Das Steele-Desaster

Die Republikaner haben einen neuen Parteivorsitzenden gewählt, zumindest wenn man den deutschen Medien glauben möchte. Nun ist der „RNC Chair“ zwar formell der Parteivorsitzende, aber die Parteien sind in den USA wesentlich dezentraler organisiert als in Deutschland: das bedeutet der neue Vorsitzende wird nicht so viel zu sagen haben wie ein deutscher Parteichef, und nicht einmal soviel wie der Sonnenkönig.

Doch zwei Gründe bringen mich dazu, diese Wahl als signifikant zu betrachten: einerseits kann Michael Steele, so der Name des Neuen, wie der aufmerksame Leser bereits wissen wird, administrativ viel für die Partei tun (und das brauchen die Republikaner dringend, wenn sie die Demokraten nicht für immer regieren lassen wollen). Noch wichtiger ist aber der Symbolcharakter der Wahl Steeles. Die Republikaner befinden sich am Anfang der Nach-Bush-Ära. In dieser Zeit hat die Partei einen wesentlichen Teil ihrer konservativen Prinzipien fallen lassen. Als Beispiele nenne ich an dieser Stelle den außenpolitischen Interventionismus, diverse Medicare-Erweiterungen, No Child Left Behind (eine Art Zwangsvereinheitlichungsprogramm für Schulen) und den Patriot Act, aber auch in anderen Bereichen lassen sich viele Beispiele finden.

In den Vorwahlen zur letzten Präsidentschaftswahl standen sich entsprechend diejenigen gegenüber, die die Republikaner wieder auf ihren alten erfolgreichen Kurs bringen wollten (noch 2002 gab es in den USA laut Gallup mehr Republikaner als Demokraten, was heute nur noch in etwa 10 der 50 Staaten der Fall ist), und diejenigen, die den unter Bush eingeschlagenen Weg der Abwendung vom konservativen Gedankengut fortsetzen wollten. Beispiele für die erste Gruppe wären Giuliani, Romney und in gewissen Grenzen McCain. Zur anderen Gruppe gehörten Ron Paul und mit Einschränkungen auch Mike Huckabee.

Diese Spaltung in „konservative“ und „moderate“ Republikaner (letztere sind oft Neocons, die Unterstützung für ihre außenpolitische Agenda durch Kompromisse bei innenpolitischen FRagen erkaufen wollen, was die Sache nur noch schlimmer macht) kann nicht lange in dieser Form bestehen bleiben. Schon im Sommer 2008 deutete sich an, daß ein guter Teil der konservativen Basis nicht allzu enthusiastisch bezüglich der Kandidatur McCains war. Dieser hatte die Vorwahlen letztlich nur aufgrund der Stimmen unabhängiger Wähler gewinnen können, die gar keine Republikaner waren, aber wegen der eigenwilligen Vorwahlregelungen mancher Staaten dennoch zur Wahl zugelassen waren. McCain wählte danach Palin zu seiner Vizepräsidentschaftskandidatin, was diese beunruhigten Basisströmungen erst einmal beruhigte. Nachdem die Wahl verloren war, unter anderem auch weil viele Republikaner, die 2004 noch Bush gewählt hatten, diesmal daheim geblieben waren oder gar Obama gewählt hatten, brach die Debatte erneut los: Sollen die Republikaner eine konservative Partei sein, die das Recht auf Leben, die traditionelle Familie, die amerikanische Verfassung und die ihr zugrunde liegenden christlichen Grundwerte und Traditionen verteidigt wo sie bedroht sind und wiederherstellt, wo sie beschädigt wurden? Oder sollen die Republikaner eine moderne europäische „konservative“ Partei wie die Tories in Großbritannien oder die CDU in Deutschland werden, die für nichts steht, bis auf Einmischung in die Angelegenheiten fremder Staaten, Gängelung der eigenen Bevölkerung durch paternalistische „Schutz“-Gesetze und Aufgabe lokaler Souveränität zugunsten des Zentralismus? Diese Kontroverse ist es, die in jeder Wahl und jeder Entscheidung der republikanischen Partei sich widerspiegelt. Darum ist die Wahl zum RNC Chairman wichtig gewesen.

Was also ist über den Sieger zu sagen? Zunächst einmal ist er von schwarzer Hautfarbe, was für einige Berichterstatter offenbar die Schlagzeile überhaupt war, für mich aber gar nicht von geringerer Relevanz sein könnte. Mich interessiert nicht im Geringsten, ob ein Politiker schwarz oder weiß ist, sondern nur ob er gut oder schlecht ist, also ob sein Charakter, seine Integrität, seine Grundüberzeugungen und seine inhaltlichen Positionen zu einigen wesentlichen Themen ihn zum Amt befähigen oder nicht. Ein weißer Mensch mit engen Kontakten in die linksextreme Szene, zu diversen Terroristen, dem Ku-Klux-Klan usw. wäre für mich genauso unhaltbar gewesen, wie ein asiatischer Befürworter von Abtreibung und Völkermord, oder eben wie Obama. Genauso (wenn auch in geringerem Maße) geht es mir auch mit Michael Steele.

Eindeutig und entschieden unterstützt er die bisherige amerikanische Haltung zur Außenpolitik (wie im übrigen in wesentlichen Punkten trotz einiger inhaltsleerer Gesten auch Obama). Ebenso klar ist seine Unterstützung einer Gruppe innerhalb der republikanischen Partei (die Gruppe heißt „Republican Leadership Council“), die sich für Abtreibung, gegen die traditionelle Familie und allgemein gegen konservative Werte ausspricht. Menschen wie Frau Whitman, die sogar die Teilgeburtsabtreibung im 9. Monat ohne Beschränkungen legalisieren will (diese ist seit 2003 in den USA nicht mehr legal, was ein Verdienst von Bush und den konservativen Republikanern ist), spielen die wesentlichen Rollen in dieser „republikanischen“ Gruppe. Diese RINOs („Republicans in Name Only“) sind Steeles Unterstützer und Befürworter.

Steele selbst hat sich 2006 dafür ausgesprochen, Roe vs. Wade nicht mehr zu bekämpfen. Roe vs. Wade ist eine Entscheidung des amerikanischen Supreme Courts von 1973, die im Wesentlichen folgendes festlegt: 1. Es gibt ein Grundrecht auf ungehinderte Abtreibung. 2. Dieses Recht gilt ohne jede Beschränkung für die ersten drei Monate der Schwangerschaft. Weder die Einzelstaaten noch der Kongress können auch nur die geringsten Beschränkungen dieses Rechts beschließen. 3. Ab dem 4. Monat der Schwangerschaft sind solche Beschränkungen zulässig, sofern sie Ausnahmen für die „Gesundheit“ der Mutter machen. 4. Die Definition von „Gesundheit“ ist der am selben Tag gefallenen Entscheidung Doe vs. Bolton zu entnehmen. 5. Die Definition von „Gesundheit“ in Doe beinhaltet sowohl physische als auch psychische Gesundheit, und ist strikt subjektiv. Wenn ein Arzt sagt, die psychische Gesundheit der Frau sei bedroht, dann darf abgetrieben werden. Derselbe Arzt kann dann an der Abtreibung verdienen, die entweder vom Steuerzahler finanziert werden muß, oder von der Frau selbst – was dem Arzt egal ist, die Abtreibungsklinik und er bekommen ihr Geld. In der Praxis bedeutet dies, daß Abtreibung immer dann legal ist, wenn der Arzt, der von ihr profitiert, die Schwangerschaft für gesundheitsgefährdend hält (also fast in jedem Fall). Dies hat dazu geführt, daß effektiv jede Abtreibung in den USA nahezu ohne Beschränkungen bis zum 9. Monat der Schwangerschaft legal ist. Dieses Regime, sagt Steele, lehne er ab. Aber trotzdem bekennt er sich nicht dazu, diese Entscheidung zu bekämpfen, sondern möchte sie beibehalten. Damit nimmt er die gleiche Position ein, wie alle führenden Demokraten: ich bin zwar gegen die Ermordung ungeborener Kinder, aber ich werde nichts dagegen tun, weil jede Mutter das Recht haben soll, über Leben und Tod ihrer Kinder zu entscheiden. Allein dies disqualifiziert Steele von jedem öffentlichen Amt und jedem Parteiposten.

Aber es hört hier ja nicht auf. Steele ist ein Gegner des Second Amendment, also des Rechtes aller Amerikaner auf Waffenbesitz (was er allerdings wie er es so gern tut in sorgfältig formulierten Phrasen versteckt; eine Seuche, die unehrliche Politiker oft genug plagt, weil sie ihre wahren Ansichten zu verbergen haben). Er sagte, er sei dafür, bestimmte Arten von Waffen zu verbieten, weil man sie zum Jagen nicht brauche; diese Waffen seien für den Jäger Overkill. Was Steele nicht versteht ist der Sinn des zweiten Verfassungszusatzes: Es geht nicht darum, daß alle Amerikaner jagen dürfen, sondern darum, daß sie frei sind. Der Zweck des Rechts auf Waffenbesitz ist die Chance, sich gegen eine tyrannische Regierung wehren zu können. Wer durch Beschränkungen des Waffenbesitzes dafür sorgen will, daß Amerikaner nur noch Jagdgewehre haben dürfen, der beraubt das Second Amendment allen Sinns. Da wäre es ehrlicher, es gleich ganz abzuschaffen, oder wie Obama zu ignorieren. Ein Politiker, der in einem Land lebt, in dem die Bürger das Recht haben, sich gegen invasive Bürokraten unter gewissen Umständen zu wehren, und auch die Mittel dazu haben könnten, muß eben aufpassen, welche Beschneidung der Freiheit er beschließt. Er kann das Volk nicht herumkommandieren und als Tanzbären behandelt. Er muß dem Volk Freiheit lassen. Und solche Freiheit muß nicht zwangsläufig zu höherer Gewalt führen. Ich weiß nicht, wer es gesagt hat, aber der Spruch stimmt: „If you outlaw guns, only outlaws will have guns“. Waffen töten keine Menschen. Menschen töten Menschen. Menschen haben die Willensfreiheit, die sie brauchen, um sich in einer gegebenen Situation für oder gegen den Gebrauch einer Schußwaffe zu entscheiden. Entscheiden sie sich für den Gebrauch einer Schußwaffe, dann gibt es ein charakterliches und moralisches Problem, kein Problem mit dem Waffenrecht. In einer Gesellschaft wie der Schweiz, in der jeder erwachsene männliche Bürger der Alpenfestung Waffenbesitzer ist/sein könnte, geschehen auch nicht mehr Verbrechen als in Ländern, in denen nur die Regierung über militärisches Potenzial verfügt. Steele lehnt hier also die Freiheit der Amerikaner ab, was ihn ebenfalls von jedem Amt und jedem Parteiposten disqualifiziert.

Leben und Freiheit sind zwei wesentliche Grundpfeiler – sogar die wichtigsten – einer jeden freien Republik. Bürger, die nicht leben, sind keine Bürger. Und Bürger ohne Freiheit sind Untertanen. Natürlich ist Steele besser als die Demokraten, die sich mit Obama gewissermaßen den Hohepriester der lebens- und freiheitsfeindlichen Kräfte in den USA zum Präsidenten gewählt haben. Aber nicht so gut, wie er sein könnte; nicht so gut, wie er sein sollte; nicht so gut, wie er sein müßte, um die Republikaner zu einer ernstzunehmenden Kraft im Kampf um die Ideenhoheit in den USA zu machen. Steele beschreibt sich selbst als „moderat“ und will die Gräben zwischen Liberalen und Konservativen, Demokraten und Republikanern heilen. Natürlich mag dies ein ehrenwertes Anliegen sein, und man sollte nicht mehr Spaltung befürworten als notwendig ist. Aber ein gewisses Maß an Spaltung ist notwendig, wenn die eine Hälfte des Landes im Wesentlichen etatistischen skandinavischen „Wohlfahrtssozialismus“ der schlimmsten Art mit einer fast schon körperlich spürbaren Verachtung gewachsener, funktionierender Strukturen und Traditionen verbinden will. Und die Überbrückung von Gräben ist ja schön und gut, aber die Demokraten sind nicht bereit, aller Rhetorik zum Trotz, in wesentlichen Fragen inhaltliche Zugeständnisse zu machen (und warum sollten sie ja auch, sie haben riesige Mehrheiten in allen Bereichen).

Steele ist ein sehr schlechtes Zeichen für jeden Konservativen. Wenn die Republikaner unbedingt glauben, sie müßten ein Zeichen setzen, daß sie nichts gegen Schwarze haben, dann hätten sie doch Ken Blackwell wählen können, welcher auch zur Verfügung stand, aber nur wenige Stimmen erhielt (aber nicht diese fast-Inkarnation von Angela Merkel!). Das Parteiestablishment hat sich eindeutig zum Schmusekurs eines McCain bekannt und damit erneut bekräftigt, daß die Republikaner nicht die Anlaufstelle für ernsthafte Konservative sein wollen, sondern für enttäuschte Großstadtdemokraten, welche eine Protestpartei brauchen, um Dampf gegen die permanente Demokratische Mehrheit abzulassen. Dies ist einer der Tage, an denen man sich wünscht, Republikaner zu sein, nur um dann austreten zu können.

Steele ist sicher ein sympathischer, eloquenter und auch rhetorisch begabter Mann. Sein Charakter scheint nach dem, was ich weiß, zumindest für einen Politiker recht ordentlich zu sein. Doch seine inhaltlichen Positionen und sein Unwille klar Stellung zu beziehen gegen die falsche und unvernünftige Politik der Demokraten und der Bush-Republikaner macht ein positives Fazit schwer. Natürlich wäre er (genauso wie McCain) immer noch das kleinere Übel gegenüber Obama oder Clinton oder den meisten Demokraten, die die Tötung unschuldiger Kinder (Abtreibung) und wehrloser alter Patienten („Sterbehilfe“) unterstützen, aber diese Politiker waren nicht seine Gegner bei dieser Wahl. Es gab Alternativen, wie immer. Blackwell, Dawson und andere. Aber die Republikaner haben sich für die Fortführung des neo-“konservativen“ Kurses entschieden, statt für eine authentisch konservative Richtung mit klaren Positionen und Werten.

So scheidet ein weiteres Stück Hoffnung für eine der letzten konservativen Parteien der westlichen Welt dahin.

Obamas Schöne Neue Welt

Ich werde im Laufe der Zeit mich gelegentlich zu den Einfällen des Großen Wandlers melden. Dies ist eine Art Einleitung und erster Teil. Viele werden vermutlich in vier Jahren (oder gar acht?) folgen, denn eine Bekehrung Obamas zur Vernunft oder zur Mäßigung steht nicht zu erwarten.

Die Obama-Regierung, gerade einen Tag im Amt, plant bereits jetzt eine ganze Reihe von Maßnahmen, welche das Lebensrecht und die Menschenwürde massiv unterbreiten. Darunter sind z.B. (um nur einen sehr kurzen Auszug zu nennen):

- Maßnahmen zur staatlichen Förderung der verbrauchenden Forschung an menschlichen Embryonen (welche durch adulte Stammzellen sowie diverse pluripotente nicht-embryonale Stammzellverfahren inzwischen auch noch überflüssig geworden sind, abgesehen davon, daß der Mensch durch die Forschung an seinen embryonalen Stammzellen getötet wird)

- Maßnahmen zur Aufhebung des alten Verbots der Förderung internationaler Organisationen, die Abtreibung als Mittel der Geburtenkontrolle anbieten,

- Maßnahmen, welche dafür sorgen würden, daß minderjährige Mädchen ohne Wissen ihrer Eltern abtreiben könnten, der Staat diese Abtreibungen sowie alle anderen finanzieren müßte, Abtreibungen bis in den neunten Monat ohne jede Regulierung legal und staatlich finanziert wären, Teilgeburtsabtreibungen wieder erlaubt würden und vieles mehr.

All dies wird in den nächsten Wochen und Monaten auf die Tagesordnung kommen. Doch auch in den Details arbeitet die Obama-Regierung an der Erosion der Menschenwürde und des Lebensrechts. Mag Obama auch in einigen Politikfeldern relativ gemäßigte Politiker auf verschiedene Posten berufen haben, so sind sie doch alle radikale Gegner des Lebensrechts für alle Menschen. Wie bereits durch aufmerksame Beobachter lange vor seiner Wahl vorhersehbar, würde Obama vor allem in Fragen der Gesellschaftspolitik, und hier insbesondere des Lebensrechts, der radikalste Präsident aller Zeiten werden.

Eines der Details möchte ich an dieser Stelle mit einem Link versehen. Dabei geht es um eine Reform zur Kostenkontrolle im Gesundheitssystem: Menschen, deren Lebensqualität nicht mehr als hoch genug eingeschätzt wird, sollen bestimmte Therapien und Behandlungen nicht mehr erhalten. Diese Entscheidung soll zwar unter Berücksichtigung der Patienten- und Angehörigenwünsche geschehen, doch die letzte Entscheidung wird beim behandelnden Arzt liegen. Ob damit Kosten kontrolliert werden, weiß ich nicht. In England gibt es solche Ansätze bereits, und die Ergebnisse sind nicht vielversprechend. Aber egal, wie die Kostenbilanz aussehen mag: Obama behandelt Menschen als genau das, was sie seiner Meinung nach sind: Austauschbare Kostenfaktoren nach utilitaristischem Vorbild. Das Größte Glück der Größten Zahl soll hergestellt werden. Eine kleinere Zahl wird unter dem Großen Wandler sicher leiden müssen. Schließlich fallen, wo gehobelt wird, auch Späne. Das Problem entsteht, wenn nicht Späne, sondern Menschen fallen unter den progressivistischen Phantasien des Barack Obama. Doch das werden die 91% der Deutschen, die Obama befürworten, die 200000, die ihn bejubelt haben, wie keinen Politiker in den letzten 60 Jahren mehr, vermutlich in ihrer Weisheit einkalkuliert haben. Es ist also davon auszugehen, das dies dem Willen von 91% der Deutschen und 52% der Amerikaner entspricht.

Jedenfalls beginnt Obama nun mit dem, was er lange vor der Wahl angekündigt hat. Und bloß, weil er Demokrat ist, eine schwarze Haut besitzt, die Öffentlichkeit außenpolitisch besser belügt und besser aussieht als sein Amtsvorgänger, scheinen ihm dies nicht einmal die 48% der Amerikaner und 9% der Deutschen übel zu nehmen, welche es eigentlich besser wissen sollten. Aber so ist das Leben in der Schönen Neuen Welt.

Argumente für Mixa

Präludium

Die heutige (sonntägliche) Diskussion bei Anne Will drehte sich um das Thema Sterbehilfe. Ich halte es für notwendig, die dortigen Argumente von Befürwortern und Gegnern der aktiven Sterbehilfe kurz zu kommentieren. Was Anne wollte, war dem aufmerksamen Beobachter relativ schnell klar: eine Plattform für die Befürworter der aktiven Sterbehilfe bieten, auf daß sich ihre Segnungen über die ganze Bundesrepublik ausbreiten mögen. Was die Gäste wollten, welche aktive und passive Sterbehilfe befürworteten, was auch klar: nämlich dasselbe.

Weniger eindeutig aber war die Präferenz der beiden Feigenblätter der Runde, die den Anschein der Neutralität in dieser Propagandasendung wahren sollten. Bischof Mixa und die Grünen-Politikerin Göring-Eckhardt gaben beide vor, gegen Euthanasie, also die Tötung von Menschen unter humanitärem Deckmäntelchen, zu sein. Leider sah man in der Argumentationsstruktur der beiden keinerlei verwertbare Ansätze, vor allem weil beide sich vollständig auf die Diskussionsebene der Befürworter der Euthanasie begaben.

1. Einleitung: Euthanasie der Argumente

Die Argumentation der Euthanasie-Befürworter war klar und eindeutig, sowie auf der Basis der gegebenen Prämissen nachvollziehbar: Menschen sind Individuen und haben das Recht, darüber zu entscheiden, ob sie leben wollen oder nicht. Wenn sie sich dafür entscheiden, sterben zu wollen, dann dürfen sie auch dies tun. Können sie diesen Wunsch nicht selbst in die Tat umsetzen oder wollen sie es nicht, so haben sie nicht nur ein Recht darauf, daß jemand ihnen „beim Sterben hilft“ (= sie tötet oder Beihilfe zu dieser Tötung leistet); sondern es verhalten sich sogar diejenigen unmoralisch, die eine andere Auffassung vertreten, weil sie die Autonomie des Einzelnen verletzen, indem der Staat durch ein Euthanasieverbot (oder Einschränkungen in diesem Bereich) Menschen daran hindert, autonom zu entscheiden. Also hat jeder Mensch ein Recht auf den Tod, wann und wie er ihn will. Beschränkungen dieses Rechts sind also unzulässig.

Was steckt hinter dieser Argumentation, was sind die Prämissen, die es möglich machen, so zu denken? Die wesentlichen Prämissen sind die folgenden:

1. Menschen sind autonome Individuen, welcher Entscheidungen unbeeinflußt von ihrer Umwelt treffen. Daher ist auch ihre Entscheidung, sterben zu wollen, jederzeit zu respektieren. Einem erwachsenen, mündigen Menschen das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen, ist verwerflich.

2. Wesentlich für die Beurteilung der Frage, ob ein Mensch weiterleben sollte (oder nicht) ist die Lebensqualität dieses Menschen. Diese wird subjektiv von ihm eingeschätzt, oder in Abwesenheit einer mündigen Einschätzung nach gewissen Kriterien von „Fachleuten“ und Medizinern beurteilt. Die Lebensqualität hat sehr viel mit dem Schmerzniveau zu tun, auf dem ein Mensch lebt.

Es ist einem Menschen nicht zuzumuten, im Angesichte des Todes leben zu müssen, große Schmerzen leiden zu müssen, oder sonstige massive Einbußen seiner Lebensqualität hinzunehmen. Das Leben von Menschen, die unter Schmerzen leiden, ist eine ständige Qual. Das Leid übersteigt den Nutzen/die Lust (Vorsicht: Utilitarismus!); das Leben ist also nicht mehr lebenswert. Es ist besser, zu sterben. Der australische Ethiker und Utilitarist Peter Singer erklärt seinen Lesern, durch den Tod des betreffenden Menschen werde das Leid in der Welt gemindert, so daß das Ergebnis eine bessere Welt wäre. So rechtfertigt Singer auch die „nichtfreiwillige Euthanasie “ (Singers Begriff, nicht meiner), also die Tötung von Menschen ohne ihre Einwilligung, sofern sie nicht mehr über ausreichend „Lebensqualität“ verfügen.

Ich werde nun die Aufgabe der beiden Euthanasiegegner der Runde übernehmen, und gegen diese teilweise unausgesprochenen Prämissen argumentieren, und nicht, wie Mixa und Göring- Eckhardt, diese Prämissen unhinterfragt übernehmen, und dann die Argumentationen anfechten, die sich auf diese Prämissen gründen. Überläßt man den Gegnern des Lebensrechts die Möglichkeit, das Spielfeld zu ihren Gunsten zu präparieren, wird das Lebensrecht immer wieder verlieren. Dies ist der wesentliche Fehler nahezu aller Lebensrechtler in den letzten 40 Jahren gewesen: sie haben es versäumt, die Diskussionen unter ihren eigenen Prämissen, mit ihrem eigenen Vokabular zu führen, statt mit dem ihrer Gegner. Wenn man immer von Sterbehilfe spricht, wie man von Sozialhilfe redet, dann ist eine ablehnende Haltung natürlich unpopulär. Sterben müssen wir alle. Und gegen Hilfe kann man gar nicht sein. Also ans Werk!

2. Der Mythos Autonomie
Ist der Mensch wirklich ein autonomes Lebewesen? Auch wenn heute fast immer von Menschen entweder als Kollektiv oder als Einzelnen gesprochen wird, können daran massive Zweifel bestehen. Etwas oder jemand ist autonom, wenn er oder es selbstbestimmt ist. Ist der Mensch aber selbstbestimmt? Oder ist er nicht vielmehr abhängig von anderen und auch den Ansichten Anderer? Um diese Frage zu beantworten könnte man einen von zwei Wegen beschreiten: einen langen philosophischen Traktat (von lat. tractatus) verfassen, in dem man die Überlegungen und Einsichten von 2500 Jahren zugrundelegend zu einem Ergebnis kommen müßte, oder ein Gedankenexperiment durchführen. Ich werde im Folgenden den zweiten Pfad beschreiten, weil dies ein Blog und kein mehrbändiges Lebenswerk ist.

Stellen wir uns also vor, alle Menschen wären selbstbestimmt, träfen alle ihre Entscheidungen auf der Basis ihrer eigenen Vernunft, und kämen unbeeinflußt von Mitmenschen zu ihren Ansichten. Ein Mensch, nennen wir ihn Tabula Rasa, lebt ein ganz bestimmtes Leben. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, geht zur Arbeit (er ist Tischler), hat einige gute Freunde, mit denen er sich gelegentlich trifft, und mit denen er sich (unter anderem auch) gern betrinkt. Er hat nach wie vor gute Kontakte zu seinen Eltern, und einigen weiteren Familienmitgliedern, obschon er seiner Mutter bis heute übel nimmt, daß sie sich gegen seinen Vater durchgesetzt hat, als es um den Streit ging, welchen Namen er tragen solle. Seine Eltern sind geschieden und wegen dieser Scheidung wuchs er bei seiner Mutter auf. Seinen Vater hat er vermißt, dieser ihn jedoch nicht so sehr. Er ist zwar nicht besonders religiös, besucht aber gelegentlich eine Kirche, vor allem weil der dortige Pfarrer zu seinen Freunden zählt, und ferner aus Gewohnheit. Er trinkt am liebsten eine bestimmte Sorte Bier, und versucht sich seit Jahren, das Rauchen abzugewöhnen, das er damals angefangen hat, weil es in seiner Jugendclique als „cool“ galt, zu rauchen. Dieser nicht sonderlich sonderbare Mensch ist fest davon überzeugt, daß er seine Entscheidungen autonom trifft. Er ist ein unabhängiger Mensch, läßt sich nichts vorschreiben, und akzeptiert vorgegebene Normen und Konventionen nicht einfach fraglos. Er gehorcht keinem bestimmten Glaubenssystem und keiner bestimmten Ideologie, ist pragmatisch und möchte jede Situation auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen einschätzen. Er möchte es vermeiden, Menschen zu verurteilen auf der Basis irgendwelcher Vorurteile.

Tabula Rasa ist das, was die meisten wohl als einen selbstbestimmten Menschen bezeichnen würden. Doch hat er damals in der Schule nicht bloß deswegen einen Judo-Kurs besucht, weil er immer gehänselt wurde seines Namens wegen? Hätte er ein besseres Verhältnis zu seinem Vater, wenn dieser etwas von ihm wissen wollte? Würde er Dinge seiner Frau zuliebe tun, oder um seiner Kinder Willen, wenn diese ihn darum bitten, und zwar auch dann, wenn er die Notwendigkeit der gewünschten Handlung nicht einsieht? Raucht er nicht nur deswegen, weil seine ehemaligen Schulfreunde auch geraucht haben? Geht er in die Kirche, weil er rational zu dem Schluß gekommen ist, daß die Religion wahr ist, oder nicht eher weil er es schon immer getan hat, und weil sein Freund, der Pfarrer, dort ist? Diese Liste könnte weitergeführt werden. Offenbar ist aber, Tabula Rasa ist nicht so selbstbestimmt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Seine Entscheidungen basieren nicht so sehr auf rationaler Überlegung, als auf Tradition, Gewohnheit, Bequemlichkeit, menschlicher Schwäche, Freundschaft usw.

Man mag nun einwenden, dieser Tabula Rasa sei eben nicht wirklich autonom, weil er sich nicht von den Zwängen der Gesellschaft befreit hat, weil er gefangen ist in diesen Gewohnheiten, welche sein Leben so sehr beeinflussen. Versuchen wir also, diese Gewohnheiten nach und nach auszuschalten: Tabula hört auf zu rauchen, weil er glaubt, dies schade seiner Gesundheit. Warum aber glaubt er das? Kann er dies aus erster Hand belegen, oder stützt sich diese Meinung nicht auch wieder nur auf Vorurteile? Vielleicht beginnt er, sich mit der Materie zu befassen, studiert die Wissenschaft, und gelangt nach einigen Jahren zu dem Ergebnis, daß Rauchen vermutlich tatsächlich schädlich ist. Was aber tut er in der Zwischenzeit? Raucht er provisorisch weiter, bis er erkannt hat, daß es schädlich ist, oder läßt er es sein? Das hängt davon ab, ob er eher ein vorsichtiger Mensch ist, oder nicht. Wenn er vorsichtig ist, wird er nicht rauchen, weil es gefährlich sein könnte. Aber halt: Wie kommt er dazu, vorsichtig zu sein? Weil „Vorsicht besser als Nachsicht ist“? Aber warum? Wer hat ihm das wiederum beigebracht? Dieses Sprichwort mag er aufgeschnappt haben, und er mag sich auch daran halten. Vielleicht ist er auch einmal unvorsichtig gewesen und hat aus den Konsequenzen gelernt. Nehmen wir dies der Einfachheit halber an. Und vergessen wir auch die Frage, wie er zu der Hypothese kommt, daß seine Erfahrung repräsentativ für alle möglichen Erfahrungen ist, statt bloß ein unwahrscheinlicher Ausreißer. Nehmen wir also an, er arbeitet sich in die Materie ein, und findet heraus, daß rauchen schädlich ist, und hat bis dahin nicht geraucht, weil er vorsichtig ist.

Er versucht auch weiterhin, selbstbestimmt zu sein. Er fragt sich, ob die christliche Religion wahr ist. Sollte sich diese als korrekt herausstellen, wird er die Kirche weiter aufsuchen, wahrscheinlich sogar häufiger als zuvor. Wenn er zu dem Ergebnis kommt, die Religion sei nicht wahr, dann stellt er seine Kirchenbesuche ein. Doch wie kann er dies wissen? Er studiert also die Bibel und diverse Werke, die die relevanten Fragen diskutieren. Nach einigen Jahren der Studien kommt er zu dem Ergebnis, daß er es nicht sicher weiß, daß es beide Auffassungen gibt, und keine davon nach seiner Meinung absolut sicher richtig ist. Da er vorsichtig ist, geht er weiterhin in die Kirche (denn wenn es Gott gibt, ist es besser auf seiner Seite zu stehen, wenn nicht, ist es ohnehin egal.)

In ähnlicher Weise reagiert er im Geiste der Autonomie auch auf jede Bitte seiner Frau, indem er prüft, ob die von ihm geforderte Handlung tatsächlich sinnvoll ist. Er prüft, was seine Kinder von ihm wollen, und findet meist heraus, daß es letztlich keinen Sinn ergibt, was die Kinder wollen. Daher lehnt er es folgerichtig ab, sich von seinen Kindern in seiner Autonomie beschneiden zu lassen. Einige Jahre später läßt sich seine Frau von ihm scheiden, weil sie ihn nicht mehr ertragen kann.

Systematisch eliminiert er alle Quellen in seinem Leben, durch die er fremdbestimmt wurde. Als er alt und grau ist, stellt er fest, daß er bei weitem noch nicht fertig ist. Er akzeptiert immer noch viele Annahmen als gegeben, obwohl er sie nur von jemandem übernommen hat, ohne sie selbst kritisch zu prüfen. Noch immer glaubt er in der Regel den Worten, die er in seiner Tageszeitung liest, und hat auch noch nicht selbst überprüft, ob es überhaupt diesen Staat namens „Israel“ gibt, dessen Existenz solchen Widerstand hervorruft. Er kennt die Berichterstatter nicht, aber er vertraut ihnen aus Gewohnheit. Alt und grau sitzt er in seinem Lehnstuhl, und ihm fällt wieder ein, qua Altersgedächtnis, daß seine Eltern sich nicht nur über seinen Namen gestritten haben. Nein, mehr noch: Sein Vater hatte sich entschlossen, alle Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen, und seine Frau konnte dies nicht mehr ertragen. Überwältigt von der Parallele fragt er sich, ob er nicht die ganze Zeit, in seinem verzweifelten Kampf für seine Autonomie, fremdbestimmt war, unterbewußt oder wie auch immer. Sein Vater ist längst verstorben. Er geht zu seiner Exfrau, um sich zu entschuldigen, doch als diese nichts mehr von ihm wissen will, geht er am Stock zu Dignitas und läßt sich beim Sterben helfen.

Offenbar ist es Tabula Rasa in seinem ganzen Leben nicht gelungen, sich von den Erwartungen, Vorurteilen und Wünschen seiner Umwelt zu lösen. Sein ganzes Leben ist unauflöslich verstrickt mit den Leben anderer Menschen. Er kann seine eigenen Wünsche gar nicht von den Wünschen anderer trennen, weil alle einander beeinflussen. Selbst der Eremit hat die Zivilisation aus einem Grund verlassen, vielleicht weil sie ihn störte. Niemand auf der Welt ist selbstbestimmt. Zwei Menschen zeugen ein Kind, welches bis zur Geburt der Mutter ausgeliefert ist. Nach der Geburt ist es abhängig von der Fürsorge seiner Mutter, und bis das Kind auf eigenen Beinen stehen kann (wörtlich und bildlich) vergeht eine lange Zeit. Durch ungeheuer komplexe Interaktionen entsteht in Form von Erziehung und Sozialisation der Charakter des Menschen, seine Haut gewissermaßen, aus der er nie so recht herauskann. Alles, was er lernt, kann er nur lernen, weil er seinen Lehrern glaubt, oder aus Erfahrung. Er kann aber niemals alles erfahren. Selbst der vielseitig begabte Tabula Rasa kann nur einige Fragen in seinem Leben selbst untersuchen, und nur einige Dinge selbst erleben. Er ist immer auf Hörensagen angewiesen. Er ist auch darauf angewiesen, daß sie Menschen um ihn herum ihn akzeptieren, ihm einen Job oder zumindest Geld oder Nahrung geben. Kurz: er ist untrennbar verstrickt im Netz der Personengemeinschaft, von der Wiege bis zur Bahre. Seine Entscheidungen sind nicht selbstbestimmt, oder zumindest nicht nur. Sie enthalten immer eine überwältigende Komponente Fremdbestimmung.

Wenn nun die Befürworter der Euthanasie von der Autonomie des Patienten sprechen, und in anderen Zusammenhängen fordern, daß er etwas verfüge („Patientenverfügung“), so übersehen sie dabei absichtlich oder versehentlich das, was Aristoteles die Natur des Menschen genannt hat. Der Mensch ist nur handlungsfähig in Bezug auf eine Gesellschaft um ihn herum, und zwar insofern diese Gesellschaft das ist, wozu er sich in allem verhält (was er affirmiert, oder wogegen er sich abgrenzt zum Beispiel). Der sterbenskranke Mensch, welcher verzweifelt ist ob seiner Schmerzen und der Hoffnungslosigkeit seiner Situation, wird nicht unbeeinflußt von seiner Umwelt entscheiden können, ob er sterben möchte oder nicht. Es wird davon abhängen, wie sich seine Familie verhält, ob er überhaupt eine hat, ob sie ihm den Eindruck vermittelt, er störe, oder ob sie bei ihm ist. Es wird auch von dem Verhalten der Ärzte abhängen und aller anderen Menschen, zu denen er im Netz der Personengemeinschaft direkt oder indirekt Kontakt hat. Und es wird auch von einer Gesellschaft abhängen, in der mehr oder weniger offen debattiert wird, ob man sich nicht töten sollte, wenn man doch sich selbst und anderen zu nichts mehr nützt, ob kranke Menschen „Lebensqualität“ haben oder nicht. Die Entscheidung, ob ein Leben sich weiterzuleben lohnt, ist eine von vielen Entscheidungen im Leben einer Person. Alle Menschen aber sind als Personen zwar frei, aber nicht selbstbestimmt. Sie können sich zwar entscheiden, auch gegen den Druck, der vielleicht auf sie ausgeübt wird; aber wer sie sind, wenn sie die Entscheidung treffen, wie sie sind, und in welchem Zustand, und viele weitere wesentliche Umstände , können sie nicht bestimmen. Sie sind in Abhängigkeit frei; individuelle Sozialwesen.

3. Die Qual der Qualität

Ein Leben in seinem letzten Abschnitt ist oft von Schmerzen begleitet, fast immer von Gebrechen und Verfall. Diese Tatsache wird von den Befürwortern der Euthanasie ausgenutzt, um die Tötung dieser Menschen zu rechtfertigen, vorerst noch mit ihrer Einwilligung. (Man vergleiche meinen Artikel „Die zerbrechliche Fassade der Zivilisation„, wo ich über die Tendenz dieser schiefen Bahn schrieb, auf der die Gesellschaft unablässig hin zur Akzeptanz für nichtfreiwillige Euthanasie im Sinne Singers rutscht.)

Befürworter der Tötung alter Menschen sagen, diese hätten nicht mehr die Lebensqualität, welche ausschlaggebend sei, ob ein Leben noch lebenswert sei. Welche Vorstellung dahinter steckt möchte ich in den folgenden Zeilen untersuchen.

Menschen, die dem Tode nahe sind, denken häufiger an ihn, als andere Menschen es zu tun gewohnt sind. Menschen, die häufig in Lebensgefahr schweben, weil sie Feuerwehrleute oder Extremsportler sind, vermutlich auch. Aber macht es wirklich einen Unterschied, ob jemand an ihn denkt, wenn der Tod zuschlägt? Ist man nicht genauso tot, wenn man überraschend von einem Zug überfahren wird, wenn man von einem Augenblick auf den anderen aus dem Leben gerissen wird? Und wenn man es schwer verletzt überlebt, und nun auf Lebenszeit schwer behindert ist, wegen eines solchen Unfalls? Mit 20 Jahren und ohne Aussicht auf Besserung? Wo ist da die Lebensqualität? Würde man so einen Menschen auch bedenkenlos umbringen, wenn er es wollte? Was ist mit Kleinkindern, die es noch gar nicht selbst entscheiden können, ob sie leben möchten? In Holland, dem Paradies der Euthanasiefans, werden routinemäßig kranke Säuglinge auf Wunsch von Eltern getötet, weil die Krankheit oder Behinderung nicht in den Lebensplan der Eltern paßt. Dies ist inzwischen unter diesen Kindern sogar die häufigste Todesursache in den Niederlanden. Dahin führt die Logik der Lebensqualität zwangsläufig.

Aber wenn die Logik unausweichlich ist, dann müssen wir entweder zustimmen und sagen, daß Sterbehilfe und Euthanasie in Ordnung sind, oder die Prämissen untersuchen, auf der die Lebensqualitäts-Ethik basiert. Sie basiert auf dem Utilitarismus; das Ziel ist, den Nutzen der Menschheit oder eines Teils der Menschheit zu maximieren. Wenn ein Leben noch zu etwas zu gebrauchen ist, im Rahmen eines subjektiven oder objektiven Nutzens, dann sollte es leben; wenn es aber nicht mehr zu etwas zu gebrauchen ist, keinen Nutzen mehr hat, dann sollte es vernichtet werden. Wenn man diese Ansicht akzeptiert, stimmt man damit auch der Euthanasie zu.

Die Frage, die sich aber stellt, ist folgende: Bestimmt sich der Wert eines menschlichen Lebens wirklich nach dem Nutzen, den es für jemanden hat? Ist ein Leben wertlos, weil es niemandem nutzt? Wenn ein Patient und die Ärzte, Familie und sonstige Bezugspersonen sich einig sind, daß des Patienten Leben wertlos ist, wird es dann dadurch wertlos? Oder gehört zum menschlichen Leben nicht doch mehr dazu, als der bloße Konsens des Nutzens?

Für die Ablehnung der Lebensqualität als Entscheidungshilfe über Leben und Tod muß begründet werden, warum ein menschliches Leben auch dann noch Wert hat, wenn niemand mehr einen Nutzen von ihm hat. Auf das Argument des Mißbrauchs möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, außer indem ich darauf hinweise, daß aus der Argumentation im ersten Abschnitt hervorgeht, daß eine solche Entscheidung niemals autonom sein kann, und damit immer manipulativ beeinflußt werden wird. Daher ist im strengen Sinne jede Euthanasie unfreiwillig, oder zumindest steht ihre Freiwilligkeit unter starkem Zweifel. Aber selbst mit diesem starken Argument ist noch immer nichts gegen die Grundidee gesagt, daß es legitim sein kann, willige Menschen zu töten.

Auch das juristische Argument möchte ich aufgrund der Tatsache, daß die Gerichte die passive Sterbehilfe konsistent als nicht strafbar ansehen, außen vor lassen. Dennoch bleibt der Selbstmord eine vorsätzliche Tötungshandlung, die nur deshalb legal sein darf, weil der Handelnde die Aktion selbst vornimmt. Hilft ihm jemand dabei, so macht er sich der Beihilfe zu einer vorsätzlichen Tötung schuldig. Doch da die Gerichte das anders zu sehen scheinen, werde ich auch dieses Argument nicht gelten lassen.

Es bliebe noch das religiöse Argument, welches von Bischof Mixa in der Diskussion bei Anne Will vorgetragen wurde. Das „unnütze“ menschliche Leben hat immer noch Wert an sich, weil Gott den Menschen erschaffen hat, und nur Gott das Recht hat, dieses Leben, wann immer er will zu nehmen. Eine Handlung, deren Zweck die Tötung eines Menschen ist, ist daher christlich nicht zu rechtfertigen. Leider hilft uns dieses Argument auch noch nicht weiter, weil es zwar unter der Prämisse der christlichen Religion richtig ist, aber die große Mehrheit der Deutschen nicht oder nur aus Gewohnheit, statt aus Überzeugung, Christen sind.

Was bleibt also? Hat der Mensch am Ende, zumindest aus nicht-christlicher Perspektive, keinen Wert an sich? Der Mensch hat Wert an sich, er hat Würde, und damit ein Lebensrecht, das von niemandem genommen werden darf, nicht einmal von dem Menschen selbst, weil er Person ist. Personen sind Lebewesen, die im gesunden, vollständig ausgeprägten Zustand Intentionalität und Selbstbewußtsein besitzen, also zum Beispiel alle Menschen. (Ich möchte an dieser Stelle nicht in die Wirrungen des Naturbegriffs zu tief einsteigen, daher bleibe ich bei dieser Annäherung an die Definition der Personalität, die Spaemann überzeugend in seinem Werk „Personen“ darlegt.) Als Personen besitzen sie, dies ist unumstritten in der philosophischen Diskussion, eine besondere Würde, welche auch ein Lebensrecht beinhaltet. Nun mag es diskutabel sein, daß eine Person ihrer Verantwortung gegen andere Personen ausweicht, indem sie sich selbst tötet. Aus meiner Sicht ist dies nicht statthaft. Doch in dieser Frage kann man zweifeln und mit guten Gründen anderer Auffassung sein, ohne von der Menschenwürde Abschied zu nehmen.

Was nicht mehr diskutabel ist auf der Basis der Annahme einer Menschenwürde, ist daß andere Menschen bei diesem Ableben behilflich sind. Wenn A sich sein eigenes Leben nimmt, aus eigener Kraft und ohne das Wissen von B, so liegt der klassische Suizid vor. Weiß B aber von der Absicht des A, und unterstützt diese, oder führt den Tötungsakt gar selbst aus, verletzt sie die Integrität der Person A, da die Personalität des A unabhängig von seinem Willen besteht. Personen können über alles in ihrem Leben entscheiden, aber nicht über ihr Leben. Durch die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte und der Würde aus denen sie erwachsen (und Menschenrechte sind essentiell immer Rechte von Personen, weil Menschen Rechte zukommen, insofern sie Personen sind), ist es einer Person also nicht möglich, insofern sie Person ist, ihr Lebensrecht zu veräußern. Dies kann sie als Person niemals tun, ebensowenig, wie sie sich selbst in Sklaverei verkaufen könnte. Leben und Freiheit sind die beiden Umstände, deren Unveräußerlichkeit Personen in letzter Konsequenz von anderen Lebewesen unterscheiden. Denn was ist Intentionalität, wenn nicht der Ausdruck eines Willens, einer Absicht, einer Intention?

4. Konklusion: Leben ist Sterben

Leben und Freiheit kann die Person also niemals permanent veräußern, auch nicht um Schmerzen zu entgehen. Das Argument der Schmerzfreiheit zieht daher ebenfalls nicht.

Ein Leben menschenwürdig zu beenden muß daher immer bedeuten, daß es auf natürliche Weise ausklingt, und nicht daß es künstlich beendet wird. Wenn heute vom menschenwürdigen Sterben gesprochen wird, so verschleiert diese zynische Formel, daß dabei das menschenwürdige Leben abgeschafft werden soll. Ein Leben menschenwürdig zu beenden bedeutet immer, daß man anerkennt, daß jedes Leben endlich ist.

In der Diskussion bei Anne Will wurde mehrfach von einer Krankheit gesprochen, die zum Tode führt, und in solchen Fällen wurde geltend gemacht, daß es unzumutbar sei, eine solche Krankheit bis zum bitteren Ende zu durchleben. Doch jede Krankheit führt zum Tod. Und jedes Leben führt zum Tod. Leben ist Sterben. Jedes Leben ist vom Moment der Zeugung an ein wildes Hin-und-her, welches wenige Konstanten birgt, nur sein Ende ist bekannt. Wenn dies in einer Gesellschaft in Vergessenheit gerät, weil die Menschen sich hinter Konsumtempeln und Selbstverwirklichungsschimären verstecken, dann können wir uns alle direkt selbst aufhängen. Leben ist nur insofern Leben, als es Sterben ist. Zu jedem Entstehen gehört ein Vergehen. Jeder Anfang hat ein Ende. Dies macht es nicht leichter, dies jeweils zu ertragen, weder für die Angehörigen, noch für den Menschen selbst, welcher nun Schmerzen leidet. Aber eine Diskussion zu führen, ob das Leben für ihn denn noch lohnt, macht es sicher auch nicht leichter.

Als letztes bleibt noch zu sagen, daß die FRage des Lebensrechts nicht bei alten Menschen endet. Letztlich ist es dieselbe Frage, die sich bei Abtreibung, Euthanasie, Sterbehilfe, verbrauchender Forschung an Embryonalen Stammzellen und vielen anderen Themen stellt: Hat das menschliche Leben einen Wert an sich, auch und gerade insofern es immer ein endendes Leben ist, und zu gleich ein Beginnendes, oder ist der Mensch eine Art Nutztier, welches „gekeult“ wird, wenn es nicht mehr genug „Qualität“ hat?

Catocon beantwortet diese Frage mit einem klaren: Der Mensch hat als Person einen unveräußerlichen Wert an sich, eine Würde, welche Leben und Freiheit dem Zugriff Aller, ihm selbst inklusive, entzieht. Vermutlich würden Bischof Mixa und Frau Göring-Eckhardt dies ähnlich sehen, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. Im Gegensatz zu diesen beiden, habe ich aber versucht, diese Position argumentativ darzulegen, und nicht mich auf die Irrungen der Feinde des Lebensrechts eingelassen, um dann kläglich als widerlegt gelten zu können.

Wenn das Lebensrecht eine Chance haben soll, dann müssen auch die in der Öffentlichkeit stehenden Verteidiger ihre Scheu vor der Argumentation ablegen. Schöne Gemeinplätze werden die grauenhafte Profession der Pseudo-Menschenfreunde nicht ins Abseits drängen.

Es ist an der Zeit!

Die sogenannte westliche Welt ist in den letzten 40 Jahren für Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, oder die unerwünscht sind, zu einer Wüste der Verzweiflung geworden. Inzwischen schleichen sich allzu oft auch wirtschaftliche Erwägungen ein in die Rufe nach Praktiken wie der sogenannten „Sterbehilfe“, also der Tötung behinderter Menschen. Doch in keinem Bereich kann sich diese Tendenz zum leichtfertigen Töten menschlichen Lebens besser dokumentieren lassen als in der Frage nach dem, was verniedlichend „Schwangerschaftsabbruch“ genannt wird, obgleich doch das Leben eines Menschen abgebrochen wird, und nicht in erster Linie eine Schwangerschaft.

Daß in Deutschland in den 70er Jahren die Debatte um die sogenannte „Liberalisierung“ der Abtreibungsgesetze die eine oder andere emotionale Reaktion hervorgerufen hat, läßt sich kaum bestreiten. Doch obgleich damals wie heute wissenschaftlich geklärt ist, daß das menschliche Leben mit der Befruchtung beginnt, und obschon die Abtreibungsbefürworter sich damals wie heute der Argumentation weitgehend enthalten und gar nicht an einer Klärung der Sachlage interessiert sind, haben sich die Befürworter nicht nur durchgesetzt, sondern so gründlich durchgesetzt, daß heutzutage schon die öffentliche Diskussion des Themas Tötung von ungeborenen Kindern hohe Wellen schlägt – Wellen der Empörung.

Die Abtreibung gehört zu den schmutzigen Geheimnissen der „sexuellen Revolution“ der 60er-Jahre, die, wie alle Revolutionen, weit über ihr Ziel hinausgeschossen ist, und alle Vernunft als unnützen Ballast abgeworfen hat, statt sich ihrer nutzend zu bedienen, sprich für die eigene Position zu argumentieren. Die Behauptung, bei der Abtreibung gehe es um Wahlfreiheit trägt denselben Wahrheitsgehalt wie die Behauptung, der Mond sei viereckig. Sie ist völlig und unzweifelhaft falsch. Das heißt: Es gibt eine Situation, in der es bei der Abtreibung wirklich um Wahlfreiheit geht, und das ist die folgende: Wenn man davon ausgeht, daß nur bestimmte Menschen, also zum Beispiel alle geborenen, oder alle Weißen, oder nur Männer, oder alle gesunden Menschen, so etwas wie Menschenrechte und Menschenwürde genießen sollten. Denn geht man von einer universellen Menschenwürde aus, dann folgt daraus, daß die vorsätzliche Tötung eines Menschen außerhalb von Notwehrsituationen gesellschaftlich nicht akzeptabel sein darf. Nur unter Aufgabe der Prämisse einer universellen Menschenwürde ist die Rechtfertigung der Abtreibung als legitime Ausübung der Wahlfreiheit möglich und haltbar.

Die Behauptung, es gehe um die Befreiung der Frau oder um FRauenrecht ist so absurd, daß sie, wenn man die Fakten betrachtet, sofort jede Plausibilität verliert. Wenn alle Menschen eine unveräußerliche Menschenwürde haben, dann gehört dazu notwendig das Recht zu leben. Denn hätte man das Recht, Menschen zu töten, so gäbe es keinen Menschen mehr, der eine Würde haben könnte. Also muß jede Menschenwürde das Lebensrecht beinhalten. Wenn aber jeder Mensch das Recht auf Leben hat, dann hat es auch ein lebender Mensch, der noch nicht geboren ist, ein Lebewesen also, das der Spezies Homo Sapiens angehört und bloß anders aussieht, als wir von Menschen gewohnt sind, und kleiner ist, weil es in seiner Entwicklung noch nicht so weit fortgeschritten ist. Wenn aber das ungeborene Kind ein Lebensrecht haben muß, weil ihm aufgrund seines Menschseins eine unveräußerliche Würde zukommt, dann muß das Recht auf Wahlfreiheit hinter dem Lebensrecht zurückstehen. Wir sagen ja auch sonst nicht, daß jeder „Entscheidungsfreiheit“ bezüglich der Wahl der Menschen, die er töten möchte, genießt.

Wenn also, was unstrittig ist, der Fötus ein lebendes menschliches Wesen ist, und alle Menschen, was eigentlich unter demokratischen und freiheitlichen Menschen unstrittig sein sollte, eine unveräußerliche Würde haben, dann gibt es keinen Grund zu der Annahme, daß die schwangere Frau ein höheres Recht hätte, ihr Kind zu töten, als irgendein anderes Kind zu töten. Niemand, kein Mensch, hat das Recht über Leben und Tod zu entscheiden, auch nicht eine noch so emanzipierte, freie, aufgeklärte Frau. Niemand darf Menschen töten, außer in Notwehr, da kann es keine Ausnahme für schwangere Frauen geben.

Dies ist eigentlich alles kaum zu bestreiten, es sei denn man geht einen der folgenden zwei Wege, die auch gern beschritten wurden im Kampf für die Aufweichung des Lebensrechts:

1. Lügen, daß sich die Balken biegen.

2. Die Verbindung zwischen Menschen und ihren Rechten auflösen, indem man artifiziell den Menschen von der Person trennt, und aurgumentiert, daß Menschen ihre Würde nur zukommt, insofern sie Personen seien. Danach behauptet man, nicht alle Menschen seien Personen, und daher hätten nicht alle Menschen eine Würde, nicht alle Menschen ein Recht auf Leben. Nichtpersonale Menschen seien daher jederzeit zu töten, ohne moralische Bedenken.

Zu Methode 1 gehört etwa die Behauptung, durch die Legalisierung der Abtreibung sei die Zahl der Sterbefälle von Frauen bei Abtreibungen signifikant zurückgegangen (dieser Rückgang der Sterberate läßt sich durch Antibiotika schon lange vor der Legalisierung von Abtreibungen beobachten). Viele andere Lügen, Halbwahrheiten und Nebelkerzen sind geworfen worden, um die Öffentlichkeit über die Implikationen der Legalisierung der Abtreibung im Unklaren zu lassen. Die erfolgreichste war eine, die eine gewisse Relation zur Wahrheit hat: Das Märchen vom Zellklumpen. Der Fötus sei bloß ein Zellklumpen, bloß ein „potentieller“ Mensch, dessen „Menschwerdung“ erst viel später geschähe.

Ein kleiner Schluck Wasser ins Gesicht, lieber Leser? Sie sind nichts anderes als ein Zellklumpen. Sie bestehen aus nichts als einer Vielzahl von verschiedenen Zellen und ähnlichen organischen Materialien, die in keiner Form für sich genommen Wert haben. Sie sind in keiner anderen Lage, als der Fötus, dessen Abtreibung Sie nie für wichtig genommen haben. Wenn irgendwann jemand von Ihnen sagt, Sie seien bloß ein Haufen von Zellen, können Sie da wirklich widersprechen? Erst töteten sie die Ungeborenen, und Sie schwiegen, weil Sie kein Ungeborener waren. Dann töteten sie die Altersschwachen (Sterbehilfe), und Sie schwiegen, weil Sie kein Altersschwacher waren. Dann töten Sie bald die Kleinkinder (Infantizid, siehe Holland), und Sie schweigen, weil Sie kein Kleinkind sind. Und dann… holt man vielleicht irgendwann Sie, oder einen ihrer Verwandten oder Freunde, Ihren Ehepartner, Ihre älteren Kinder, werden Sie auch dann noch schweigen? Im Namen der Wahlfreiheit? Denken Sie immer daran, lieber Leser, Sie sind bloß ein Zellhaufen. Wenn auch, aus meiner Sicht, ein Zellhaufen mit einem unendlichen Wert und einer unveräußerlichen Würde. Aber verlassen Sie sich nicht darauf, daß die Anderen dies auch so sehen werden. Was man nicht will, daß man dir tu´, das füg´auch keinem anderen zu, lieber Leser.

Doch der zweite Ansatz der Befürworter der Abtreibung und Gegner des Lebensrechts ist noch ernster als der erste. Denn solange man die Menschen bloß über Lügen und Halbwahrheiten täuscht und verwirrt, kann Aufklärung geschaffen werden. Und wenn die Menschen dann den Sachverhalt verstehen, werden sie einsehen, daß das was getan wird, falsch ist, unermeßlich falsch ist, weil sie ein intaktes Verständnis von der Menschenwürde haben. Die meisten Menschen glauben heutzutage vermutlich, daß jeder Mensch das Recht haben solle, zu leben, daß er eine Menschenwürde haben solle. Sie glauben dies zumindest in der Theorie. Doch es begann, etwa zeitgleich mit der Bewegung zur „Liberalisierung“ der Abtreibungsregelungen, eine Gruppe von Philosophen und Denkern, mit dem Versuch, das seit Kant etablierte und eigentlich schon viel ältere Verständnis von dem Menschen als besonderes Lebewesen, mit einer besonderen Würde ausgestattetes Lebewesen, aufzuweichen. Und man mache hier keinen Fehler: Philosophen und Denker beeinflussen so gut wie nie die aktuelle Debatte. Aber sie beeinflussen diejenigen, die sich mit solchen Themen befassen, und im Laufe der Zeit diffundieren die Ideen aus dem Elfenbeinturm ins wahre Leben, und erlangen reaen Einfluß. In gewissem Sinne sind philosophische Ideen schleichendes Gift. Denn sie brauchen Jahre und Jahzehnte – oft Jahrhunderte – bis sie ihre volle Wirkung entfalten. Die Ideen eines Platon etwa, sie leben bis heute in fast allen wesentlichen vertretenen Theorien fort, und Platon starb vor fast 2500 Jahren. Doch Denker prägen das DEnken der Handelnden, und damit das Handeln. Und in der Frage der Menschenwürde hat das Sickern längst begonnen. Philosophen wie Peter Singer, Derek Parfit, Daniel Dennett und andere haben jeweils, im Anschluß an John Locke, versucht, den Begriff der Person vom Begriff des Menschen zu trennen, was erst einmal harmlos erscheinen mag. Doch ist es die Identität von Mensch und Person, die dem Menschen die Rechtfertigung für seine Würde gibt. Denn eine Person ist ein Wesen, das in einer Personengemeinschaft einen besonderen, nur durch ihn definierten Platz einnimmt – einen Platz, den wir zu respektieren haben, dessen Inhaber Würde zukommt, nicht wegen seiner Zellstruktur, sondern wegen seiner Personalität. Dies ist keine philosophische Abhandlung, weswegen ich eine genauere Explikation des Personenbegriffs zu unterlassen gedenke. Entscheidend für den gegebenen Zusammenhang ist, daß schon bei Kant die Person besondere Würde besaß, nicht unbedingt der Mensch an sich. Wenn also Menschen aus der Personengemeinschaft verschwinden, hören sie automatisch auf, Würde zu haben. Sie werden Freiwild.

Jene genannten Denker heben also die Identität von Mensch und Person auf, indem sie einige Menschen aus der Personengemeinschaft ausschließen, die erst Rechte und Pflichten begründet. Dieses Denken sickert in die Köpfe der Bioethiker, die schon an sich ein Interesse an ungehinderter wissenschaftlicher Forschung ohne jegliche ethische Normen haben, und von dort in die Wissenschaftsteile der Zeitungen. Plötzlich gilt die Tötung von menschlichen Embryonen als großer Schritt für die Forschung und die Menschheit, obwohl nur die Forschung an adulten Stammzellen überhaupt behandlungstechnische Fortschritte erzielen konnte, während beide seit langem in vielen Ländern der Erde zulässig sind. Solcherart sind die Veränderungen, die, unreflektiert durch die Medienlandschaft, den Menschen als Fortschritt verkauft werden, während sie doch eigentlich bloß eine Erosion elementarer Menschenrechte darstellen – des Rechts auf Leben in diesem Fall.

Dieses Denken sickert aber auch in die Köpfe von Menschen, die sich mit der Gesetzgebung befassen, in die Köpfe von Juristen, die das Konzept der Person, bis hin zur „Juristischen Person“ zu einem Kernbestandteil der juristischen Wissenschaft gemacht haben; und von dort in Gesetzesentwürfe, Urteile und vieles mehr.

Dieses Denken sickert in die Köpfe von Studenten, die an Universitäten mit diesen Ideen konfrontiert werden – die meisten nicht einmal im Fach Philosophie, wo wenigstens oft noch Gegenthesen diskutiert werden können – sondern vermittelt durch Professoren in Fächern, die weniger mit der Refllexion philosophischer Theorien befaßt sind. Diese Studenten stellen den größten Teil der nächsten Generation von Politikern, Medienvertretern und Wirtschaft.

Dieses Denken, daß nicht alle Menschen Personen seien, sondern manchen als Unpersonen ihre Würde aberkannt werden könne, sickert in alle Lebensbereiche und in die nächste Generation, an die Schlüsselpositionen von Macht und Einfluß. Früher oder später beherrscht es das Denken und den Diskurs; jene eingeschliffene Spur, aus der der Normalmensch niemals herauskommt, weil die gesellschaftlichen Gleise bereits das Ziel des denkenden Menschen determinieren, sofern er die Gleise nicht verläßt. (Und was passiert, wenn Züge Gleise verlassen ist ja hinlänglich bekannt…)

Im Klartext: Die Vorstellung, Menschen würden erst dadurch zu Personen, daß sie bestimmte arbiträre Merkmale erfüllen, vergiftet mit der Zeit das juristische, ethische, philosophische, politische, und sozialwissenschaftliche Denken, sowie die Berichterstattung, die Wissenschaft und die forschende Wirtschaft so stark, daß kaum noch auffällt, wie wenig von der traditionellen Idee, Menschen hätten so etwas wie Würde oder ein Lebensrecht, schon bald nur noch ein verfaulender Kadaver übrig bleibt. Es ist notwendig, festzustellen, daß ich nicht von einer möglichen zukünftigen Entwicklung rede, sondern von einer bereits in vollem Gange befindlichen. Es ist nämlich auffällig, wie sehr in unserer Gesellschaft sich euphemistische Redewendungen und inhaltlich falsche Parolen eingebürgert haben, und wie gesellschaftlich inakzeptabel die offene und klare Rede von staatlich lizenzierten Tötungen, wie Abtreibungen oder Sterbehilfe, inzwischen geworden ist, sofern man die Dinge klar beim Namen nennt. „Dignitas“ nennt sich jene menschenverachtene Organisation, welche sich der Tötung von alten Menschen verschrieben hat, was so viel wie „Würde“ bedeutet. Vom Abbruch redet man, wenn man die Tötung eines Menschen meint. Man stelle sich vor, was geschähe, wenn man von der Tötung eines Mörders mit dem Wort „Reinigung“ spräche. Der Sturm der Empörung wäre zweifellos berechtigt. Aber er sollte es auch bei allen Tötungen sein, nicht bloß bei denen, die man als derzeit inakzeptabel ansieht.

Zum Lebensrecht ließe sich viel sagen und noch mehr schreiben. Allein die hierfür grundlegende Personenphilosophie läßt sich kaum in einem Buch befriedigend darstellen, schon gar nicht in einem Blog. Doch schon dieser kurze Streifzug zeigt, daß es sich bei der Abtreibung um eines der häßlichen Geheinmnisse der westlichen Welt handelt, über das so gern erfolgreich hinweggesehen wird, daß die meisten Menschen es inzwischen für völlig normal halten, daß es Situationen gibt, in denen Menschen Menschen töten, die ihnen gar nichts tun wollen, sondern auch nur leben.

Es wird Zeit, daß sich dies ändert. Es ist an der Zeit, daß Menschen sich nicht mehr über Menschen erheben, und sie aus dem Leben ausstoßen, ehe sie auch nur die Chance hatten, jemanden zu bedrohen. Es ist an der Zeit, daß die Menschen in diesem Lande, in Europa, in der Welt, sich damit befassen, daß seit 1970 weltweit 1 Milliarde Menschen, 1000 Millionen Menschen, das Vierfache der Bevölkerung der USA, oder dreizehnmal die Bevölkerung der BRD, durch die Praxis der Abtreibung ums Leben gekommen sind. Es ist an der Zeit, daß Menschen aller Schichten realisieren, daß es in ihrem gemeinsamen Interesse liegt, sicherzustellen, daß alle Menschen als Menschen respektiert werden.

Es ist an der Zeit, daß wir gegen die schleichenden Gifte der Abtreibung und Sterbehilfe, Euthanasie und Eugenik und viele mehr, mit dem gleichen Eifer kämpfen, wie gegen ungerechte Kriege in aller Welt.

Es ist an der Zeit.

Und es herrscht bedrohliches Schweigen. Nichts rührt sich. In den USA ist soeben der erste Präsident der Geschichte gewählt worden, der in seiner bisherigen Karriere mehrfach dafür stimmte, bereits geborene Menschen sterben zu lassen. In Holland werden inzwischen geborene Kinder regelmäßig getötet, weil sie „behindert“ sind. Doch was heißt behindert? Nichts als „unangenehm“ letzten Endes, denn behindert ist mühevoll, also oft auch teuer, also unbequem. Philosophen wie Peter Singer und andere mehr vertreten eine Ethik, die immer einflußreicher wird, die sich angeblich für den Tierschutz einsetzt, faktisch aber Menschen unter das Niveau von Affen stellt, falls sie zu behindert oder zu klein sind, um „Würde“ zu besitzen.

Es ist an der Zeit. Doch wen interessiert das schon? Wen interessieren schon Millionen von Opfern jedes Jahr weltweit? Wen interessieren schon irgendwelche alten Menschen, die von ihren Verwandten teils verlassen, teils als lästig abgestempelt, in den Tod getrieben werden, um kostbare Bettenkapazität freizuräumen? Wen interessieren schon Wissenschaftler, die Menschen klonen, menschliche Embryonen töten, um Therapien zu erzeugen, die auf andere Weise zu haben wären? Wer interessiert sich schon für abstrakte Fragen der Personalität und der Menschenwürde, die entscheidend sind dafür, daß Menschen sicher leben können, vom Beginn des Lebens bei der Befruchtung bis zu ihrem natürlichen Tod? Wen interessiert dieser unbedeutende Kram? Schließlich müssen wir noch eine Steuerreform machen, Energiesparbirnen subventionieren, und immer mehr FReiheit an den Innenminister abtreten, mehr Gesetze über Solarien machen, Eltern ihre Kinder wegnehmen, und das frühkindliche Bildungssystem an die DDR angleichen. Wir haben wichtigeres zu tun!

Oder doch nicht?

Es ist an der Zeit.

Die zerbrechliche Fassade der Zivilisation

… und dahinter lauert die Barbarei.

Dieses Zitat fand ich heute in einem auch sonst sehr lesenswerten Artikel:

„If you’re demented, you’re wasting people’s lives – your family’s lives – and you’re wasting the resources of the National Health Service.“

An dieser Stelle hofft man natürlich noch, daß es sich um eine Person handelt, der es darum geht, ein persönliches Gefühl auszudrücken, das sie niemals in die Tat umsetzen würde, oder etwas dieser Art. Aber dieser Eindruck kann gar nicht erst entstehen. Denn weiter heißt es:

„I’m absolutely, fully in agreement with the argument that if pain is insufferable, then someone should be given help to die, but I feel there’s a wider argument that if somebody absolutely, desperately wants to die because they’re a burden to their family, or the state, then I think they too should be allowed to die.

Actually I’ve just written an article called ‘A Duty to Die?’ for a Norwegian periodical. I wrote it really suggesting that there’s nothing wrong with feeling you ought to do so for the sake of others as well as yourself.“

Diejenigen, die sich für das Recht auf Leben einsetzen, haben es immer geahnt und immer befürchtet. Ebenso wie die Freiheit der Menschen in kleinen Schritten stirbt, so tut es auch das Lebensrecht. Jetzt sind wir also an einem Punkt angelangt, an dem eine der, wie der Telegraph sie nennt, führenden Moralphilosophinnen Großbritanniens, sich öffentlich dafür einsetzt, daß es nicht nur ein unumschränktes Recht auf Tötung ungeborener Kinder geben soll, nicht nur ein Recht, Menschen am Ende ihres Lebens zu töten, sondern in zweierlei Hinsicht noch weiter zu gehen, als bisher allgemein diskutiert worden ist:

Erstens: Die Tötungslizenz soll nun auch Menschen betreffen, die eigentlich gar nicht schwer krank sind, nicht einmal große Schmerzen haben, sondern schlicht dement sind, also geistesschwach. (Über die offensichtlichen Parallelen zu einer gewissen Zeit in Deutschland zu schreiben erscheint mir an dieser Stelle eigentlich geboten, doch ich vermute, daß die Befürwortung der Tötung unschuldiger „Geistesschwacher“ zu offensichtlich an die Verbrechen der Braunen Bande angelehnt ist, als daß es irgendeinem historisch bewußten Menschen entgehen könnte).

Zweitens: Bisher wurde immer hinter der euphemistischen Tarnkappe des Mitleids argumentiert. Ich habe schon immer gesagt, und ebenso wie ich die Befürworter des Lebensrechts, daß dies tatsächlich nur eine solche Tarnkappe ist, und es eigentlich um Wirtschaftlichkeitserwägungen geht, und um die Reinigung der Menschheit von unproduktiven Elementen. Jetzt heißt es, demente Menschen sollten ihrem Leben ein Ende setzen, weil sie die Ressourcen der „National Health Services“, dem britischen Äquivalent zur Krankenversicherung, über Gebühr beanspruchten, und weil es belastend für die Familien sei.

Sicherlich ist es belastend für die Familien und sicherlich auch für die Staatskasse. Aber wie verkommen muß ein Land moralisch sein, wie verroht seine Sitten und wie verwahrlost das Gewissen seiner Bürger, das dagegen nicht einmal aufbegehrt, in dem es vermutlich sogar Mehrheiten für diese Vorschläge gäbe?

In dem verlinkten Artikel des Telegraph werden auch Positionen dargestellt, die sich von Frau Warnock distanzieren. Doch haben diese einen entscheidenden Fehler:

Neil Hunt, the chief executive of the Alzheimer’s Society, said: „I am shocked and amazed that Baroness Warnock could disregard the value of the lives of people with dementia so callously.

„With the right care, a person can have good quality of life very late in to dementia. To suggest that people with dementia shouldn’t be entitled to that quality of life or that they should feel that they have some sort of duty to kill themselves is nothing short of barbaric.“

Denn diese Antwort ist nicht weniger beunruhigend, ja, nicht weniger erschreckend, als die üblen Worte der Feinde des Lebensrechts. Denn wie wird die Opposition zur Tötung Demenzkranker begründet? Durch die Tatsache, daß Demenzkranke durch die richtige Versorgung noch eine recht gute Lebensqualität haben könnten. Das heißt: Nicht die Prämisse, daß Menschen nur dann ein Lebensrecht haben, wenn sie eine gute Lebensqualität haben, wird hinterfragt, sondern nur die empirische Behauptung aufgestellt, daß die Betroffenen doch noch ganz gut leben könnten. Da gibt es noch keinen Grund für eine Hinrichtung.

Wenn jemand aber wirklich am Ende sein sollte… Wenn er wirklich keine Lebensqualität mehr haben sollte… wer wird dann sein Leben vor den Geiern schützen, die über ihm kreisen?

Der Einwand, daß es ja nur um die freie Entscheidung der betroffenen Personen geht, und niemand dazu gezwungen werden soll, sich ermorden zu lassen, ist in keiner Form stichhaltig. Zunächst geht es erklärtermaßen darum, daß jemand die moralische Pflicht haben soll, in ein er solchen Situation zu sterben. („Duty to Die“). Zweitens ist erklärtes Ziel der Initiative, den Staat zu entlasten. Was bedeutet das konkret? Es bedeutet: Menschen sollen „frei“ ihrer Tötung zustimmen, um den Staat zu entlasten, während sie von der Versorgung durch die Staatliche Krankenversorgung abhängig sind, von Staatlichen Institutionen und Krankenhäusern versorgt werden usw. Was ist an dieser Entscheidung frei? Allein da scheitert die Fassade bereits. Es geht nicht um die „freie“ Entscheidung der Patienten. Wie soll die ein Demenzkranker denn auch treffen können? Er ist ja dement…

Zum Glück sind wir hier nicht auf Spekulationen angewiesen. Sie sagt es nämlich selbst:

„If you’ve an advance directive, appointing someone else to act on your behalf, if you become incapacitated, then I think there is a hope that your advocate may say that you would not wish to live in this condition so please try to help her die. I think that’s the way the future will go, putting it rather brutally, you’d be licensing people to put others down.“

Die Absicht ist also, daß eine andere Person über Leben und Tod entscheiden soll.

Dritter Einwand gegen die Maske der freien Entscheidung: Menschen, die über Jahre eingeredet bekommen, daß es ihre Pflicht ist, sich töten zu lassen, wenn sie nicht mehr produktiv genug sind, oder ihre Lebensqualität nach der Meinung der Ärzte, der Angehörigen, der Krankenversicherung oder wem auch immer, nicht mehr ausreichend ist, treffen keine freien Entscheidungen im klassischen Sinn des Wortes. Sie treffen eher „gelenkte“ Entscheidungen.

All diese Einwände, und ihrer gibt es sicher noch mehr, sind schön und gut. Doch sie treffen nicht den Kern der Sache. Sie übersehen die wesentlichen Zusammenhänge. Es ist kein Zufall, daß dieselbe Person, die heute Lobbyarbeit für die „freiwillige“ Hinrichtung dementer Menschen durchführt, früher für verbrauchende (also tötende) Forschung an Embryonen eingetreten ist. Es ist kein Zufall, daß Peter Singer, der gründlichste Denker unter den Feinden des Lebensrechts, diesen Weg bis an sein logisches Ende gegangen ist, und all diese Dinge schon seit einem Vierteljahrhundert fordert – seinerzeit noch unter teilweise heftigen Protesten. Die Öffentlichkeit ist inzwischen abgestumpft, der Respekt vor dem menschlichen Leben so weit zurückgegangen, daß selbst viele Gegner der heute aktuellen Euthanasiedebatte nur noch mit der Lebensqualität argumentieren („auch Demenzkranke haben ein gutes Leben“) statt mit dem Lebensrecht („auch Demenzkranke sind Menschen, also haben sie ein Recht auf Leben“).

Der Kern des Themas ist genau dieser Gegensatz: Haben Menschen unabhängig von akzidentellen Fakoren ein Recht auf Leben? Oder sind sie nur dann würdig, wenn sie gewisse Kriterien erfüllen, also wenn sie ein „gutes“ Leben haben? Wenn sie Selbstbewußtsein besitzen, oder Lebensqualität, oder was auch immer? Gibt es jemanden auf dieser Erde, der das Recht haben darf, über die absichtliche Tötung eines Menschen zu entscheiden, oder ist niemand dazu befugt?

Wie man diese Frage beantwortet determiniert alle anderen Antworten zum Lebensrecht. Wenn jeder Mensch ein unveräußerliches Recht auf Leben hat, dann darf niemand das Recht haben, einem anderen Menschen vorsätzlich das Leben zu nehmen. Nicht die Mutter eines ungeborenen Kindes, nicht der Henker, nicht der Richter, nicht der wohlmeinende Angehörige, der seinem Vater das Leiden ersparen will, nicht der übelmeinende Angehörige, der sich selbst die Mühe ersparen will, nicht der Arzt, der Kosten sparen soll, niemand.

Wenn jeder Mensch ein unveräußerliches Recht auf Leben hat, dann ist vorsätzliche Tötung immer falsch. Anders als Unfälle, anders selbst als Fahrlässigkeiten, ja sogar anders als die gröbsten Fahrlässigkeiten, die man sich ausdenken kann, ist die vorsätzliche Tötung eines Menschen immer moralisch verwerflich. Und sie darf niemals ungeahndet bleiben, weil die Gesellschaft durch die juristische Aufweichung des Tötungsverbotes einen Dammbruch erzeugt, der nicht mehr zu reparieren ist, und der immer schlimmere Überflutungen erzeugen wird, bis kein Lebensrecht mehr übrig ist.

Auf der anderen Seite: Jemand, der ehrlich vertritt, daß Menschen ihr Lebensrecht nur auf der Basis gewisser akzidenteller Merkmale haben, daß dieses Lebensrecht jeder Kreatur zustehen soll, die diese Merkmale aufweist, und nur diesen Kreaturen, der kann dies logisch, philosophisch und ethisch schlüssig so vertreten. Das Gedankengebäude ist genauso vertretbar und schlüssig, wie das andere Gedankengebäude, das jedem Menschen Würde und Leben einräumt.

Aber es führt zu zwei verschiedenen Gesellschaften. Wir sollten uns entscheiden, was wir wollen. Wollen wir ein Land, in dem jemand entscheidet, wer leben darf und wer nicht, in dem externe Kriterien wie Lebensqualität, Rasse, Selbstbewußtsein, Parteizugehörigkeit entscheiden, wer leben darf, und wer die „Pflicht zu sterben“ hat? Oder wollen wir nach einer Gesellschaft streben, in der das Leben der Menschen unabhängig von ihrem Zustand einen unveräußerlichen Wert hat, in dem Menschen geschätzt und nicht verachtet werden, weil sie sich für das Leben entschieden haben? Wo wir gerade dabei sind: Mir lief kürzlich dieser Artikel wie ein Schauer über den Rücken:

„Like many, I am troubled by the implications of Alaska governor and Republican Vice Presidential candidate Sarah Palin’s decision to knowingly give birth to a child disabled with Down syndrome,“ Provenzo writes.

„Given that Palin’s decision is being celebrated in some quarters, it is crucial to reaffirm the morality of aborting a fetus diagnosed with Down syndrome (or by extension, any unborn fetus)—a freedom that anti-abortion advocates seek to deny,“ he adds.

Betrachtet man die Tatsache, daß in den USA 80-90% aller Kinder mit Down-Syndrom getötet werden, und in Europa ist es nicht viel besser, eher noch schlechter, dann muß man unabhängig von politischer Sympathie, ihr dazu gratulieren, daß sie die Courage hat, sich für das Leben eines behinderten Kindes zu entscheiden, statt für das, was in gewissen Zirkeln inzwischen nicht mehr als „tolerabel“ sondern als „erwartete Norm“ gesehen wird – die Tötung unschuldiger Kinder.

Die Differenz könnte nicht deutlicher sein.

Herr Provenzo sagt weiter:

„A parent has a moral obligation to provide for his or her children until these children are equipped to provide for themselves,“ he contends. „Because a person afflicted with Down syndrome is only capable of being marginally productive (if at all) and requires constant care and supervision, unless a parent enjoys the wealth to provide for the lifetime of assistance that their child will require, theyare essentially stranding the cost of their child’s life upon others.“

Ich denke, die Zusammenhänge zwischen den beiden Artikeln sind offensichtlich. Es gibt nicht eine Debatte über Abtreibung, eine Debatte über Euthanasie, eine Debatte über Infantizid, eine Debatte über aktive und passive Sterbehilfe, eine über verbrauchende Forschung an embryonalen Stammzellen, und noch viele andere Debatten. Es geht in allen diesen Fällen nur um das Recht auf Leben. Wenn jeder Mensch eine unveräußerliche Würde hat, wie es unser Grundgesetz vorsieht, wie es alle brauchbaren Verfassungsdokumente vorsehen, dann muß das Recht des Menschen auf Leben vor allen anderen Erwägungen Vorrang haben.

In dieser Frage sollte es keine Liberalen und Konservativen, keine Linken und keine Rechten geben. Denn wir alle sind Menschen. Und in einem sollten wir uns einig sein, wo immer wir uns auch sonst heftig streiten mögen: Die vorsätzliche Tötung von Menschen, die Aufforderung zur vorsätzlichen Tötung von Menschen, die Beihilfe zur vorsätzlichen Tötung von Menschen, sollten allesamt nicht geduldet werden in einer gesellschaftlichen Ordnung, die sich als aufgeklärt versteht.

Immer wieder, über Jahrzehnte hinweg, sind diverse Kompromisse gesucht und gefunden worden, wie die diversen „Reformen“ des §218 in Deutschland, wie die diversen Stichtagsregelungen zur Vernichtung von Embryonen. Dies mag alles politisch notwendig gewesen sein, um das Schlimmere zu verhindern. Wir sollten aber nicht vergessen, daß das kleinere Übel immer noch ein Übel ist, oft sogar ein ziemlich großes. Das bedeutet: Man kann unter bestimmten Umständen gezwungen sein Kompromisse zu machen, und ohne sie kann es in der Demokratie nicht gehen, aber über den Kompromissen das eigentliche Ziel zu vergessen, hat schreckliche Folgen.

Deutschland streifte das schnell angelegte Mäntelchen der Barbarei 1945 schnell wieder ab. Die Barbarei, um die es damals ging war nicht so sehr der zweite Weltkrieg (schreckliche Kriege hat es vorher immer wieder gegeben, so schrecklich sie auch waren). Die Barbarei, um die es ging, war die systematische Ausrottung einzelner Gruppen von Menschen, allen voran die versuchte Ausrottung der Juden aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur „Jüdischen Rasse“ nach der arbiträren Definition von Nürnberg. Der Holocaust, nicht so sehr der Krieg zwischen Deutschland und den Alliierten, ist der Schrecken, den die 12 Jahre Nationalsozialismus hinterlassen haben.

Die Auslese bestimmter Menschengruppen, ihre Herabsetzung, die Herabsetzung ihres Wertes gegenüber dem Wert anderer Menschen, die Etablierung einer Schicht, die leben darf, und einer Schicht, die zum Nutzen des Staates, oder des Volkes, getötet werden muß, diese Kennzeichen heben die schrecklichsten Regime von denen ab, die bloß schrecklich waren. Sie machen den Unterschied zwischen einem schlechten Regime und sinnloser, mörderischer Barbarei, deren systematische Grausamkeit für die meisten Menschen unverständlich bleibt.

Das Grauen der barbarischen Auslöschung einzelner Gruppen steht heute glücklicherweise nicht auf der Tagesordnung. Das tat es auch nicht, als Kalifornien in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts anordnete, Angehörige „minderwertiger“ Gruppen zwangsweise zu sterilisieren, oder als die Gründerin von Planned Parenthood, Margaret Sanger, ihre Sympathie für das Ziel des Ku-Klux-Klans ausdrückte, die Schwarzen vom Erdboden zu tilgen, oder als der amerikanische Supreme Court 1927 die Sterilisierungen für verfassungsmäßig erklärte, da sie für das Wohlergehen der Gemeinschaft nötig seien, und den Satz äußerte: „Three generations of imbeciles are enough“.

Das Grauen der barbarischen Auslöschung einzelner Gruppen steht heute glücklicherweise nicht auf der Tagesordnung. Aber im Jahr 1973 erklärte der amerikanische Supreme Court die Tötung ungeborener Kinder bis zum Moment der Geburt für rechtmäßig (und mehr als ein Drittel der Abgetriebenen waren schwarz…), britische Moralphilosophen erklären „demente“ Menschen hätten die Pflicht zu sterben, statt das Recht zu leben, Peter Singer rechtfertigt die Tötung neugeborener Menschen, ob behindert oder nicht, Holland läßt die Tötung behinderter Kleinkinder inzwischen gesetzlich zu, Amnesty International unterstützt die Tötung ungeborener Kinder als „Menschenrecht“, und ernsthafte Präsidentschaftskandidaten in den USA sind gegen ein Verbot der Tötung geborener Kinder.

Das Grauen der barbarischen Auslöschung einzelner Gruppen steht heute glücklicherweise nicht auf der Tagesordnung.

Noch nicht. Aber angesichts knapper Kassen…

Huckabee: „It ought to be about life“

Vor einigen Tagen schrieb ich bereits über die Präsidentschaftswahlen in den USA, vor allem über die extremistische Position des Demokraten Obama zum Thema Lebensrecht. Mike Huckabee hat jetzt einige sehr wahre Worte über die Probleme gesagt, die jeder Mensch mit Obama haben sollte, wenn er jemand ist, dem es wichtig ist, daß alle Menschen ein Recht auf Leben haben.

Obamas Positionen zu allen möglichen Themen sind teilweise schlecht, teilweise besser, und teilweise katastrophal. Jedoch handelt es sich bei diesen Positionen um Lösungen für politische Probleme, die sich überhaupt nur dann stellen, wenn Menschen bereits leben. Verweigert man Menschen das Recht auf Leben, sind alle anderen politischen Streitigkeiten obsolet. Ohne Leben keine Freiheit, keine Steuern, keine Bildung, keine Außenpolitik… Lebensrecht ist das eine fundamentale Thema, um das man nicht herumkommen sollte, wenn man ein Amt bekleiden möchte, in dem man irgendeinen Einfluß auf die Lösung der Lebensrechtsfragen hat.

Daß Obama nicht bei seiner Unterstützung für Abtreibung unter jeder Bedingung in allen neun Monaten der Schwangerschaft stehen bleibt (was schon schlimm genug wäre), sondern darüber hinaus auch noch die Tötung lebendgeborener Kinder nach einer fehlgeschlagenen Abtreibung befürwortet, geht aus diversen Dokumenten hervor, die ich hier bereits im Wesentlichen verlinkt hatte (man suche sich die Links aus den entsprechenden, weiter oben verlinkten Artikeln heraus). Hier noch drei weitere Dokumente:

Der vollständige Text der 2003er Version des BAIPA von Illinois (S.B. 1082) findet sich hier.

Der vollständige Text des fraglichen Amendments, in dem bekräftigt wurde, daß S.B. 1082 nicht zur Limitation von Abtreibungen dienen konnte findet sich hier.

Das Abstimmungsprotokoll für das Amendment zu S:B. 1082 und S.B. 1082 selbst, in dem belegt wird, daß Obama zuerst dafür gestimmt hat, das Amendment zu akzeptieren, dessen Fehlen er später für sein Nein zu S.B. 1082 verantwortlich machen sollte, und daß Obama dann gegen das Gesetz gestimmt hat, obwohl es zu diesem Zeitpunkt eindeutig besagte, daß Abtreibungen nicht betroffen sind von den Regelungen des Gesetzes, findet sich hier.

Diese drei Dokumente, in Verbindung mit den in den anderen Artikeln zum Thema verlinkten Dokumenten, reichen aus, um die Sachlage sehr deutlich zu machen: Obama stimmte gegen ein Gesetz, das nichts anderes getan hätte, als klarzustellen, daß Abtreibungsärzte bereits geborene Kinder (born alive; das BA in BAIPA) nicht mehr töten dürfen. Damit hat er eine positive Position zur Kindstötung bezogen; es handelte sich um eine den Infantizid affirmierende Aktion.

Vor diesem Hintergrund ist Obama, unabhängig von allem, was er sonst noch sein mag, unwählbar.

Huckabee hatte Obama noch im März in Schutz genommen, als die Kontroverse um Obamas spirituellen Mentor (wie Obama ihn in seinen Büchern nannte) Jeremiah Wright brodelte. Damals hatte man Obama vorgeworfen, über 20 Jahre enthusiastisch fast jede Woche die Predigten von Wright besucht zu haben, obgleich dieser gegen Weiße gerichteten Rassismus verbreitete.

Huckabee ist in seinem Wahlkampf gegenüber allen Rivalen immer fair geblieben, was ihn charakterlich auszeichnete. Wenn jemand aber Infantizid unterstützt und keinen Respekt vor dem menschlichen Leben hat, kann Huckabee nicht schweigen, zum Glück.

Hier nur ein kurzer Absatz aus dem Artikel, der in Gänze gelesen zu werden sicherlich verdient hat:

I want lower taxes, less government, more local control, less spending, greater accountability for tax dollars, a strong national defense, and less government regulation. But above all, I want a government who respects life—mine, yours, and that of people I don’t know and even those I don’t like. A government that decides that an unborn baby isn’t worth anything may one day decide that about me. Or you.

This election shouldn’t be about taxes. It ought to be about life.

So ist es.

Veröffentlicht in: on 24. August 2008 at 20:01 Kommentar schreiben
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Eine typische Woche für die Schwächsten

Hier noch einmal der Verweis auf weitere Quellen und eine ausführliche Darstellung der tatsächlichen Ereignisse, samt ausführlicher Dokumentierung, hinsichtlich der Frage, ob Obama in seiner Zeit im Senat von Illinois tatsächlich Versuche bekämpft und verhindert hat, die Tötung von lebendgeborenen Kindern zu untersagen.

Weitere Quellen zum Thema Obama und Abtreibung unsystematisch aufgelistet:

http://www.jillstanek.com/archives/2008/08/obama_campaign.html#more

http://www.nrlc.org/ObamaBAIPA/2003AmendedILBAIPAandFedBAIPA.html

http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081509.html

Weitere lesenswerte Artikel über die weltweite Mißachtung für menschliches Leben:

In Brasilien… http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081407.html

in der UNO… http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081503.html

in Großbritannien… http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081510.html

in den USA auf der Seite von McCain… http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081409.html

in Norwegen… http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081304.html

in Ecuador… http://www.lifesitenews.com/ldn/2008/aug/08081205.html
und das alles in weniger als einer Woche, von einer einzigen Website, in einer nicht besonders gründlichen Suche. Eine ganz normale Woche eben für diejenigen, die noch keine eigene Stimme haben, sich zu verteidigen gegen Versuche, ihnen ihr Leben und ihre Rechte zu nehmen. Es gibt viele weitere Beispiele, die ich hier gar nicht alle verlinken kann, die allesamt zeigen, wie wenig das Recht auf Leben aller Menschen heute beachtet und geachtet wird – nicht nur in Kriegen und im Justizsystem, was schon schlimm genug ist, sondern auch und gerade bei denen, die vollkommen unschuldig und unfreiwillig in ihrer Situation sind: die Ungeborenen, die Neugeborenen, die wirtschaftlich nicht nützlichen Kranken, oder sonstwie lästige Menschengruppen.

Obama, Singer und die Kindstötung

Seit Jahren und Jahrzehnten warnen die Befürworter des Lebensrechts für ungeborene Kinder vor den Gefahren, die daraus erwachsen, wenn man im Namen einer falsch verstandenen Wahlfreiheit das Lebensrecht mancher Menschen, die sich nicht, noch nicht, oder nicht mehr wehren können, aufhebt. Die massenhafte legale und oft vom Staat finanzierte Abtreibung ist schon schrecklich genug, zumal in den wenigsten Fällen ein realer medizinischer Grund vorliegt; meist handelt es sich um einfach unerwünschte Kinder, deren Existenz nicht in das Leben ihrer Eltern paßt, die abgetrieben werden.

Doch wenn man beginnt, die Zuerkennung von wesentlichen Menschenrechten wie dem Recht auf Leben vom Vorliegen gewisser qualitativer Merkmale wie etwa Selbstbewußtsein festzumachen, dann begibt man sich auf eine lange Rutschpartie, die nicht mehr enden will, und schreckliche Folgen hat. Für die Befürworter von Abtreibung ist es notwendig, Menschenrechte an gewisse Kriterien zu knüpfen, denn gäbe man allen Menschen Menschenrechte, wären auch ungeborene Menschen darunter, wie sogar der Urheber von Roe v. Wade in den USA, seines Zeichens Verfassungsrichter im Jahre 1973, zugibt. Die Zugehörigkeit ungeborener Kinder zum Menschengeschlecht ist schlicht eine medizinische Tatsache, wie jeder Blick in ein gutes Biologiebuch oder ein medizinisches Lehrbuch zeigen wird. Daher muß die Vergabe von Rechten an Kriterien geknüpft werden, wie dies etwa der australische Unethiker Peter Singer getan hat: jemand hat nur dann ein Recht auf Leben, wenn er sich seiner selbst bewußt ist. In seinem Buch „Praktische Ethik“ breitet er diesen Gedanken über nahezu 100 Seiten aus.

Ohne diese Beschränkung des Personenstatus, von dem alle Rechte letztlich abhängen, ist die Position der Abtreibungsbefürworter nicht haltbar. Nun haben sich aber die konsequenteren Denker dieser Richtung immer schon schwer damit getan, unter der Bedingung, daß nur bewußt lebende Menschen Personen sind, einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Fötus und dem Neugeborenen zu finden. Schreibt Singer (Praktische Ethik S. 219, Bemerkungen in eckigen Klammern von mir):

Es bleibt ein Hauptargument gegen das Argument übrig, daß ich zugunsten des Schwangerschaftsabbruchs vorgebracht habe. Wir haben bereits gesehen, daß die Stärke der konservativen [pro Lebensrecht] Position in der Schwierigkeit liegt, die die Liberalen [die Gegner des Lebensrechts] haben, eine moralisch relevante Unterscheidung zwischen einem Embryo und einem neugeborenen Baby vorzulegen.

Ebenfalls unfähig, ein Argument zu produzieren, konkludiert Singer, daß der Infantizid akzeptabel sein muß, solange das neugeborene Kind kein rationales Selbstbewußtsein demonstriere. Ferner vertritt er die Tötung lästig gewordener behinderter Menschen unter dem Vorwand der Verringerung des Leidens (was heute zunehmend Praxis ist, in den USA, in Europa und sonstwo; inzwischen wird auch das Kostenargument durch staatliche Krankenversicherungen vorgebracht). All diese Forderungen (deren Gegner Singer zuweilen als unmoralisch einstuft!) sind logisch und unausweichlich, wenn man erst einmal die Prämisse akzeptiert, daß es Kriterien gibt, die manche Menschen aufgrund irgendwelcher qualitativer Merkmale gegenüber anderen Menschen auszeichnen, und ihnen spezielle Rechte verleihen oder nehmen. Wenn ein Mensch aufgrund einer als zu gering erkannten Rationalität getötet werden darf, worin, bitte, liegt dann der Unterschied dazu, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe zu versklaven, oder wegen ihrer Religion zu verfolgen? In jedem Fall wird ein arbiträr gewähltes Merkmal zum Richter über die Rechte eines Menschen erhoben. Diese Fragestellung eingehender zu betrachten führt aber über den Umfang dieses Artikels weit hinaus, daher sei sie hiermit auf später verschoben.

Mancher mag jetzt einwenden, daß das alles theoretisch richtig sei, aber in der Praxis sich nicht durchsetzen könnte, weil es dafür keine Mehrheit gibt. Ein Blick nach Holland, wo etwa 8% der gemeldeten Todesfälle unter Neugeborenen durch völlig legalen Infantizid absichtlich herbeigeführt werden, etwa ein Fünftel davon gegen den Willen der Eltern (vgl. Ramesh Ponnuru: The Party of Death, S. 182), widerlegt diese hoffnungslos optimistische These bereits. Die amerikanische Situation steht kurz davor, in Richtung auf den Infantizid umzukippen:

Der derzeit führende Präsidentschaftskandidat der demokratischen Partei, Barack Obama, befürwortet nicht nur, wie alle demokratischen Spitzenpersönlichkeiten, die legale und steuerlich finanzierte Abtreibung in allen neun Monaten der Schwangerschaft, falls der an Abtreibungen verdienende Arzt einen Grund dafür sieht, eine Abtreibung durchzuführen. Er geht noch weiter, wenn er es auch, wie es seine Art ist, nicht offen sagt. Hierzu lese man diesen Artikel.

Worin besteht der Unterschied zwischen der Tötung eines geborenen Kindes nach der Geburt (Infantizid) und der Tötung eines geborenen Kindes nach einer fehlgeschlagenen Abtreibung (was BAIPA und IILA verbieten)? Die Antwort: In der Intention des Arztes und der Mutter. Im einen Fall wurde das Kind geboren infolge eines Geburtsvorganges, im anderen Fall auch. Der einzige Unterschied ist der Zweck des Geburtsvorgangs. Bei der Teilgeburtsabtreibung wird ein ganz normaler Geburtsvorgang eingeleitet, nur wird dieser nicht bis zu seinem natürlichen Ende durchgeführt, sondern dem Kind wird das Hirn abgesaugt, bevor es ganz geboren ist. In dieser Prozedur kann es dazu kommen, daß ein Kind lebend geboren wird, bevor die Abtreibung durchgeführt ist. Die Frage ist dann: wenn das Kind geboren ist, und lebt, sollte es dann nicht dieselbe medizinische Versorgung erhalten, wie andere Kinder, die in genau derselben Situation sind? Barack Obama sagt nein; unter dem (sachlich falschen, wie aus dem verlinkten Artikel und dieser Sammlung von aufschlußreichen Dokumenten hervorgeht) Vorwand, die Existenz des Abtreibungsrechts nach Roe sei durch den Schutz von geborenen Kindern bedroht. In der 2003er Version des Illinois-Gesetzes dazu (Induced Infant Liability Act, IILA) wird diese vorgebliche Folge sogar explizit ausgeschlossen, und doch hat Obama als Vorsitzender des zuständigen Ausschusses verhindert, daß über dieses Gesetz 2003 abgestimmt wurde (vorher hat er zweimal gegen fast identische Gesetze im Jahr 2001 und 2002 gestimmt). Übrigens: 2005, wenige Monate nachdem Obama in den US-Senat gewählt worden war, und damit den Senat von Illinois verlassen hatte, wurde der IILA endlich vom Senat von Illinois verabschiedet.

Für Barack Obama besteht der Unterschied zwischen der Abtreibung und dem Infantizid darin, daß letzterer derzeit noch nicht hoffähig genug für eine öffentliche Befürwortung durch einen ernsthaften Präsidentschaftskandidaten ist, erstere aber schon. Deshalb unterstützt er Abtreibung so radikal wie nur möglich, und behauptet, er sei gegen Infantizid, obgleich seine wenigen Taten in seiner kurzen politischen Karriere eine ganz andere Sprache sprechen.

Für mich besteht der Unterschied zwischen Abtreibung und Infantizid darin, daß ein Ereignis namens Geburt dazwischen liegt, bei dem sich eigentlich nur die Lage, der Ort, des Babys ändert, nicht sein moralischer, und damit rechtlicher, Status. Menschliche Personen innerhalb wie außerhalb des Mutterleibs sind zu schützen, ob dies politisch opportun ist oder nicht.

Ja, die USA sollten irgendwann auch einmal einen schwarzen Präsidenten haben. Solange die einzige mögliche Wahl in dieser Hinsicht aber Barack Obama ist, der neugeborenen Kindern kein Lebensrecht zuerkennt, bleibt nur zu hoffen, daß die USA einen farblosen Befürworter statt einen farbigen Gegner des Lebensrechts als nächsten Präsidenten bekommen. Ja, McCain ist alles andere als ideal, und auch er könnte solider in seiner Unterstützung der Pro-Life-Position sein, doch nichts im Leben ist ideal.

Seit Jahrzehnten warnen die Befürworter des Lebensrechts vor dem Verfall des Respekts vor dem Leben. Wen wundert es da noch, wenn bald die Tötung von Kleinkindern als „Frauenrecht“ angepriesen werden wird, wie die Tötung von ungeborenen Kindern schon seit Jahrzehnten? Mich jedenfalls nicht.

„The Triumph of Peter Singer´s Values“

Ein sehr interessanter Artikel über die Gefahr der sogenannten „Tierrechtler“ für den Wert des menschlichen Lebens:

http://lifenews.com/bio2518.html

Ich werde mit Sicherheit in Zukunft noch genauer auf die abscheulichen Intentionen und Positionen anti-menschlicher „Philosophen“ wie Singer eingehen, derzeit mag der Hinweis genügen, daß in Deutschland, Europa und weltweit die Ideen des Herrn Singer auf dem Vormarsch sind, trotz der inhumanen Barbarei, die die unausweichliche (und völlig beabsichtigte) Folge der Umsetzung dieser Ideen wäre. Wie in dem Artikel auch gesagt wird, ist Spanien kurz davor, den Schritt zu gehen, der die Zerstörung der Menschenrechte wie wir sie kennen in ein nationales Gesetz gießt. Vorsicht bei scheinbar gut klingenden Vorschlägen zum Thema Tierrechte ist weltweit dringend geboten.

Veröffentlicht in: on 2. August 2008 at 9:25 Kommentar schreiben
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„We Shall Not Weary, We Shall Not Rest“

Ich hatte geplant, in den nächsten Tagen einen längeren Artikel über die Frage des Lebensrechts zu schreiben, und in die ersten Gedanken über die Struktur platzte eine Informationsmail der amerikanischen Lebensrechtsvereinigung „National Right to Life“, die unter anderem das Transkript einer äußerst inspirierenden Rede zum Thema enthielt. Es wäre zu wünschen, daß es in Deutschland und in den anderen europäischen Ländern ebenso gewandte, engagierte, überzeugende und entschlossene Menschen gäbe, die sich für das Recht auf Leben aller menschlichen Personen einsetzen, wie Richard John Neuhaus. Hier der Link zum Transkript der Rede (die hier auch vollständig zu finden ist, wenn auch gelegentlich durch Kommentare meinerseits unterbrochen).

Once again this year, the National Right to Life convention is partly a reunion of veterans from battles past and partly a youth rally of those recruited for the battles to come. And that is just what it should be. The pro-life movement that began in the 20th century laid the foundation for the pro-life movement of the 21st century. We have been at this a long time, and we are just getting started.

All that has been and all that will be is prelude to, and anticipation of, an indomitable hope. All that has been and all that will be is premised upon the promise of Our Lord’s return in glory when, as we read in the Book of Revelation, “he will wipe away every tear from their eyes, and death shall be no more, neither shall there be sorrow nor crying nor pain any more, for the former things have passed away.” And all things will be new.

That is the horizon of hope that, from generation to generation, sustains the great human rights cause of our time and all times—the cause of life. We contend, and we contend relentlessly, for the dignity of the human person, of every human person, created in the image and likeness of God, destined from eternity for eternity—every human person, no matter how weak or how strong, no matter how young or how old, no matter how productive or how burdensome, no matter how welcome or how inconvenient. Nobody is a nobody; nobody is unwanted. All are wanted by God, and therefore to be respected, protected, and cherished by us.

Einer der großen Irrtümer (um es freundlich zu sagen), der Bewegung zur Legalisierung der Abtreibung, die sich seit längerer Zeit in Europa fast auf ganzer Linie durchgesetzt zu haben scheint und kaum mehr auf Gegenwehr stößt, ist die Behauptung, erst durch die Möglichkeit zur Abtreibung wäre „jedes Kind ein Wunschkind“. Das Gegenteil ist wahr. Denn ein Kind lebt auch schon im Mutterleib, dies ist heute medizinischer Konsens, ab dem Moment der Zeugung. Damit jedes Kind erwünscht ist, muss ein Klima geschaffen werden, in dem das zur-Welt-bringen von Kindern in nahezu jeder Situation möglich ist. Das heißt die Möglichkeiten zur Adoption müssen ausgebaut werden, finanzielle Hilfen für Schwangere in schwierigen Situationen eingeführt, und vieles, vieles mehr. Aber die Tötung eines Teils aller Kinder macht den Rest kein Stück „erwünschter“.

We shall not weary, we shall not rest, until every unborn child is protected in law and welcomed in life. We shall not weary, we shall not rest, until all the elderly who have run life’s course are protected against despair and abandonment, protected by the rule of law and the bonds of love. We shall not weary, we shall not rest, until every young woman is given the help she needs to recognize the problem of pregnancy as the gift of life. We shall not weary, we shall not rest, as we stand guard at the entrance gates and the exit gates of life, and at every step along way of life, bearing witness in word and deed to the dignity of the human person—of every human person.

Die Debatte über die Abtreibung ist nur ein winziger Ausschnitt der Frage des Lebensrechts. Vom Beginn des Lebens im Moment der Zeugung bis zu seinem natürlichen Ende muß das Leben aller Menschen geschützt werden, niemand darf Freiwild sein, so nobel manche der Rechtfertigungen auch erscheinen mögen (wie etwa die Entscheidungsfreiheit der Frau oder das Argument mit dem armen alten Behinderten, der doch nur noch leidet, da wäre es doch geradezu gnädig, ihn zu exekutieren…). Die Bewegung gegen die Einstellung, Leben habe bloß einen relativen Wert, darf niemals ermüden und niemals ruhen, denn auf ihr ruht die Verantwortung für eine Zukunft, in der nicht schiere Effizienzberechnungen und Wirtschaftlichkeitserwägungen den Wert des Menschen bestimmen, sondern der Wert des Menschen bestimmt ist durch seine unveräußerliche Würde.

Against the encroaching shadows of the culture of death, against forces commanding immense power and wealth, against the perverse doctrine that a woman’s dignity depends upon her right to destroy her child, against what St. Paul calls the principalities and powers of the present time, this convention renews our resolve that we shall not weary, we shall not rest, until the culture of life is reflected in the rule of law and lived in the law of love.

It has been a long journey, and there are still miles and miles to go. Some say it started with the notorious Roe v. Wade decision of 1973 when, by what Justice Byron White called an act of raw judicial power, the Supreme Court wiped from the books of all fifty states every law protecting the unborn child. But it goes back long before that. Some say it started with the agitation for “liberalized abortion law” in the 1960s when the novel doctrine was proposed that a woman cannot be fulfilled unless she has the right to destroy her child. But it goes back long before that. It goes back to the movements for eugenics and racial and ideological cleansing of the last century.

Von diesen haben wir in Deutschland wahrlich genug gehabt, aber Umfragen zufolge ist das Bedürfnis nach solchen Abenteuern immer noch nicht gesättigt, finden doch solide Mehrheiten fast weltweit die „aktive Sterbehilfe“, also das aktive Töten menschlichen Lebens aus dubiosen Erwägungen oder falsch verstandenem Mitleid heraus, völlig in Ordnung. Allerdings ist der Informationsstand oft sehr niedrig, und wenn Informationen über die Möglichkeiten der Palliativmedizin bei der Linderung von Schmerzen und andere Möglichkeiten der Medizin, Leben zu schützen und zu erhalten ins Bewußtsein der Mehrheit dringen, dann könnte dies vielleicht zu einem Stimmungswandel führen.

Whether led by enlightened liberals, such as Margaret Sanger, or brutal totalitarians, whose names live in infamy, the doctrine and the practice was that some people stood in the way of progress and were therefore non-persons, living, as it was said, “lives unworthy of life.” But it goes back even before that. It goes back to the institution of slavery in which human beings were declared to be chattel property to be bought and sold and used and discarded at the whim of their masters. It goes way on back.

As Pope John Paul the Great wrote in his historic message Evangelium Vitae (the Gospel of Life) the culture of death goes all the way back to that fateful afternoon when Cain struck down his brother Abel, and the Lord said to Cain, “Where is Abel your brother?” And Cain answered, “Am I my brother’s keeper?” And the Lord said to Cain, “The voice of your brother’s blood is crying out to me from the ground.”

The voice of the blood of brothers and sisters beyond numbering cry out from the slave ships and battlegrounds and concentration camps and torture chambers of the past and the present. The voice of the blood of the innocents cries out from the abortuaries and sophisticated biotech laboratories of this beloved country today. Contending for the culture of life has been a very long journey, and there are still miles and miles to go.

The culture of death is an idea before it is a deed. I expect many of us here, perhaps most of us here, can remember when we were first encountered by the idea. For me, it was in the 1960s when I was pastor of a very poor, very black, inner city parish in Brooklyn, New York. I had read that week an article by Ashley Montagu of Princeton University on what he called “A Life Worth Living.” He listed the qualifications for a life worth living: good health, a stable family, economic security, educational opportunity, the prospect of a satisfying career to realize the fullness of one’s potential. These were among the measures of what was called “a life worth living.”

Der Gedanke von lebensunwertem Leben ist in Deutschland durchaus auch verbreitet gewesen, einst. Doch was auch immer Montagu geschrieben haben mag über die Bedingungen eines lebenswerten Lebens, einer der konsequentesten Denker in der Richtung der Abschaffung des Lebensrechts für unerwünschte Individuen war Peter Singer, der kurzerhand auch völlig gesunden Säuglingen in seinem Werk „Praktische Ethik“ das Lebensrecht absprach, ebenso wie er es Schimpansen zusprach. Bewegungen zur EInschränkung der Menschenrechte auf sogenannte Personenrechte gibt es in der intellektuellen Weltelite genug. Menschen den für die Anerkennung ihrer Rechte spätestens seit Kant notwendigen Personenstatus nur aufgrund einer Reihe von qualitativen Kriterien zu- oder abzusprechen, gehärt heute fast schon zum guten Ton des Zweigs der Philosophie, der sich mit solchen Dingen beschäftigt. Von Locke über Frankfurt, Dennett, Singer und viele mehr beschäftig(t)en sich raffinierte Geister mit dem Zusammentragen von restriktiven Kriterien, die Menschen in die Klasse der Glücklichen, die Person sein und Rechte haben dürfen, und diejenigen, denen es an gewissen arbiträren Kriterien wie Selbstbewußtsein mangelt, und die deswegen entrechtet werden sollen, einzuteilen.

And I remember vividly, as though it were yesterday, looking out the next Sunday morning at the congregation of St. John the Evangelist and seeing all those older faces creased by hardship endured and injustice afflicted, and yet radiating hope undimmed and love unconquered. And I saw that day the younger faces of children deprived of most, if not all, of those qualifications on Prof. Montagu’s list.

And it struck me then, like a bolt of lightning, a bolt of lightning that illuminated our moral and cultural moment, that Prof. Montagu and those of like mind believed that the people of St. John the Evangelist—people whom I knew and had come to love as people of faith and kindness and endurance and, by the grace of God, hope unvanquished—it struck me then that, by the criteria of the privileged and enlightened, none of these my people had a life worth living. In that moment, I knew that a great evil was afoot. The culture of death is an idea before it is a deed.

In that moment, I knew that I had been recruited to the cause of the culture of life. To be recruited to the cause of the culture of life is to be recruited for the duration; and there is no end in sight, except to the eyes of faith.

Perhaps you, too, can specify such a moment when you knew you were recruited. At that moment you could have said, “Yes, it’s terrible that in this country alone 4,000 innocent children are killed every day, but then so many terrible things are happening in the world. Am I my infant brother’s keeper? Am I my infant sister’s keeper?” You could have said that, but you didn’t. You could have said, “Yes, the nation that I love is betraying its founding principles—that every human being is endowed by God with inalienable rights, including, and most foundationally, the right to life. But,” you could have said, “the Supreme Court has spoken and its word is the law of the land. What can I do about it?”

4000 jeden Tag und über 1 Million pro Jahr sind es in Amerika. In Deutschland sind es proportional gesehen weniger, aber sechsstellig sind die Fallzahlen dennoch. In Rußland werden mehr Abtreibungen als Geburten vorgenommen und weltweit mußten in den letzten 40 Jahren etwa 1.000.000.000 ungeborene Kinder „dran glauben“ (ja, 1 Miliarde!). In dieser SItuation ist es notwendig, „Halt!“ zu rufen, innezuhalten, nachzudenken, und wo immer möglich das Thema aus seiner unverdienten Versenkung hervorzuholen und auch in Europa wieder zu einem Thema von vorrangiger Bedeutung zu machen.

You could have said that, but you didn’t. That horror, that betrayal, would not let you go. You knew, you knew there and then, that you were recruited to contend for the culture of life, and that you were recruited for the duration.

The contention between the culture of life and the culture of death is not a battle of our own choosing. We are not the ones who imposed upon the nation the lethal logic that human beings have no rights we are bound to respect if they are too small, too weak, too dependent, too burdensome. That lethal logic, backed by the force of law, was imposed by an arrogant elite that for almost forty years has been telling us to get over it, to get used to it.

Daß sich die Menschen an die Neuregelung der Rechtslage gewöhnen würden, war die Hoffnung der „Liberalisierungs“-Proponenten in der gesamten westlichen Welt. Leider haben sie sich hierzulande weitgehend erfüllt. Die allumfassende „political correctness“ spricht inzwischen nur noch von Schwangerschaftsabbrüchen, wobei doch nicht nur die Schwangerschaft, sondern zuallererst das Leben des ungeborenen Kindes abgebrochen wird.

But “We the People,” who are the political sovereign in this constitutional democracy, have not gotten over it, we have not gotten used to it, and we will never, we will never ever, agree that the culture of death is the unchangeable law of the land.

“We the People” have not and will not ratify the lethal logic of Roe v. Wade. That notorious decision of 1973 is the most consequential moral and political event of the last half century of our nation’s history. It has produced a dramatic realignment of moral and political forces, led by evangelicals and Catholics together, and joined by citizens beyond numbering who know that how we respond to this horror defines who we are as individuals and as a people. Our opponents, once so confident, are now on the defensive.

Roe v. Wade, die amerikanische Supreme Court-Entscheidung aus dem Jahre 1973 hat dafür gesorgt, daß in allen 50 Bundesstaaten der USA Abtreibungen zugelassen werden mußten, selbst bis hin zum 9. Monat der Schwangerschaft. theoretisch sind sie im dritten Drittel der Schwangerschaft nur zulässig, wenn die Gesundheit der Mutter bedroht ist, sofern die Abtreibung unterbleibt. Doch da in Doe, der Schwesterentscheidung zu Roe, die am selben Tag verfaßt worden ist und die nach der expliziten Auffassung des Gerichts zusammen gelesen werden sollen, Gesundheit extrem breit definiert ist und der Einschätzung des Abtreibungsarztes anheim gestellt wird, gibt es praktisch keine Grenzen. In Deutschland ist Abtreibung zwar nur in den ersten drei Monaten zulässig, doch hindert das niemanden daran, sein Baby zu töten, man muß es nur rechtzeitig tun. Und mögen die Abtreibungsbefürworter in den USA auch in die Defensive gedrängt worden sein, sie sind es hierzulande nicht.

Having lost the argument with the American people, they desperately cling to the dictates of the courts. No longer able to present themselves as the wave of the future, they watch in dismay as a younger generation recoils in horror from the bloodletting of an abortion industry so arrogantly imposed by judges beyond the rule of law.

We do not know, we do not need to know, how the battle for the dignity of the human person will be resolved. God knows, and that is enough. As Mother Teresa of Calcutta and saints beyond numbering have taught us, our task is not to be successful but to be faithful. Yet in that faithfulness is the lively hope of success. We are the stronger because we are unburdened by delusions. We know that in a sinful world, far short of the promised Kingdom of God, there will always be great evils. The principalities and powers will continue to rage, but they will not prevail.

In the midst of the encroaching darkness of the culture of death, we have heard the voice of him who said, “In the world you will have trouble. But fear not, I have overcome the world.” Because he has overcome, we shall overcome. We do not know when; we do not know how. God knows, and that is enough. We know the justice of our cause, we trust in the faithfulness of his promise, and therefore we shall not weary, we shall not rest.

Whether, in this great contest between the culture of life and the culture of death, we were recruited many years ago or whether we were recruited only yesterday, we have been recruited for the duration.

We go from this convention refreshed in our resolve to fight the good fight. We go from this convention trusting in the words of the prophet Isaiah that “they who wait upon the Lord will renew their strength, they will mount up with wings like eagles, they will run and not be weary, they will walk and not be faint.”

The journey has been long, and there are miles and miles to go. But from this convention the word is carried to every neighborhood, every house of worship, every congressional office, every state house, every precinct of this our beloved country—from this convention the word is carried that, until every human being created in the image and likeness of God—no matter how small or how weak, no matter how old or how burdensome—until every human being created in the image and likeness of God is protected in law and cared for in life, we shall not weary, we shall not rest. And, in this the great human rights struggle of our time and all times, we shall overcome.

Da bleibt mir bei einer so exzellenten Rede zugunsten des ungeborenen Lebens nur noch zu sagen: Deutsche, Europäer, Weltbürger, wo auch immer ihr seid: An die Arbeit! Es gibt genug zu tun für viele Jahre der engagierten Debatte mit Gleich- und Andersgesinnten. Und möge Zivilität und Respekt die Auseinandersetzung bestimmen, doch möge das Recht auf Leben sie letztendlich gewinnen!

Anmerkung: Politisch gesehen gibt es in Deutschland nur die CDU und in Bayern die CSU, die das Thema Lebensschutz auf ihre Fahnen geschrieben haben – allerdings nur um die mit diesem Thema beschriebenen Fahnen dann gut zu verstecken. Aber sie sind die einzigen Parteien, die zumindest theoretisch etwas ändern wollen, aber sie würden es in der Praxis wohl nicht tun. Die wenigen Kräfte innerhalb und außerhalb der CDU/CSU, die daran interessiert sind, möchte ich auf die Christdemokraten für das Leben aufmerksam machen, die einen fast aussichtslosen Kampf kämpfen, der aber zu wichtig ist, um aufgegeben zu werden.

Veröffentlicht in: on 16. Juli 2008 at 23:44 Kommentar schreiben
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