Im Zusammenhang mit den offensichtlichen Konsequenzen der konzeptionellen Annahme eines Zustandes permanenter Gewalt nach Galtung („strukturelle Gewalt“) polemisiert der Insurrektor, der einen Generalangriff meinerseits beklagt hatte, nun folgenen Absatz zusammen:

Wenn jeder gesellschaftliche Zustand sakrosankt sein soll, nur weil er bereits seit längerem persistiert, dann kann tatsächlich jede Staatsgewalt daraus legitimiert werden, die für ihre Erhaltung über Leichen geht; schließlich sind es dann nur die Leichen von Individuen, die der Institution kritisch gegenüberstanden, nur die der Insurrektoren. Ich bezweifle, daß dies catocons Absicht ist, aber ich befürchte, es könnte die Konsequenz seiner Argumentation sein.

Daß nicht jeder gesellschaftliche Zustand sakrosankt sein soll, ist vollkommen klar, und wäre er es, könnte dies grauenhafte Folgen haben – ebenso grauenhafte Folgen, wie wenn kein Zustand einen gewissen Bestandsschutz hätte, und alle Normen immer den Launen einer revolutionären Avantgarde ausgesetzt wären. Daß der Insurrektor weiß, daß Catocon nicht jeden gesellschaftlichen Zustand für sakrosankt hält, hat der Insurrektor einige Zeilen weiter oben deutlich gemacht, als er davon sprach, ich räumte einen „gewissen Bestandsschutz“ ein. Diese Prosition geht auch klar aus meinem Blog hervor, man kann sich ihr kaum erwehren, wenn man auf meinem Blog irgendeinen Artikel liest. Auf diesen unehrlichen Angriff (nach des Insurrektors eigener Terminologie) gehe ich hier nicht weiter ein.

6. Der Insurrektor weiter:

Der Insurrektor bezweifelt die Idealität einer Schönen Neuen Welt. Allerdings wagt er, auch die Idealität des Ererbten dort anzuzweifeln, wo sie sich ausschließlich daraus rechtfertigen will, daß sie ererbt ist.

Catocon bezweifelt auch die Idealität des Ererbten, wie aus meinem Artikel der konservative Standpunkt hervorgeht, in dem ich schrieb:

Natürlich ist diese Weisheit [unserer Vorfahren] nicht unfehlbar – sie ist ebensowenig unfehlbar, wie die Menschen von denen sie stammt.

Nichts im Leben der Menschen ist ideal. Auch das Ererbte, das was aus der Geschichte übrig geblieben ist, die Sammlung an Normen, Regeln und Gesetzen, die wir vorfinden, wenn wir erwachsen werden, ist sehr, sehr fehlerhaft. Ich sehe nur keinen Grund anzunehmen, daß wir selbst notwendig weiser sind, als unsere Vorfahren – manchmal sind wir es, manchmal nicht. Wenn wir wüßten, wo wir weiser sind, könnten wir besser entscheiden. Aber unsere Einschätzungen dazu sind nur subjektiv. Deshalb halte ich es für sinnvoll, mit einem gewissen Respekt an das Ererbte heranzugehen, nicht um es um jeden Preis zu bewahren, sondern um nicht das Kind mit dem Bade, also das Gute mit dem Schlechten, auszuschütten.

7. Einen letzten Punkt, den der Insurrektor macht, möchte ich noch (nebenbei) beantworten:

In der Tat diente übrigens der Archipel Gulag nicht der Errichtung einer Neuen Ordnung, sondern der Erhaltung einer zum Zeitpunkt seiner Einrichtung längst etablierten terroristischen Staatsordnung, die von Stalin unmittelbar aus dem zaristischen Apparat übernommen wurde, der selbst wieder nach dem Bilde der Preußischen Staatsbürokratie gebaut worden war.

Er diente nicht der Einrichtung einer Neuen Ordnung, sondern der Verteidigung derselben gegen Menschen wie Catocon, die nicht blind bereit waren, der neuen Heilslehre Kommunismus zu folgen. Die Kommunisten mögen sich der etablierten Bürokratie des Zarentums bedient haben, doch dies ist nicht der Grund für die massenhafte Abschlachtung von Dissidenten, sondern nur das Mittel. Der Grund ist die Korrumpierung der Anführer durch die Macht (die sie als Folge der Revolution erhielten, nicht als Folge der Bürokratie). Ferner verstanden sich die Revolutionäre des Oktober 1917 als Avantgarde der Klassenlosen Gesellschaft, und folgerten daraus, daß alles, was dem Zweck dient, als Mittel gerechtfertigt ist. Dies sind die Gründe für die massenhafte Vernichtung unschuldiger Menschen in den Arbeitslagern Stalins. Die „terroristische Staatsordnung“ war hier der Kommunismus, nicht die Bürokratie – auch wenn diese sicher nicht gut oder richtig war. Den Kommunismus hat Stalin nicht vom Zaren übernommen. Die absurde Vorstellung, der Kommunismus sei doch eigentlich eine gute Idee gewesen, aber der böse Apparat des Zaren war daran schuld, daß er nicht umgesetzt wurde, hat keinerlei Überzeugungskraft. Es gab dutzende kommunistische Regime auf der Welt – und nur eines davon basierte auf dem System des Zaren. Alle diese Systeme waren aber terroristisch und totalitär und töteten für ihren vorgeblich guten Zweck, wann immer es ihnen sinnvoll erschien. (Sicher gab es Unterschiede, und der Apparat des Zaren mag alles noch verschlimmert haben, aber er war, darum geht es mir hier, bei weitem nicht die einzige oder wichtigste Ursache für den Terror)

8. Nach dieser Beantwortung des Artikels möchte ich fünf Punkte nennen, auf die ich mich, wie ich hoffe, mit dem Insurrektor einigen kann:

(1) Veränderung ist in einer Gesellschaft ebenso notwendig und unverzichtbar, wie die gelegentliche Bewahrung des Ererbten.

(2) Entscheidungen über die Frage, ob eine bestehende Ordnung geändert werden soll, und wie, sollten auf möglichst niedriger Ebene entschieden werden, indem man das Subsidiaritätsprinzip konsequent anwendet.

(3) Die Frage nach der Notwendigkeit und der Gestalt von Veränderungen läßt sich nur mit Bezug auf ein bestimmtes Thema beantworten, d.h. sie bedarf bei jedem Thema einer neuen Antwort, die im demokratischen Prozeß gefunden werden sollte.

(4) Der Einsatz von physischer Gewalt zur Beeinflussung der politischen Ordnung ist in Wahldemokratien grundsätzlich falsch – ob zum Erhalt einer Ordnung oder zu deren Umsturz.

(5) Catocon und der Insurrektor haben zu verschiedenen politischen Themen fundamental unterschiedliche Positionen, die nicht Gegenstand dieser Grundsatzdebatte sein sollten, da sie nicht der Klärung des Themas beitragen, sondern nur dessen Polemisierung und Eskalation fördern. (Agree to disagree)

9. Konklusion:

Tradition und Fortschritt sind, das ist eines der Grundanliegen dieses Blogs, zwei Seiten derselben Medaille. Sie können und sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Ich möchte schließen mit einem Zitat aus meinem Artikel „Was das soll“:

Tradition und Fortschritt gehören zusammen wie die Wurzeln eines Baumes, sein Stamm und seine Zweige. Jedes Jahr wächst ein gesunder Baum ein Stück und zugleich werden seine Wurzeln kräftiger, seine Zweige belastbarer und sein Stamm dicker. Das wilde, unkontrollierte Wachsen eines Baumes, verstanden als gesellschaftlicher Fortschritt, erfordert die Existenz von Wurzeln ebenso wie die Langsamkeit des Fortschritts. Wüchse der Baum zu schnell, verginge er; stagnierte seine Entwicklung und bliebe er immer gleich, verginge er auch. Nur die vorsichtige Erneuerung einer Gesellschaft im SInne einer langsamen, evolutionären Entwicklung, die geradezu sanft und kontinuierlich verläuft und allen Personen die Zeit und die Chance gibt, sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen, sie gleichsam in ihr Leben einzuhegen, nur diese Erneuerung verspricht eine wahrhaftige, positive Manifestation des Fortschritts zu sein.

Der blutige Griff der Insurrektion

Der Insurrektor hat auf seinem Blog einen Artikel über die außenpolitischen Folgen der Neocon-Ideologie geschrieben. Ich habe dies zum Anlaß genommen, einige Schwachpunkte in der Argumentation des Insurrektors, insbesondere die (wie ich zuerst annahm) Blindheit gegenüber den eigenen Ideologien, darzulegen. Daraus ergab sich eine Diskussionsschlacht, deren letzter Beitrag Tendenzen erkennen läßt, die einerseits so gefährlich sind, daß sie, wenn umgesetzt, staatlich legitimierten Terror bedeuten würden, und andererseits so herabsetzend und aggressiv sind, daß sie dringend eine ausführlichere Antwort erfordern, als dies im Rahmen eines Kommentars möglich wäre. Hier nun der letzte Kommentar des Insurrektors in Gänze: (Um den Zusammenhang zu verstehen, wäre es sehr sinnvoll, den Artikel und alle Kommentare zu lesen, bevor man diese Antwort liest)

Ein letztes Wort des Insurrektors in dieser Kommentarschlacht:

Für den Moment, denke ich, genügt es, darauf hinzuweisen, daß catocon offenbar jegliche “soziale Veränderung” ablehnt. Sonst witterte er nicht hinter der bloßen Erwähnung der Notwendigkeit von – hier aus guten Gründen, da es themafremd wäre, nicht spezifizierten – sozialer Veränderung “sozialrevolutionäre Wünsche”, “blutrünstige Exzesse”. Vielleicht ist es in catocons Weltbild so, daß gesellschaftliche Verbesserungen immer eine

“Verbesserung” (und damit Verstümmelung und Gleichmachung) des Menschen beinhalten muß.

Ich halte dagegen gesellschaftliche Veränderungen für möglich, die die verkrusteten Strukturen aufbrechen, damit diese Verstümmelungen zukünftig nicht mehr als “strukturelle Gewalt” unter dem Deckmäntelchen der Konservation stattfinden.

Späteren Beiträgen des Insurrektors bleibe es überlassen, dies inhaltlich zu konkretisieren.

Daß dies kein letztes Wort bleiben kann ist ebenso klar, wie die Tatsache, daß es dem Insurrektor offenbar um die Verstümmelung nicht nur der Menschen, sondern ebenso der Diskussionskultur geht. Wo soll man bei einer solchen Darstellung nur beginnen? Am Anfang.

1. Catocon lehnt nicht jede soziale Veränderung ab, aber ich lehne jegliche vom Staat verordnete soziale Veränderung ab. Denn wie soll der Staat die Gesellschaft verändern, wenn nicht, indem er Menschen verändert? Wenn der Staat auf Geheiß des Insurrektors ein Idealbild von Gesellschaft vertritt und es sich zum erklärten Ziel macht, die Menschen, die in der Gesellschaft leben, so zu verändern, daß sie diesem Ziel entsprechen, dann muß er dies irgendwie durchsetzen. Die einzige Möglichkeit besteht dann in der Anwendung staatlicher Machtmittel, wie es derzeit etwa bei dem Versuch geschieht, Kinder immer früher der Obhut ihrer Eltern zu entreißen, um sie in Krippen, Kindergärten und Schulen zwangsweise in eine bestimmte Entwicklungsrichtung zu drängen. Dies ist nichts anderes als eine Verstümmelung der Menschen und eine Zerstörung ihrer Freiheit.

2. Tatsächlich ist jede Verbesserung immer auch eine Gleichmachung, es sei denn sie wird gemessen an dem subjektiven Maßstab jedes einzelnen Individuums. Denn wenn es eine Menge möglicher Zustände gibt, und postuliert wird, daß einige dieser Zustände eine Verbesserung darstellten, dann müssen einige andere Zustände als schlechter angesehen werden. Das Problem mit dieser Sichtweise ist nun, daß es für eine vom Staat geplante gesellschaftliche Veränderung, also einer Umerziehung seiner Bürger, immer einer objektiven, oder zumindest für alle verbindlich erklärten subjektiven, Einschätzung einer „besseren“ Gesellschaft bedarf. Die Menschen sind so verschieden, daß alle Gesellschaftsstrukturen, die einer für besser hält, von anderen für schlechter gehalten werden können. Des Insurrektors Maßstäbe sind eben nur das: seine persönlichen Maßstäbe. Den Staat damit zu beauftragen, diese Maßstäbe als Ideal einer besseren Gesellschaft anzuerkennen, und dann darauf hinzuarbeiten diese bessere Gesellschaft zu erreichen, zwingt Menschen, die eine andere Struktur von Idealen und Wünschen haben als der Insurrektor, sich dessen Idealen unterzuordnen, da sonst das Ideal nicht erreicht werden kann und man sich damit zufrieden geben muß, die Menschen machen zu lassen, und die Veränderungen, die von den Menschen selbst angestrebt und umgesetzt werden, zu akzeptieren.

2. Des Insurrektors Vorstellung, man könne mit nichts als guten Absichten und einem von der Obligation der interventionistischen Kriegsführung befreiten staatlichen Machtapparat „soziale Veränderungen“ anders hervorrufen als durch Befehl und notfalls Gewalt, ist dieselbe Verstellung, die wohlmeinende Revolutionäre über Jahrhunderte dazu getrieben hat, die Welt oder die Gesellschaft verbessern zu wollen. All diese Versuche, ob sie von Robespierre, Lenin, Stalin, Hitler, Mao oder anderen Verbrechern unternommen wurden, haben zu genau den Verstümmelungen der Menschen geführt, deren Existenz der Insurrektor so vehement bestreitet.

3. „Sozialrevolutionäre Wünsche“ des Insurrektors lassen sich wohl kaum verbergen. Zunächst: Was war die Insurrektion im 19. Jahrhundert denn, wenn nicht der Versuch, mit Gewalt die Gesellschaft zu verbessern, also eine Sozialrevolution? Ferner: Wenn der Insurrektor beabsichtigt, der natürlichen Entwicklung der Menschen ihren Lauf zu lassen, und darauf hofft, daß sich, unter Einfluß der Ausübung seines Rechts zur freien Meinungsäußerung in diesem Blog und anderswo, die Gesellschaft bewegt und sich in eine bestimmte Richtung verändert, dann habe ich dagegen nichts einzuwenden. Dies ist aber nicht die Absicht des Insurrektors. Denn er fordert ja die Beendigung interventionistischer Kriege damit der staatliche Machtapparat für die Durchsetzung seiner sozialen Veränderungen zur Verfügung steht.

4. Die „verkrusteten Strukturen“, die der Insurrektor beklagt, heißen Rechtsstaat, Zivilität und Menschenwürde. Denn sie sind es, die gerade populäre Veränderungen verhindern. Wer versucht, die Einstellung, daß etwas nicht bloß deshalb gut ist, weil es neu ist und Tabus bricht, als das Verhinderung des Aufbrechens von verkrusteten Strukturen bezeichnet, gibt sich damit nicht nur der Lächerlichkeit preis, sondern irrt auch auf einem Gebiet, das für den Erhalt einer freien und zivilisierten Menschheit essentiell ist. Strukturen, die über lange Zeit gewachsen sind und sich bewährt haben, verstümmeln den Menschen nicht, sondern sie sind die Wächter, die, wenn sie intakt sind, die Verstümmelung der Menschheit bekämpfen und verhindern, indem sie Personen wie den Insurrektor von den Schalthebeln der Macht fernhalten. Das Aufbrechen der verkrusteten Strukturen, das der Insurrektor fordert, ist an sich ein gewaltsamer Akt. Denn wie werden Strukturen verkrustet? Dadurch, daß Menschen an ihnen im Rahmen des legitimen demokratischen Prozesses an ihnen festhalten. Daß sie dies tun ist dem Insurrektor ein Dorn im Auge. Er bewegt sich damit in Gefilden von Trotzkis permanenter Revolution, wenn er dies fordert, denn alles muß ja immer wieder neu gemacht und erdacht werden, weil es nicht akzeptabel ist, sich auf gewachsene Strukturen zu verlassen, denn diese sind je diskriminierend, unterdrückerisch, verkrustet, und bedürfen des ständigen Aufbrechens durch eine intellektuelle Avantgarde. Der Anspruch der Aufklärung war die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Aber diese Befreiung sollte nach den Wünschen der Individuen geschehen, nicht nach den idealistischen Vorstellungen einer Avantgarde, die angeblich besser weiß, was gut für die Menschen ist, als diese Menschen selbst.

5. Galtung und sein unseliges Konzept von der Strukturellen Gewalt tun nichts anderes, als einen permanenten Zustand der Gewalt zu etablieren, einen permanenten inneren wie äußeren Kriegszustand, um damit strukturell totalitäre Maßnahmen durchzusetzen und Gewalttaten zu rechtfertigen. Der Versuch jede Form von gewachsener Struktur, die nicht von jeder Generation wieder neu erschaffen wird, sondern als gut und bewährt angesehen wird, als eine Form von Gewalt darzustellen, beraubt die Gesellschaft jeder Verteidigung gegen die Verführer der jeweiligen Generation. Wenn die gesammelte Weisheit und Erfahrung vieler Generationen aufgegeben wird, um der Welt das eigene Ideal aufzuzwingen, dann ist dies echte Gewalt, nicht bloß strukturelle Gewalt. Spaemann schreibt zur Differenz zwischen tatsächlicher und struktureller Gewalt, und zu den Konsequenzen des Konzepts von struktureller Gewalt, und trifft damit den Nagel auf den Kopf:

„Gewalt im traditionellen Sinn des Wortes – persönliche und manifeste Gewalt – stellt nur eine Form von Gewaltsituation unter anderen dar. Friede wird zum Ideal, das nirgendwo und niemals verwirklicht ist. Er ist lediglich die gedachte Grenze eines Kontinuums mehr oder weniger großer Gewalt, in dem wir alle leben. Das Problem der Rechtfertigung von offener Gewalt (…) stellt sich folglich nicht mehr. Niemals lautet die Frage: Gewalt oder nicht? Die einzig moralisch relevante Frage lautet: progressive oder reaktionäre Gewalt (…). Immer ist es das Ziel, das die Mittel rechtfertigt. Das Ziel aber, das jederzeit persönliche und manifeste Gewalt zu rechtfertigen vermag, ist der Friede, das heißt Emanzipation, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung für jedermann. Wenn der gewaltsam geführte Kampf der Annäherung an dieses Ziel förderlich ist, dann ist er ein Kampf für den Frieden und insofern gerechtfertigt.“ (Grenzen, 326/27)

Das ist der Kern des Begriffs von der Strukturellen Gewalt. Es geht darum, echte Gewalt im Namen hehrer Ziele zu rechtfertigen. Wenn jeder gesellschaftlich nicht vom Insurrektor und seinen Vorgängern in der Geschichte der Menschheit als ideal bezeichnete Zustand bereits Gewalt ist, dann kann tatsächlich jeder, der echte Gewalt anwendet, sich darauf berufen, es habe vor ihm schon Gewalt gegeben, gegen die er sich nur zur Wehr gesetzt hätte.

Spaemann schreibt weiter:

Die Theorie des „positiven“ Friedens ist eine Theorie der Rechtfertigung der Gewalt. Nun ist die Idee gerechtfertigter Gewalt, die Idee des gerechtes Krieges keineswegs neu. Daß die jeweilige Sache unter Umständen Gewalt und sogar Krieg zu rechtfertigen vermag, hat man in der Vergangenheit fast immer angenommen. Neu in der Konzeption der „kritischen Friedensforscher“ ist, daß die „gerechte Sache“, die unter Umständen Gewalt rechtfertigt, nicht mehr „Lebensinteresse“, „Ehre“ oder „Gerechtigkeit“ heißt, sondern „Friede“. Folglich stellt sich in diesem Fall das Problem der Rechtfertigung von Gewalt im Grunde gar nicht mehr. Denn die offene Gewalt ist ja nur die Manifestation einer Gewalt, die bereits besteht. Die „kritischen Friedensforscher“ akzeptieren sowenig wie Karl Marx den fundamentalen Unterschied zwischen Gewalt und legitimer Macht. Sie anerkennen nicht, daß die Monopolisierung von Gewalt diese grundsätzlich verändert und eine unzweideutige Unterscheidung zwischen Krieg und Frieden ermöglicht. Wenn jede Ordnung auf nichts als latenter Gewalt beruht, bedarf es kaum mehr schwerwiegender Gründe, um diese durch offene Gewalt zu ersetzen.

Die Verwendung des Begriffs der strukturellen Gewalt aus dem Dunstkreis von Galtung und seinen Friedensforschern zeigt wessen Geistes Kind der Insurrektor ist noch deutlicher als die Wahl seines Bloggernamens und seine nebulösen Einlassungen über die gesellschaftlichen Veränderungen, zu deren Umsetzung die Staatsgewalt von interventionistischen Kriegen befreit werden muß. Ebenfalls verräterisch ist die aggressive Art und Weise, mit der der Insurrektor darauf reagiert, daß man siene Absichten beim Namen nennt.

6. Das „Deckmäntelchen der Konservation“ soll nach dem Willen des Insurrektors entfernt werden, und durch die Idealität der Schönen Neuen Welt ersetzt werden. Wer aber direkt und indirekt die Gewaltanwendung rechtfertigt, im Namen des Kampfes gegen die „strukturelle“ Gewalt, der verläßt den Boden des freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates und bewegt sich auf einem Terrain, das eher dem diverser Terrorgruppen entspricht, als einer demokratischen Gesellschaft. Das Deckmäntelchen der Konservation ist schon zu oft abgeworfen worden mit dem Ziel, das Alte abzuschaffen, und durch das Neue zu ersetzen. In jedem einzelnen Fall war die Folge echte Gewalt, echtes Leid, echte Leichenberge. Warum sollte sich dies ändern, nur weil es jetzt plötzlich der Insurrektor ist, der sein Ideal erzwingen will, und nicht ein anderer Revolutionär?

7. Die Vorstellung, daß Menschen durch gewachsene Strukturen stärker unterdrückt würden, als durch die „reale Macht der Gewehrläufe“ die von potentiellen Tyrannen wie dem Insurrektor ausginge, hätte er die Macht dazu, erscheint vor dem Hintergrund der Weltgeschichte ebenso gefährlich wie schockierend. Die Vorstellung, daß ein Mensch, der vor dem Gesetz die gleichen Rechte hat, und nicht durch den Staat auf dem Altar der Verbesserung geopfert wird, unterdrückt wäre, und des eisernen Griffs der erzwungenen Befreiung durch den Staat bedürfe, hat zu viele Millionen Menschen das Leben gekostet, als daß sie noch ernstlich diskutabel wäre.

Southern Avenger: „Unconventional Conservatism“

Auch wenn ich seine Sichtweise nicht immer teile, lese (oder höre) ich die Beiträge des Southern Avengers sehr gern, da sie eine unabhängige, parteilose Perspektive auf amerikanisches konservatives Gedankengut zulassen. Heute hat er einen Beitrag über konservative Ideen an Orten, wo man sie nicht unbedingt vermuten würde. Die Ähnlichkeiten zwischen traditionellen Konservativen und kapitalismuskritischen Linken, die sich nicht dem Modernitätskult verschrieben haben, der bewährte Ideen und Traditionen, einfach weil sie nicht mehr modisch erscheinen, gewissermaßen in einer Art permanenter Revolution zerstören will, sind nicht zu übersehen und oft frappierend.

Ohne in die Details dieser sehr interessanten Materie zu tief einsteigen zu wollen, möchte ich einen Punkt herausgreifen: das Interesse an der Bewahrung der traditionellen Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Der von vielen selbsternannten Konservativen heute oft vertretene Ansatz ist folgender: Die unumschränkte Herrschaft eines modernistischen Kapitalismus sei genau das, was wir brauchen; und wenn dies eben zu Kollaterlschäden für die Familienstruktur führt, dann tut es ihnen ja leid, aber da kann man nichts dran ändern. (Dann bietet der Staat eben Institutionen, die als Ersatzfamilie für Kinder funktionieren sollen, aber natürlich nicht können.) Die zerstörerische Wirkung von staatlichen Interventionen für die traditionelle Familie ist groß, aber eine solche schädliche Wirkung geht auch von den angeblichen „Sachzwängen“ aus, die der globale Kapitalismus herbeiführt, wie man uns sagt. Der Kult, der um die Flexibilität der Menschen getrieben wird hat, mit oder ohne Pendlerpauschale, äußerst negative Konsequenzen. Menschen, die immer hinter dem nächsten Job herreisen müssen, die alles andere der Flexibilität unterordnen müssen, sind in der Tat orientierungslose, entwurzelte Menschen. Sie verdrängen entweder den Wert der Familie und der stabilen Gemeinschaft, oder empfinden sich als machtlos gegenüber den auf sie einwirkenden Kräften, die sie dazu zwingen, sich so zu verhalten.

Die freie Marktwirtschaft hat den Wohlstand, dessen wir uns heute erfreuen, sicher erst möglich gemacht; aber sie hat auch einige Nebenwirkungen. Schumpeters schöpferische Zerstörung erhöht den Wohlstand und verbessert die wirtschaftliche Entwicklung (das ist der schöpferische Teil). Zerstört werden aber nicht nur unprofitable Unternehmen, sondern auch Familien, Gemeinschaften, unerzwungene Kollektive hilfsbereiter Menschen, die füreinander einstehen und da sind, wenn der eine den anderen braucht, die so etwas wie Heimat bieten, ohne das grauenhafte Zerrbild des Heimatverständnisses des fanatischen Nationalismus. Die Zerstörung, die durch kapitalistische Wirtschaftsformen eintritt, ist aber umso größer, je weniger fest geknüpft diese Familien- und Gemeinschaftsbande sind. Wenn es nun noch eine Ideologie gibt, die aktiv auf die Zerstörung dieser „Normalität“ hinarbeitet, eine Ideologie wie diejenige, die in Deutschland und in der ganzen westlichen Welt grob gesehen die letzten 30-40 Jahre beherrscht hat, dann kommt es zu einer fast völligen Auflösung solcher gewachsener Strukturen. In diese Lücke springt dann der Staat, der seine Hände nach den Kindern ausstreckt, und sie aus den Händen der Eltern entfernen will. (Die vorgetragene Rechtfertigung reicht von „mehr Wachstum durch die Befreiung der Frau aus der Mutterrolle“ auf der Rechten bis zu „Emanzipation der Frau vom Patriarchat durch entfremdete Lohnarbeit“ auf der Linken, aber das Ergebnis ist immer das Gleiche: der Staat greift nach der Macht über die Kinder.) Die Eingriffe des Staates verschärfen ihrerseits ja das Problem, denn durch sie wird die Notwendigkeit von verantwortlichen Eltern und intakten Familien reduziert, denn im Zweifel helfen ja Vater Staat und Mutter Regierung mit immer mehr Sozialprogrammen und Krippenplätzen. Auf diese Weise werden bewährte Strukturen zerschlagen, ohne daß jemals ein sachliches Argument vorgetragen worden wäre, warum diese Strukturen weg müssen.

In solchen Fragen sollten Anhänger eines gemäßigten, menschlichen Fortschritts und Gegner des manischen, fortschrittsgetriebenen Menschen auf der Linken mit echten traditionellen Konservativen Schnittmengen finden können. In vielen anderen Fragen auch. Die Distanz zwischen der traditionellen konservativen Rechten und der gemeinschaftsliebenden, lokalistischen Linken ist gar nicht so groß, wie es oft erscheint. Vielleicht wird es in Zukunft nur dann eine Wende weg von der ultrakapitalistischen, globalistischen, modernistischen Ideologie geben, wenn diese verschiedenen Kräfte zusammenfinden, und gemeinsam für ihre Ziele eintreten. Die Kategorien links und rechts hatten schon immer ihre Probleme, aber heute sagen sie noch weniger aus als je zuvor: Künast, Kipping, Lauterbach, Clement, Niebel und Oettinger haben vielleicht unterschiedliche Ansichten über die Rolle des Staates innerhalb der modernistischen Ideologie (soll der Staat den Menschen als „wohlmeinende(-r), mater- und paternalistische(-r) ErzieherIn“, wie es die Ideologen der Linken ausdrücken würden, ummodeln, oder als offen repressiver Viehtreiber?), aber die herrschende Ideologie wird von allen sechsen, und im übrigen von den Führungen aller fünf im Bundestag vertretenen Parteien, vorbehaltlos unterstützt. Die Kritiker der Ideologie finden sich marginalisiert auf der Linken und der Rechten und irgendwo dazwischen. Vielleicht sollte man sich später darüber streiten, wie die lokale Gemeinschaft denn aussehen soll, aber bis dahin zusammen gegen die vollständige Auflösung der lokalistischen Idee eines Fortschritt nach Maßgabe des Menschen, statt eines Menschen nach Maßgabe des Fortschritts kämpfen.

Welcher Art die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen diesen Gruppen auch immer sein mögen, keine von ihnen kann sich in der derzeitigen weltweiten politischen Landschaft zwischen rücksichtslosen, ultrakapitalistischen Heuschreckenapologeten und gewissenlosen etatistischen Modernisierungstechnokraten sonderlich wohlfühlen.

Der konservative Standpunkt

An wessen Wesen die Welt auch immer genesen soll – ob am Nationalismus, am Internationalismus, am Faschismus, am Sozialismus, am Kommunismus, am Kollektivismus, am Feminismus, oder welchen anderen -ismen auch immer, die Welt wird nicht genesen – aber Menschen werden leiden. Die Ziele politischer Ideologien der Gegenwart oder allgemein der Neuzeit waren sehr verschieden. Die konkreten Utopien, deren Verwirklichung sie sich auf ihre Fahnen schrieben, auch. Nicht verschieden war jedoch die eine Grundkonstante, die sich wie ein roter Faden durch alle Ideologien zieht: der Wille zur Veränderung des Menschen. Wenn Nationalsozialisten versuchen, die Menschheit so umzuformen, daß sie dem arischen Ideal entspricht, dann ist das abzulehnen und es sterben Millionen von Menschen. Wenn Kommunisten versuchen, die Menschen dazu zu zwingen, sich zu ändern, indem sie ihr individuelles Gewinnstreben und ihr Leistungsstreben ablegen, dann können sie dies auch nur mit verschiedenen Formen der Gewalt tun – wieder leiden und sterben ungezählte Millionen von Menschen.

Andere Ideologien gehen derzeit noch nicht so weit. Auf das Konto des Feminismus gehen allerdings fast eine Milliarde toter Kinder durch legalisierte Abtreibungen rund um den Globus – blutiger Tribut an das abstrakte Ideal der Emanzipation der Frau. Allen Ideologien, selbst denen die noch nicht für grauenerregende Massaker rund um die Welt verantwortlich zeichnen, ist jedoch gemeinsam, daß es ein utopisches Ideal gibt, das unbedingt erreicht werden soll – und wo die Menschen nicht glücklich sein wollen, da müssen sie eben zu ihrem Glück gezwungen werden.

Wie kann denn auch eine solche Ideologie umgesetzt werden? Immerhin haben alle Ideologien eine Art Vorstellung von einem Idealzustand – wie die Welt, wie der Mensch sein soll. An sich ist das nicht schlimm, sondern sogar gut. Es ist sinnvoll, zu wissen, wohin man reisen will, wenn man sich zum Aufbruch entschließt. Aber es gibt eine reale Gefahr in all den Idealen. Menschen sind nicht so, wie die Ideale sie gern hätten. Und man kann sie auch nicht umformen. 70 Jahre blutige Massaker und grausame Indoktrination hat die Menschen nicht zu echten Sowjetmenschen umerzogen, deren einziges Streben die Gemeinschaft, das Kollektiv war. Menschen in Rußland sind heute ebenfalls beseelt von einem individuellen Gewinnstreben, von dem Willen, Erfolg zu haben und die Früchte dieses Erfolgs nicht mit der Gemeinschaft oder dem Staat teilen zu müssen. Man ist versucht, zu sagen, dies sei ganz natürlich. Ist es auch. Es liegt in der Natur des Menschen, den Wunsch zu haben, individuellen Erfolg zu genießen – der eine hat ein stärkeres Streben, der andere ein nicht so starkes Streben.

Menschen sind die einzigen Wesen dieser Welt, die sich gegenüber ihrer Natur noch einmal verhalten können. Das was die Menschen sind, wenn sie ihrer Natur freien Lauf lassen, ist nicht das, was sie sein müssen. Die Pflanze wächst immer zum Licht. SIe kann dies nicht gut finden oder schlecht – und selbst wenn; sie könnte es nicht ändern. Raubtiere jagen andere Tiere, es liegt in ihrer Natur es zu tun. Sie können nicht anders, und sie können es auch nicht oder nur in sehr beschränktem Maße gut finden, was sie dort tun. In dieser Hinsicht ist der Mensch einzigartig. Nur der Mensch ist in der Lage, das was er von Natur aus ist, zu bewerten. Der Mensch, der von Natur aus einen Sexualtrieb hat, kann sich entscheiden, diesen nicht auszuleben, aus welchen Gründen auch immer. Er kann sich zu seinem Sexualtrieb so verhalten, daß er ihm immer folgt, oder er kann ihn völlig verneinen. Die meisten Menschen bewegen sich irgendwo dazwischen. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen, da er von anderen Menschen sein ganzes Leben hindurch abhängig ist. Er braucht bis zur Geburt, aber auch danach noch, die Fürsorge seiner Mutter, er braucht jemanden, der ihn versorgt, der ihn erzieht, bis er in der Lage ist allein klarzukommen. Und da er nicht alles selbst machen kann, braucht er immer jemanden. In der arbeitsteiligen Gesellschaft kann der Mensch ohne Bauern, die sein Brot produzieren nicht leben. Der Mensch ist von der Wiege bis zur Bahre „unrettbar“ abhängig von anderen Menschen. Es liegt in seiner Natur es zu sein. Und doch können Menschen sich entscheiden, Eremiten zu werden. Sie sind in der Lage, sich mit allem selbst zu versorgen, sparsam zu leben und alles aus Eigenproduktion zu beziehen. Menschen können ihre soziale Natur verleugnen, und sie können absolut autark werden.

Manche Menschen verhalten sich so zu ihrer Natur, manche verhalten sich anders. Jeder Mensch ist individuell, unter anderem auch deshalb, weil er sich zu seiner Natur so verhalten kann, wie es ihm paßt. Er ist zwar an ein Fundament gebunden, von dem aus er aufbrechen muß, aber er ist nicht gezwungen, immer dort zu bleiben. Das bedeutet es, wenn man sagt, daß der Mensch frei ist. Er ist frei zu wollen, er ist frei seine Natur überwinden zu wollen, und er ist frei in ihr aufzugehen. Dieser freie Mensch ist verdammt dazu, sich in der Welt, in die er hineingeschleudert wird, zurechtzufinden.

Weil der Mensch sich gegenüber seiner Natur noch einmal verhalten kann, ist er in der Lage, eine Utopie zu entwickeln, die eine radikale Veränderung seiner Natur beinhaltet. Hier beginnen aber die Probleme. Während es völlig unproblematisch ist, wenn ein Mensch sich frei dazu entschließt, bestimmte Aspekte seiner Natur nicht akzeptieren zu wollen, ist es ein großes Problem, wenn Menschen versuchen, ihre Vorstellungen darüber, welche Aspekte der Natur nicht akzeptiert werden sollen, in welcher Hinsicht der Mensch verbessert werden soll, zur Grundlage einer Gesellschaft zu machen. Wenn Menschen Menschen verbessern wollen, dann kommt es zur Katastrophe.

Alle Ideologien haben nun gemeinsam, daß sie eben ein Ziel propagieren, in dem bestimmte Aspekte der menschlichen Natur akzeptiert und bestimmte Aspekte der menschlichen Natur nicht akzeptiert werden sollen. Wenn ein Kollektivist die Welt verändern will, dann heißt das immer: er will den Menschen in der Welt verändern. Aber das bedeutet immer auch, daß er alle Menschen verändern will, denn täte er dies nicht, könnte seine Utopie nicht wahr werden. Der Kollektivist ist davon überzeugt, daß es für alle Menschen gut wäre, wenn sie aufhörten, nach der Vermehrung individuellen Nutzens in Relation zum Nutzen anderer Individuen zu streben, und stattdessen für die Gemeinschaft lebten, arbeiteten und produzierten. Einige Menschen mögen ihm dort zustimmen. Da es aber nach dieser Theorie objektiv besser für Menschen ist, wenn sie sich kollektivitisch verhalten, wird dadurch gerechtfertigt, ein Staatssystem aufzurichten, das selbst kollektivistisch ist. Die große Gefahr, die allen menschlichen Ideologen immer zum Verhängnis wird, weil sie selbst fehlbar sind, ist nun, daß man die Menschen zu ihrem Glück zwingen möchte. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel. Die Erfahrung mit solchen Ideologien zeigt, daß es ausnahmslos in jedem Fall zu einer Tyrannei der guten Absichten kommt, die spätestens eine Generation später abgelöst wird von der Tyrannei der schieren Macht. Wann immer ein Staatssystem oder eine politische Entscheidung aufgebaut oder getroffen wird, mit der Absicht den Menschen zu verbessern, mit der Absicht, eine Utopie zu erreichen, ist eine Garantie auf Blutvergießen, auf Leid und Tyrannei, auf totalitäre Staatsexzesse bereits eingebaut.

Ein vernünftiges Staatssystem, eine vernünftige Politik, nimmt Rücksicht darauf, und vermeidet es peinlich, die Menschen verbessern oder optimieren zu wollen. Alle Menschen sind fehlbar, sie sind mit tiefen charakterlichen und sonstigen Fehlern durchsetzt und wer sich davon ausgenommen glaubt, der hat den größten charakterlichen Fehler von allen dadurch direkt bestätigt. Wer glaubt zu wissen, was gut für alle Menschen ist, dem darf man es auf keinen Fall anvertrauen, darüber zu entscheiden. Alle Ideologie, verstanden als Versuch zur Errichtung einer „besseren Welt“ sind von vornherein zum Scheitern verurteilt – im besten Fall. Und führen zu Millionen von Toten und zu entsetzlichen Grausamkeiten – im Normalfall.

Es ist notwendig, daß die Menschen darüber selbst entscheiden, wie sie sich zu ihrer eigenen Natur verhalten wollen, und daß sie sich in dieser Frage ständig irren werden, ist völlig klar. Menschen werden verhängnisvolle Fehler machen und Menschen werden durch die Fehler, die sie machen, die Welt zu einem schlechteren Ort machen. Aber Menschen werden – über eine sehr lange Zeit, über viele Generationen hinweg – so etwas ansammeln, wie eine kollektive Vernunft. Dinge, die sich im Allgemeinen bewährt haben, werden die Eltern an ihre Kinder weitergeben, zusammen mit der Warnung, gewisse Dinge lieber sein zu lassen, weil dies nur zu Schaden führen kann. So werden sich im Laufe von Jahrhunderten immer gewisse Regeln, Normen, Gebote und Verbote einnisten unter den Menschen, wenn man sie denn läßt, und das ist auch gut so. Es ist eine notwendige und wichtige zivilisatorische Einsicht, daß die gesammelte Weisheit von vielen Jahrhunderten die gröbsten Fehler eher korrigiert, als die idealistische Avantgarde von heute.

Im Laufe von Jahrhunderten machen die Menschen unendlich viele Fehler und sie tun unendlich viel Schreckliches. Und sie sehen unendlich oft auf der ganzen Welt die Konsequenzen ihrer Handlungen. Im Laufe der Zeit werden die Menschen durch Versuch und Irrtum herausfinden – haben sie herausgefunden – welche Handlungen die schlimmsten und welche die besten Konsequenzen haben werden. Natürlich ist diese Weisheit nicht unfehlbar – sie ist ebensowenig unfehlbar, wie die Menschen von denen sie stammt. Aber sie ist geprüft und das ist ja schon einmal etwas. Diese Weisheit wird sich durch neue Erkenntnisse, dadurch daß neue Menschen neue Ideen haben und neue Experimente durchführen, ausprobieren, was passiert, wenn man dieses Gesetz erläßt oder jenes zurücknimmt, zum Beispiel, verändern. Es werden alte Weisheiten entfernt und durch neue ersetzt – wenn sie sich in der Praxis als gutes Mittel bewährt haben. Und wenn die neuen Experimente scheitern, dann wird man der nächsten Generation beibringen, was sie gar nicht mehr zu versuchen brauchen. Und keine Angst, damit die menschliche Experimentierfreude zu brechen: Die Jugend wird es ohnehin wieder und wieder versuchen – und jedes Mal scheitern, und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß die nächste Generation es endlich gut sein läßt.

Dieser Mechanismus des Fortschritts, durch den sich eine Gesellschaft langsam, aber sicher, modernisiert, ist nicht immun gegen Fehlschläge und er ist ganz sicher denen, die meinen, sie hätten den Stein der (eigenen) Weisheit entdeckt, viel zu langsam. Und in der Tat kann es oft schrecklich lange dauern, bis ein Wandel auf diese Weise akzeptiert ist. Aber Menschen werden immer nach der Verbesserung ihrer selbst und der Gesellschaft streben – solange es Menschen gab, war dies schon so. Was benötigt wird, ist nicht der Anreiz zur Verbesserung der Welt durch utopische Ideale, nicht die Ideologie des Fortschritts, des Progressivismus, sondern die Verwurzelung der Menschen in ihrem ererbten Schatz zeitgeprüfter und wettergegerbter Weisheiten. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß unsere Ahnen klüger waren als wir – viele waren sogar ziemlich dumm – aber genausowenig ist davon auszugehen, daß eine kleine Gruppe hoch gebildeter, intellektueller oder pseudointellektueller Gesellschaftsplaner die gesammelte Weisheit jahrhundertelanger Experimentierfreude übertrumpfen kann.

Der Versuch, die Gesellschaft zu planen, ist immer der Versuch Menschen zu planen. Der geplante Mensch ist das gemeinsame Ziel des Kommunismus und des modernen Raubtierkapitalismus, des Nationalismus und des Internationalismus, des Feminismus und des Chauvinismus, des Faschismus und des Liberalismus – nur die Pläne sind verschieden.

Diese Weltsicht, die den Menschen als Herrn über sich selbst sieht, die ihm aber jedes Recht abspricht, andere unter seine Herrschaft zu zwingen, die als einzige legitime Staatsform die freie Demokratie anerkennt, in der die sehr begrenzte Macht des Staates aus den Händen der Bürger entspringt, und die meiste Macht niemals die Hände der Bürger verläßt; diese Weltsicht, die jeden Menschen dazu anregt, zu experimentieren, auszuprobieren, zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, was als anerkannt gilt, die aber zugleich einen tiefen Respekt vor der ererbten Weisheit und Einsicht der Vergangenheit an den Tag legt, die nicht verändert um des Veränderns willen; diese Weltsicht, die anerkennt, daß nicht alles früher besser war, aber vieles heute schlechter, die die individuelle Verantwortung für die eigenen Handlungen in den Vordergrund stellt und den Menschen ermutigt, moralisch zu handeln, ein gutes Leben zu führen, die aber nicht den stumpfen Knüppel der Staatsgewalt, sondern die spitze Feder der Argumentation dazu benutzt, den Menschen zur Einsicht in seine Schwaächen zu bewegen – und zu dem Willen, ein besserer Mensch zu werden; diese Weltsicht, die die Welt nicht verbessert und dies auch gar nicht will, weil niemals zwei Menschen Einigkeit darüber erzielen können, wie eine optimierte Welt denn aussieht; diese Weltsicht, die sehr mißtrauisch gegenüber den Heilsversprechungen von Politikern, Wirtschaftsfunktionären und Revolutionsführern gleichermaßen ist, die mißtrauisch gegenüber dem Wandel ist, aber nicht ablehnend; diese Weltsicht ist es, die ich konservativ nenne.

Diese Weltsicht hat fundamentale Fehler und sie ist die schlechteste aller Weltsichten, wenn man von allen anderen einmal absieht. Sie trägt der fundamental fehlerhaften Natur der Menschen ebenso Rechnung, wie dem unstillbaren Verlangen nach Verbesserung des Menschen und vermeidet deshalb sowohl hochfliegende Ideologien und Utopien, die den Menschen ändern wollen, als auch einen leeren institutionellen Nihilismus, der als Wert nur das anerkennt, was eine Mehrheit beschlossen hat – bis die Mehrheit ihre Meinung ändert.

Einen neuen Menschen schaffen – das kann und will der konservative Standpunkt nicht. An ihm kann niemand – und erst recht nicht die Welt – genesen; und gerade das macht ihn so gesund für die Welt. Daher gibt es keinen Konservatismus. Konservativ zu sein ist nicht Ausdruck des Verlangens, eine bessere Welt oder eine bessere Menschheit zu schaffen, nicht Ausdruck einer Zuversicht, besser zu wissen, was die Menschen brauchen, als die Menschen selbst, sondern Ausdruck jener fundamentalen Bescheidenheit, jenes Wissens um die eigene Fehlbarkeit und jener Vorsicht und jener Mäßigung, die aus diesem Wissen herrührt.

Feminismus und Machtinteressen

Ich habe vor kurzem dargelegt, warum es inakzeptabel ist, bestimmte Gruppen in irgendeiner Form staatlich zu bevorzugen. Da die Argumentation eigentlich ziemlich einfach und verständlich ist, stellt sich natürlich die Frage, warum dennoch nicht nur eine Strömung, sondern eigentlich alle herrschenden Strömungen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft die Beibehaltung und sogar den weiteren Ausbau der umgekehrten Diskriminierung fordern. Daß dies der Fall ist, kann jeder aufgeklärte Mensch tagtäglich in allen Medien feststellen. Immer wieder ist die Rede von Quoten, von der angeblichen Notwendigkeit, immer verrückter klingende Diskriminierungen durch staatliche Intervention auszugleichen. Eine nicht so häufig erwähnte Maßnahme zum Ausgleich für angebliche Nachteile von Frauen in der Gesellschaft ist zum Beispiel der Mythos Häusliche Gewalt. Sicher gibt es Fälle, in denen brutale Ehemänner ihre Frauen verprügeln. Allerdings zeigt sich in allen Untersuchungen zu diesem Thema immer wieder, daß häusliche Gewalt keine Einbahnstraße ist (ein Artikel dazu, mit Links zu mehreren Untersuchungen findet sich hier), und daß Frauen und Männer sich in dieser Frage eigentlich gar nicht allzu sehr unterscheiden. Dennoch werden in fast allen einschlägigen Programmen gegen häusliche Gewalt immer Männer einseitig als Täter dargestellt, und Frauen sind immer die Opfer. Dies hat einige grausige Folgen für die betroffenen Menschen.

Aber die Frage dieses Artikels ist, warum es zu solchen Forderungen kommt, welche Motive und welche Ideen dahinter stecken. Da die Denkrichtung, die zu diesen Forderungen immer positiv eingestellt ist, der Feminismus ist, erscheint es sinnvoll, die Ziele dieses Feminismus kurz zu überblicken. Natürlich ist die ideologische Vielfalt des Feminismus ebenso unübersichtlich und sektiererisch, wie die diversen kommunistischen Splittergruppen, aber um die Details soll es hier gar nicht gehen. Eigentlich alle Feministen können sich zumindest auf ein gemeinsames Ziel einigen: Die Emanzipation der Frau. Doch wovon soll sich die Frau eigentlich emanzipieren? Und warum? Die Antwort darauf kann nur lauten: Frauen sollen sich von den Bindungen der traditionellen Familie und der bewährten Rollenmodelle befreien, sie sollen sich von gesellschaftlichen Erwartungen an das, was eine Frau tut und was sie will, emanzipieren, sie sollen sich von historisch gewachsenen Verhaltensweisen lösen.

Politisch und gesellschaftlich haben sich diese Forderungen weitgehend durchgesetzt. Nur sehr vereinzelt läßt sich etwa eine Verteidigung der traditionellen Mutterrolle noch vernehmen, und wenn dann wird sofort der Vorwurf erhoben, Frauen an den Herd verfrachten zu wollen (selbst wenn dies gar nicht stimmt), man denke nur an den Zirkus um Eva Herman.

Dennoch sollte in einer freien Gesellschaft auch eine eindeutig herrschende Ideologie immer wieder hinterfragt werden, insbesondere wenn die von ihr produzierten Politiken und Ergebnisse erschreckend sind. Fast 40 Jahre lang haben nun feministische Ideen im Wesentlichen die öffentliche Debatte beherrscht. Von der Forderung nach der Freigabe der Tötung ungeborener Kinder zwecks Vermeidung von Unbequemlichkeiten (Abtreibung auf Verlangen) in den 70er-Jahren, zur Veränderung der Scheidungsregelungen bis hin zu modernen Forderungen nach einer flächendeckenden Krippenversorgung. Worin besteht der gemeinsame Nenner all dieser Forderungen, die vom politisch-industriell-medialen Komplex freudig gepriesen und umgesetzt werden? Immer geht es um die Lösung von entweder gesellschaftlich gewachsenen oder natürlich existierenden Verpflichtungen der Frauen. Es geht also um die völlige Ablehnung jeder Verantwortung der Frau für ihre Handlungen. Wenn sie Sex hat und schwanger wird, dann ist es ihr natürlich nicht zuzumuten, ihr Kind auch auszutragen, daher muß sie es töten dürfen… Wenn sie ein Kind zur Welt bringt, dann ist es ihr natürlich nicht zuzumuten, für die Erziehung dieses Kindes auch Verantwortung zu übernehmen (und dem Mann kann man das scheinbar auch nicht zumuten, denn man gibt dem verantwortungslosen Vater ja die Ausrede „du hättest ja abtreiben können, oder nicht? Es war deine Entscheidung das Kind zu bekommen, nicht meine. Also lebe jetzt auch damit. Ich bin da raus…“), und deswegen soll der Staat den Eltern die Kinder möglichst früh abnehmen, damit die Frau auch auf gar keinen Fall ihre hochgeliebte Karriere unterbrechen, oder, Gott behüte, gar aufgeben muß. Das wäre ja schrecklich.

All diese feministischen Forderungen heben also darauf ab, der Frau Freiheit ohne Verantwortung zu geben. Dies ist natürlich weder richtig noch auf Dauer möglich. Aber aus dieser Mentalität kommt auch der Anspruch nach der „Frauenförderung“. Denn schließlich soll die Frau zwar frei sein, alle Karrierewünsche zu verfolgen, auf deren Verfolgung sie in unserem „Schulunwesen“ gedrillt wurde, aber sie soll sich dafür möglichst nicht anstrengen müssen. Und worin besteht denn hier noch die Freiheit? In einer Gesellschaft in der von allen kulturellen, medialen und selbst schulischen Instanzen der eindeutige Aufruf ausgeht, jeder Mensch solle „unabhängig“ und „ungebunden“ sein, in der diese beiden Begriffe bloß materiell verstanden werden, wächst natürlich der Druck auf die angeblich so freie Frau, einen bestimmten Pfad einzuschlagen (denn auch hier gibt es auf Dauer keine Freiheit ohne Verantwortung, denn wem die Verantwortung für die eigene Entscheidung abgenommen wird, der ist auch nicht mehr frei).

Aber das Ziel dieses Artikels sollte nicht aus dem Auge verloren werden: den Gedankengang nachzuzeichnen, der zu der Forderung führt, Frauen gegenüber Männern in jedem Gesellschaftsbereich vorzuziehen, mindestens solange, bis 50-50- Parität erreicht ist. Wie wir also feststellen konnten, geht es um die Erlangung der Freiheit, machen zu können, was immer man will, ohne dafür den Preis zahlen zu müssen. Aber klar ist auch: Gesellschaftliche Zwänge wird es immer geben. Wenn die Gesellschaft von jemandem erwartet, Hausfrau und Mutter zu sein, ist das ebenso ein gesellschaftlicher Zwang, wie wenn die Gesellschaft Milliarden in die Frauenförderung investiert und dann erwartet, daß die geförderten Frauen auch gefördert werden wollen, und nicht doch den Weg der Hausfrau und Mutter einschlagen, welcher in diesem Land inzwischen gründlich diskreditiert worden ist, aus rein ideologischen Gründen.

Ferner spielt bei den Forderungen nach „Gleichheit“ auch der Gedanke eine Rolle, daß Unterschiede zwischen Menschen allgemein ungerecht sind und verringert werden müssen. Dieses Argument habe ich in diversen Artikeln bereits entkräftet, man sehe sich nur auf diesem Blog einmal um.

Soweit diverse Betrachtungen über die feministische Seite dieses Arguments. Nicht übersehen werden sollte aber, daß trotz der immensen Kraft des Feminismus als Ideologie, dieser, insbesondere ob seiner erschreckenden intellektuellen und argumentativen Löchrigkeit, allein nicht fähig gewesen wäre, die Gesellschaft, das gesellschaftliche Denken, die Medienlandschaft, die Wirtschaft, und alle fünf relevanten politischen Parteien außerhalb Bayerns so vollständig unter Kontrolle zu bringen, und dazu noch über so lange Zeit. Um zu klären, warum die feministische Ideologie so erfolgreich ist, wäre sicher mehr erforderlich, als nur dieser eine Artikel. Ein wesentlicher Ansatz scheint mir aber folgender zu sein, der sich immer wieder bewährt: Cui bono?

Wer profitiert vom Feminismus? Zu wessen Vorteil gereicht die quasi-totalitäre Umformung der Gesellschaft zu einem Geschlechtsstaat, ähnlich einem Kastensystem oder der Apartheid? Eine offensichtliche Antwort ist schnell gefunden, wenn man sich fragt, was denn eines der wesentlichen Ziele des Feminismus war: wie gesagt, die Emanzipation der FRau vom Manne. Damit die FRau unabhängig vom Mann leben kann, muß sie in irgendeiner Form irgendwie ihren Lebensunterhalt sichern. Wenn man einmal von der zumindest heute hoffentlich nicht mehr ernsthaft vertretenen Idee des kommunistischen Paradieses absieht, in dem jeder das erhält was er will, ohne dafür etwas tun zu müssen, dann bedeutet das folgendes: eine FRau, die unabhängig vom Mann sein soll, muß finanziell unabhängig vom Brotverdiener Mann sein. Und das heißt hier natürlich: sie muß arbeiten gehen.

Wozu aber führt der massenhafte Strom von Frauen ins Erwerbsleben, der die Frauenerwerbsquote so massiv hat absteigen lassen? Vox Day, ein von mir sehr geschätzter Kolumnist und Spieleentwickler sagt es sehr klar in den folgenden Worten:

When women began to enter the work force en masse in the latter half of the 20th century, the overall supply of labor increased, obviously. As per the iron law of supply and demand, over the last 60 years, this increase in supply has somewhat outstripped the growth in the economy and the attendant demand for labor, which is why real wages are still lower in 2005 than in 1973.

Natürlich führt mehr Arbeitsangebot zu sinkenden Löhnen. Wenn man einmal die Gewerkschaften fragen möchte, so ist klar, wer sich sinkende Löhne wünscht: die Arbeitgeberseite. Unternehmen profitieren davon, wenn Menschen bereit sind, für immer weniger Geld zu arbeiten, denn es senkt schlicht ihre Kosten.

Wer profitiert also von dem erhöhten Zufluß der Frauen in den Arbeitsmarkt? Die arbeitende Frau? Nein, denn jede Frau hätte einen Vorteil davon, wenn sich ihre Geschlechtsgenossinnen der Teilnahme am Arbeitsmarkt enthielten, so daß der Druck auf die Löhne geringer wäre. Es profitiert die Unternehmerseite, die einen massenhaften Zufluß von Arbeitskräften erhält, zu wesentlich geringeren Löhnen als üblich. Die Unternehmen sind bereit, dafür eine Welle an ungeahnter staatlicher Regulierung in Kauf zu nehmen. An dieser Stelle lohnt es sich, sich in Erinnerung zu rufen, daß Unternehmen kein inhärentes Interesse an einem schlanken Staat haben, sondern diesen nur deswegen fordern, damit sie sich weniger an seiner Finanzierung beteiligen müssen. Das Interesse der Unternehmen ist nicht Bürokratieabbau, sondern Kostensenkung. Die Senkung der Lohnkosten ist für die Unternehmen so kostensparend, daß ein etwas teuerer Staat nichts dagegen ist (vor allen Dingen solange sich die Finanzierung der Mehrkosten durch Sozialabbau oder Erhöhung von Lohn- oder Konsumsteuern finanzieren läßt).

Wir sehen also, daß es im Interesse der Arbeitgeber ist, immer mehr Frauen ins Erwerbsleben zu holen (und nebenbei: sie länger arbeiten zu lassen (Rente mit 67, früherer Berufseinstieg durch verkürzte Bildungszeiten, Arbeitszeitverlängerung)). Je mehr Frauen arbeiten gehen, desto niedriger sind die Löhne. Und je niedriger die Löhne sind desto weniger Familien sind in der Lage mit einem Einkommen auszukommen, desto mehr Frauen gehen arbeiten, desto stärker sinken wieder die Löhne und immer so weiter. Ein wahrhaftiger Teufelskreis, dessen Schmieröl die feministische Ideologie ist, die inzwischen alle Ritzen der Bildungs- und Familienpolitik durchdringt.

In den Schulen findet von frühesten Klassenstufen an eine systematisch Indoktrinierung der Kinder statt, hin zu einer Ideologie, die die Entscheidung für einen Beruf und den Einstieg in den genannten Teufelskreis als alternativlos darstellt. Programme, die insbesondere Mädchen dazu drängen sollen, eine Karriere in einem traditionell von Männern dominierten Beruf zu zu beginnen, werden massiv aus Steuermitteln gefördert. Millionen werden jährlich für das sogenannte „Gender Mainstreaming“ ausgegeben, das jegliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern beseitigen soll. Kein Preis ist derzeit zu hoch, um mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu stoßen – und die Frauen lassen es mit sich machen, verblendet von einer feministischen Ideologie, die ihnen von Kindesbeinen eingetrichtert wird, und zu der sie nur die Alternative „Unterdrückung durch das Patriarchat“ kennen. Kein Preis ist zu hoch, um die massenhafte Täuschung der Frauen aufrecht zu erhalten, die besagt, daß der einzige Weg zum Glück die Verfolgung einer Karriere und der berufliche Erfolg ist. Einer der größten Fehler der meisten Männer ist es, diese Täuschung zu glauben, und den Erfolg in der Erwerbsarbeit über alles andere zu stellen – selbst über ihre eigene Familie. Müssen wir Frauen auch noch darin bestärken, blind hinter den Fehlern der Männer herzurennen, von denen sie sich zu emanzipieren gedachten?

Einige der Menschen auf der linken Seite des politischen Spektrums, die sich ernsthaft und ehrlich für mehr Gerechtigkeit, gegen sinkende Löhne, gegen einen globalen „Raubtierkapitalismus“ einsetzen, die mit großem Idealismus eine bessere Welt wollen, in der Freiheit und Gerechtigkeit kein WIderspruch sein müssen, einige dieser sehr geschätzten Bürger kämpfen zugleich für die Ziele der „Geschlechtergerechtigkeit“. Es stimmt traurig, wenn man sieht, wie diese Menschen unwissentlich genau dem Kapitalismus die Stange halten, den sie zu domestizieren gedenken, genau die Vermarktung der Gesellschaft befördern, deren Verhinderung sie sich auf ihre Fahnen geschrieben haben. Und es ist erschreckend, wie bereitwillig viele bedenkenswerte Ideen auf dem Altar des radikalen Feminismus geopfert werden – links wie rechts der Mitte.

Wenn die kapitalistische Wirtschaftsordnung völlig freies Spiel hat, und Schumpeters schöpferische Zerstörung zuläßt, kommt es zur Freiheit, mit vielen Kollateralschäden

Wenn der Staat massive Interventionen durchführt, um den Kapitalismus nach den Bedürfnissen des Menschen und seiner Gesellschaftsstrukturen zu verändern, und das Leben der Menschen und Unternehmen durchreguliert, kommt es zur Lähmung des Wirtschaftslebens durch Unfreiheit, aber mit hoher sozialer Gerechtigkeit.

Und wenn der Staat massive Interventionen durchführt, um die Menschen und seine Gesellschaftsstrukturen nach den Bedürfnissen des Kapitalismus zu verändern, kommt es zur Unfreiheit, aber mit vielen Kollateralschäden und niedriger sozialer Gerechtigkeit.

Genau das tut er derzeit mit dem Feigenblatt der feministischen Ideologie, im Sinne von Großunternehmen, deren Absicht die Senkung von Löhnen und die Entrechtung arbeitender Bürger ist, und allzu oft im Einklang mit einer uniformen politischen Orthodoxie, deren bloße Anzweiflung bereits den Ausschluß aus dem Kreis der erwünschten Gäste in der deutschen Medienlandschaft bedeutet. In diesem Zusammenhang ergibt dann plötzlich auch die Frauenförderung einen wirtschaftlichen und politischen Sinn, nur ist es nicht die Förderung der Frauen.

Gegen Lissabon – Für Europa

Human Events hat heute einen Artikel über einen gewissen Declan Ganley. Noch nie gehört? Dann bitte weiterlesen (und nachher auf diesen Link klicken)!

Vor einiger Zeit lehnten die Bürger Irlands den Vertrag von Lissabon in einem Referendum ab. Die nahezu einhellige Reaktion der Meinungsführer europaweit war folgende: einige populistische Extremisten in Irland haben, mit Bezug auf nationalistische Gefühle bei den Iren, die Situation genutzt, um ihre europafeindliche Politik durchzusetzen. Die Ablehnung des Vertrags wurde als „undemokratisch“ bezeichnet, weil nur ein geringer Anteil der Bevölkerung der EU gegen das Vertragswerk gestimmt hat (kein Wunder, wenn man nur ein Land abstimmen läßt, noch dazu ein kleines Land!); Durchhalteparolen wurden verbreitet, der ein oder andere Eurokrat dachte offen über ein zweites Referendum nach. Schließlich hatte man schon mehrmals andere Völker diszipliniert, wenn sie gegen die Parteilinie, äh ich meinte EU-Linie, zu stimmen wagten.

Selten wurde in Medien und Öffentlichkeit darüber diskutiert, was eigentlich hinter dem Nein der Iren steckt. Blanke Eigensucht? Haben die Iren zu lange von Europa profitiert, können jetzt auf eigenen Beinen stehen und wollen Europa zerstören, um weiter Dumpingwettbewerb zu betreiben? Ist es tatsächlich eine nationalistische Stimmung? Immerhin haben doch alle gemäßigten Parteien für den Vertrag geworben. Waren die Iren einfach uninformiert und hätten, wenn sie doch nur klüger und besser ausgebildet und informierter gewesen wären, dem Ungetüm zugestimmt?

Vielleicht von allem etwas. Aber das ist nicht das genaze Bild. Und an dieser Stelle kommt Declan Ganley ins Spiel. Er ist ein relativ junger Unternehmer aus Irland, der eine massive Kampagne gegen den Lissabon-Vertrag geführt hat, und als mitverantwortlich für das Nein gelten kann. Ist er also ein europafeindlicher Nationalist? Ganz im Gegenteil. Er sei für Europa. Gerade deshalb sehe er es als seine Bürgerpflicht an, die EU nicht zu einem antidemokratischen Monster werden zu lassen (sie ist es in gewisser Weise bereits, und Lisasabon verschlimmert die Situation). Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

I decided to form Libertas and then we decided to oppose this treaty because it is anti-European- because it is anti-the-four-hundred-and- eighty-odd-million-people of Europe and anti-democratic.

Libertas, die Organisation, die er gegründet hat, will, wenn man dem Human-Events-Artikel glauben mag, 2009 bei den Europawahlen antreten, um diese zu einer Abstimmung über den Vertrag von Lissabon zu machen (und so die erste echte europaweite Partei werden).

Wenn man die Website von Libertas liest, merkt man schnell, daß Ganley sich oft auf die Gründungsphase der USA bezieht, und dies liegt auch nahe, wenn man die populäre Rede von den „Vereinigten Staaten von Europa“ hört. Man sollte bedenken, auch wenn dies gern vergessen wird, sowohl in den USA als auch außerhalb, daß die amerikanische Verfassung eine strikte Begrenzung der Macht der nationalen Autorität beinhaltet („limited government“). Damit sollte sichergestellt werden (dies ist nur teilweise gelungen, wenn auch besser als in Europa), daß die Einzelstaaten weiterhin über alles selbst entscheiden, was nicht unbedingt auf nationaler („federal“) Ebene geregelt werden muß (Subsidiaritätsprinzip). Ferner gehörte es zur Absicht der „Founding Fathers“, dieses Prinzip auch auf substaatlicher Ebene fortzuführen, d.h. auch die Macht des Einzelstaates sollte begrenzt sein, und nur das regeln, was nicht auf lokaler Ebene zu regeln ist usw. Letztlich sollte jede Regierungsgewalt so stark beschränkt sein, daß der Bürger seine eigenen Entscheidungen treffen kann, möglichst unbehindert von exzessiven Gesetzen („self-government“).

Wenn man eine europäische Integration auf diesen Prinzipien erbauen will, dann müßte Europa eine minimale, aber wichtige Funktion als Zentralregierung haben, in der über eine begrenzte (und nicht durch die europäische Ebene veränderliche) Anzahl an Fragen entschieden wird. Alles andere müßte den Einzelstaaten obliegen. Und auf jeder Ebene müßte man für jede wesentliche Entscheidung das Volk direkt oder durch direkt gewählte Repräsentanten befragen. Ein solches System wäre wünschenswert und fände meine (und vielleicht auch Ganleys) Unterstützung.

Die EU in ihrem jetzigen Zustand, regiert von ungewählten Eliten, die sich vor niemandem zu verantworten haben (nicht einmal, wie Ganley treffend an einer Stelle bemerkt, vor Gott, denn der wird in der Verfassung ebensowenig erwähnt, wie im Lissabon-Vertrag), die tun und lassen können, was sie wollen, weil die gleichen Staatsmänner (und Merkel gehört trotz anderer Chromosomenkonfiguration auch dazu), die etwas in der EU beschließen, die im wesentlichen entmachteten Parlamente der Nationalstaaten dazu drängen, dies auch abzusegnen, diese EU ist nicht das Europa, das ich mir wünsche. Und es ist auch nicht das Europa, das die Europäer sich wünschen, wie man in Frankreich, Holland und Irland vor kurzem feststellen konnte, und in vielen Ländern mehr, ließe man das Volk sprechen, auch.

Hitler betrachtete Parlamente als „Quasselbuden“. Dies war abschätzig gemeint und sollte zeigen, daß aus der Sicht Hitlers ein starker Führer benötigt würde, der die Dinge in die Hand nimmt, nicht lange herumredet, sondern das tut, was getan werden muß. Hitler forderte einen Führer und wollte die Parlamente abschaffen. Heute fordert man „Macher“ und möchte die Parlamente entmachten, und ihre demokratisch legitimierte Macht auf eine ungewählte Eurokratie übertragen. Haben schon die nationalen Systeme oft genug krasse Demokratiedefizite (in Deutschland wählen die Bürger fast niemals jemanden in ein Amt, alles wird von den Parteiführern vorsortiert, damit nur die gewünschten Kandidaten auf die sorgfältig ausbalancierten Listen kommen), so ist gegenüber der heutigen EU Deutschland eine Demokratieoase. Und gegenüber der EU unter Lissabon wäre die heutige EU eine Demokratieoase. Deshalb:

Eine Stimme gegen Lissabon ist eine Stimme für eine demokratische europäische Föderation. Eine Stimme für Lissabon ist eine Stimme für eine unverantwortliche, machtgierige Elite, die in ihrer Regulierungswut die letzten zarten Pflänzchen der ohnehin geschundenen freiheitlichen Grundordnung methodisch zertritt, um an die Stelle der zarten Pflänzchen eine unüberschaubare Masse an Unkraut zu setzen, in dem sich jeder Bürger verfangen muß wie in den Seilen der Seilbahnen von Berlin.

[Bemerkung zum Artikel von Human Events, der diesen Beitrag inspiriert hat: Daß man so etwas bei Human Events lesen muß, und Berichte über Libertas und das Referendum in Irland nicht tagelang in Deutschland in den Medien zu finden waren, zeigt auch wieder einmal, wie wenig die Medien noch an einer ehrlichen Berichterstattung interessiert sind, und wie fest verankert die Machtposition der Meinungseliten in diesem Land und darüber hinaus bereits ist.]

Veröffentlicht in: on 22. Juli 2008 at 23:26 Kommentare (3)
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