Präludium
Die heutige (sonntägliche) Diskussion bei Anne Will drehte sich um das Thema Sterbehilfe. Ich halte es für notwendig, die dortigen Argumente von Befürwortern und Gegnern der aktiven Sterbehilfe kurz zu kommentieren. Was Anne wollte, war dem aufmerksamen Beobachter relativ schnell klar: eine Plattform für die Befürworter der aktiven Sterbehilfe bieten, auf daß sich ihre Segnungen über die ganze Bundesrepublik ausbreiten mögen. Was die Gäste wollten, welche aktive und passive Sterbehilfe befürworteten, was auch klar: nämlich dasselbe.
Weniger eindeutig aber war die Präferenz der beiden Feigenblätter der Runde, die den Anschein der Neutralität in dieser Propagandasendung wahren sollten. Bischof Mixa und die Grünen-Politikerin Göring-Eckhardt gaben beide vor, gegen Euthanasie, also die Tötung von Menschen unter humanitärem Deckmäntelchen, zu sein. Leider sah man in der Argumentationsstruktur der beiden keinerlei verwertbare Ansätze, vor allem weil beide sich vollständig auf die Diskussionsebene der Befürworter der Euthanasie begaben.
1. Einleitung: Euthanasie der Argumente
Die Argumentation der Euthanasie-Befürworter war klar und eindeutig, sowie auf der Basis der gegebenen Prämissen nachvollziehbar: Menschen sind Individuen und haben das Recht, darüber zu entscheiden, ob sie leben wollen oder nicht. Wenn sie sich dafür entscheiden, sterben zu wollen, dann dürfen sie auch dies tun. Können sie diesen Wunsch nicht selbst in die Tat umsetzen oder wollen sie es nicht, so haben sie nicht nur ein Recht darauf, daß jemand ihnen „beim Sterben hilft“ (= sie tötet oder Beihilfe zu dieser Tötung leistet); sondern es verhalten sich sogar diejenigen unmoralisch, die eine andere Auffassung vertreten, weil sie die Autonomie des Einzelnen verletzen, indem der Staat durch ein Euthanasieverbot (oder Einschränkungen in diesem Bereich) Menschen daran hindert, autonom zu entscheiden. Also hat jeder Mensch ein Recht auf den Tod, wann und wie er ihn will. Beschränkungen dieses Rechts sind also unzulässig.
Was steckt hinter dieser Argumentation, was sind die Prämissen, die es möglich machen, so zu denken? Die wesentlichen Prämissen sind die folgenden:
1. Menschen sind autonome Individuen, welcher Entscheidungen unbeeinflußt von ihrer Umwelt treffen. Daher ist auch ihre Entscheidung, sterben zu wollen, jederzeit zu respektieren. Einem erwachsenen, mündigen Menschen das Recht auf Selbstbestimmung zu nehmen, ist verwerflich.
2. Wesentlich für die Beurteilung der Frage, ob ein Mensch weiterleben sollte (oder nicht) ist die Lebensqualität dieses Menschen. Diese wird subjektiv von ihm eingeschätzt, oder in Abwesenheit einer mündigen Einschätzung nach gewissen Kriterien von „Fachleuten“ und Medizinern beurteilt. Die Lebensqualität hat sehr viel mit dem Schmerzniveau zu tun, auf dem ein Mensch lebt.
Es ist einem Menschen nicht zuzumuten, im Angesichte des Todes leben zu müssen, große Schmerzen leiden zu müssen, oder sonstige massive Einbußen seiner Lebensqualität hinzunehmen. Das Leben von Menschen, die unter Schmerzen leiden, ist eine ständige Qual. Das Leid übersteigt den Nutzen/die Lust (Vorsicht: Utilitarismus!); das Leben ist also nicht mehr lebenswert. Es ist besser, zu sterben. Der australische Ethiker und Utilitarist Peter Singer erklärt seinen Lesern, durch den Tod des betreffenden Menschen werde das Leid in der Welt gemindert, so daß das Ergebnis eine bessere Welt wäre. So rechtfertigt Singer auch die „nichtfreiwillige Euthanasie “ (Singers Begriff, nicht meiner), also die Tötung von Menschen ohne ihre Einwilligung, sofern sie nicht mehr über ausreichend „Lebensqualität“ verfügen.
Ich werde nun die Aufgabe der beiden Euthanasiegegner der Runde übernehmen, und gegen diese teilweise unausgesprochenen Prämissen argumentieren, und nicht, wie Mixa und Göring- Eckhardt, diese Prämissen unhinterfragt übernehmen, und dann die Argumentationen anfechten, die sich auf diese Prämissen gründen. Überläßt man den Gegnern des Lebensrechts die Möglichkeit, das Spielfeld zu ihren Gunsten zu präparieren, wird das Lebensrecht immer wieder verlieren. Dies ist der wesentliche Fehler nahezu aller Lebensrechtler in den letzten 40 Jahren gewesen: sie haben es versäumt, die Diskussionen unter ihren eigenen Prämissen, mit ihrem eigenen Vokabular zu führen, statt mit dem ihrer Gegner. Wenn man immer von Sterbehilfe spricht, wie man von Sozialhilfe redet, dann ist eine ablehnende Haltung natürlich unpopulär. Sterben müssen wir alle. Und gegen Hilfe kann man gar nicht sein. Also ans Werk!
2. Der Mythos Autonomie
Ist der Mensch wirklich ein autonomes Lebewesen? Auch wenn heute fast immer von Menschen entweder als Kollektiv oder als Einzelnen gesprochen wird, können daran massive Zweifel bestehen. Etwas oder jemand ist autonom, wenn er oder es selbstbestimmt ist. Ist der Mensch aber selbstbestimmt? Oder ist er nicht vielmehr abhängig von anderen und auch den Ansichten Anderer? Um diese Frage zu beantworten könnte man einen von zwei Wegen beschreiten: einen langen philosophischen Traktat (von lat. tractatus) verfassen, in dem man die Überlegungen und Einsichten von 2500 Jahren zugrundelegend zu einem Ergebnis kommen müßte, oder ein Gedankenexperiment durchführen. Ich werde im Folgenden den zweiten Pfad beschreiten, weil dies ein Blog und kein mehrbändiges Lebenswerk ist.
Stellen wir uns also vor, alle Menschen wären selbstbestimmt, träfen alle ihre Entscheidungen auf der Basis ihrer eigenen Vernunft, und kämen unbeeinflußt von Mitmenschen zu ihren Ansichten. Ein Mensch, nennen wir ihn Tabula Rasa, lebt ein ganz bestimmtes Leben. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder, geht zur Arbeit (er ist Tischler), hat einige gute Freunde, mit denen er sich gelegentlich trifft, und mit denen er sich (unter anderem auch) gern betrinkt. Er hat nach wie vor gute Kontakte zu seinen Eltern, und einigen weiteren Familienmitgliedern, obschon er seiner Mutter bis heute übel nimmt, daß sie sich gegen seinen Vater durchgesetzt hat, als es um den Streit ging, welchen Namen er tragen solle. Seine Eltern sind geschieden und wegen dieser Scheidung wuchs er bei seiner Mutter auf. Seinen Vater hat er vermißt, dieser ihn jedoch nicht so sehr. Er ist zwar nicht besonders religiös, besucht aber gelegentlich eine Kirche, vor allem weil der dortige Pfarrer zu seinen Freunden zählt, und ferner aus Gewohnheit. Er trinkt am liebsten eine bestimmte Sorte Bier, und versucht sich seit Jahren, das Rauchen abzugewöhnen, das er damals angefangen hat, weil es in seiner Jugendclique als „cool“ galt, zu rauchen. Dieser nicht sonderlich sonderbare Mensch ist fest davon überzeugt, daß er seine Entscheidungen autonom trifft. Er ist ein unabhängiger Mensch, läßt sich nichts vorschreiben, und akzeptiert vorgegebene Normen und Konventionen nicht einfach fraglos. Er gehorcht keinem bestimmten Glaubenssystem und keiner bestimmten Ideologie, ist pragmatisch und möchte jede Situation auf der Basis seiner eigenen Erfahrungen einschätzen. Er möchte es vermeiden, Menschen zu verurteilen auf der Basis irgendwelcher Vorurteile.
Tabula Rasa ist das, was die meisten wohl als einen selbstbestimmten Menschen bezeichnen würden. Doch hat er damals in der Schule nicht bloß deswegen einen Judo-Kurs besucht, weil er immer gehänselt wurde seines Namens wegen? Hätte er ein besseres Verhältnis zu seinem Vater, wenn dieser etwas von ihm wissen wollte? Würde er Dinge seiner Frau zuliebe tun, oder um seiner Kinder Willen, wenn diese ihn darum bitten, und zwar auch dann, wenn er die Notwendigkeit der gewünschten Handlung nicht einsieht? Raucht er nicht nur deswegen, weil seine ehemaligen Schulfreunde auch geraucht haben? Geht er in die Kirche, weil er rational zu dem Schluß gekommen ist, daß die Religion wahr ist, oder nicht eher weil er es schon immer getan hat, und weil sein Freund, der Pfarrer, dort ist? Diese Liste könnte weitergeführt werden. Offenbar ist aber, Tabula Rasa ist nicht so selbstbestimmt, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Seine Entscheidungen basieren nicht so sehr auf rationaler Überlegung, als auf Tradition, Gewohnheit, Bequemlichkeit, menschlicher Schwäche, Freundschaft usw.
Man mag nun einwenden, dieser Tabula Rasa sei eben nicht wirklich autonom, weil er sich nicht von den Zwängen der Gesellschaft befreit hat, weil er gefangen ist in diesen Gewohnheiten, welche sein Leben so sehr beeinflussen. Versuchen wir also, diese Gewohnheiten nach und nach auszuschalten: Tabula hört auf zu rauchen, weil er glaubt, dies schade seiner Gesundheit. Warum aber glaubt er das? Kann er dies aus erster Hand belegen, oder stützt sich diese Meinung nicht auch wieder nur auf Vorurteile? Vielleicht beginnt er, sich mit der Materie zu befassen, studiert die Wissenschaft, und gelangt nach einigen Jahren zu dem Ergebnis, daß Rauchen vermutlich tatsächlich schädlich ist. Was aber tut er in der Zwischenzeit? Raucht er provisorisch weiter, bis er erkannt hat, daß es schädlich ist, oder läßt er es sein? Das hängt davon ab, ob er eher ein vorsichtiger Mensch ist, oder nicht. Wenn er vorsichtig ist, wird er nicht rauchen, weil es gefährlich sein könnte. Aber halt: Wie kommt er dazu, vorsichtig zu sein? Weil „Vorsicht besser als Nachsicht ist“? Aber warum? Wer hat ihm das wiederum beigebracht? Dieses Sprichwort mag er aufgeschnappt haben, und er mag sich auch daran halten. Vielleicht ist er auch einmal unvorsichtig gewesen und hat aus den Konsequenzen gelernt. Nehmen wir dies der Einfachheit halber an. Und vergessen wir auch die Frage, wie er zu der Hypothese kommt, daß seine Erfahrung repräsentativ für alle möglichen Erfahrungen ist, statt bloß ein unwahrscheinlicher Ausreißer. Nehmen wir also an, er arbeitet sich in die Materie ein, und findet heraus, daß rauchen schädlich ist, und hat bis dahin nicht geraucht, weil er vorsichtig ist.
Er versucht auch weiterhin, selbstbestimmt zu sein. Er fragt sich, ob die christliche Religion wahr ist. Sollte sich diese als korrekt herausstellen, wird er die Kirche weiter aufsuchen, wahrscheinlich sogar häufiger als zuvor. Wenn er zu dem Ergebnis kommt, die Religion sei nicht wahr, dann stellt er seine Kirchenbesuche ein. Doch wie kann er dies wissen? Er studiert also die Bibel und diverse Werke, die die relevanten Fragen diskutieren. Nach einigen Jahren der Studien kommt er zu dem Ergebnis, daß er es nicht sicher weiß, daß es beide Auffassungen gibt, und keine davon nach seiner Meinung absolut sicher richtig ist. Da er vorsichtig ist, geht er weiterhin in die Kirche (denn wenn es Gott gibt, ist es besser auf seiner Seite zu stehen, wenn nicht, ist es ohnehin egal.)
In ähnlicher Weise reagiert er im Geiste der Autonomie auch auf jede Bitte seiner Frau, indem er prüft, ob die von ihm geforderte Handlung tatsächlich sinnvoll ist. Er prüft, was seine Kinder von ihm wollen, und findet meist heraus, daß es letztlich keinen Sinn ergibt, was die Kinder wollen. Daher lehnt er es folgerichtig ab, sich von seinen Kindern in seiner Autonomie beschneiden zu lassen. Einige Jahre später läßt sich seine Frau von ihm scheiden, weil sie ihn nicht mehr ertragen kann.
Systematisch eliminiert er alle Quellen in seinem Leben, durch die er fremdbestimmt wurde. Als er alt und grau ist, stellt er fest, daß er bei weitem noch nicht fertig ist. Er akzeptiert immer noch viele Annahmen als gegeben, obwohl er sie nur von jemandem übernommen hat, ohne sie selbst kritisch zu prüfen. Noch immer glaubt er in der Regel den Worten, die er in seiner Tageszeitung liest, und hat auch noch nicht selbst überprüft, ob es überhaupt diesen Staat namens „Israel“ gibt, dessen Existenz solchen Widerstand hervorruft. Er kennt die Berichterstatter nicht, aber er vertraut ihnen aus Gewohnheit. Alt und grau sitzt er in seinem Lehnstuhl, und ihm fällt wieder ein, qua Altersgedächtnis, daß seine Eltern sich nicht nur über seinen Namen gestritten haben. Nein, mehr noch: Sein Vater hatte sich entschlossen, alle Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen, und seine Frau konnte dies nicht mehr ertragen. Überwältigt von der Parallele fragt er sich, ob er nicht die ganze Zeit, in seinem verzweifelten Kampf für seine Autonomie, fremdbestimmt war, unterbewußt oder wie auch immer. Sein Vater ist längst verstorben. Er geht zu seiner Exfrau, um sich zu entschuldigen, doch als diese nichts mehr von ihm wissen will, geht er am Stock zu Dignitas und läßt sich beim Sterben helfen.
Offenbar ist es Tabula Rasa in seinem ganzen Leben nicht gelungen, sich von den Erwartungen, Vorurteilen und Wünschen seiner Umwelt zu lösen. Sein ganzes Leben ist unauflöslich verstrickt mit den Leben anderer Menschen. Er kann seine eigenen Wünsche gar nicht von den Wünschen anderer trennen, weil alle einander beeinflussen. Selbst der Eremit hat die Zivilisation aus einem Grund verlassen, vielleicht weil sie ihn störte. Niemand auf der Welt ist selbstbestimmt. Zwei Menschen zeugen ein Kind, welches bis zur Geburt der Mutter ausgeliefert ist. Nach der Geburt ist es abhängig von der Fürsorge seiner Mutter, und bis das Kind auf eigenen Beinen stehen kann (wörtlich und bildlich) vergeht eine lange Zeit. Durch ungeheuer komplexe Interaktionen entsteht in Form von Erziehung und Sozialisation der Charakter des Menschen, seine Haut gewissermaßen, aus der er nie so recht herauskann. Alles, was er lernt, kann er nur lernen, weil er seinen Lehrern glaubt, oder aus Erfahrung. Er kann aber niemals alles erfahren. Selbst der vielseitig begabte Tabula Rasa kann nur einige Fragen in seinem Leben selbst untersuchen, und nur einige Dinge selbst erleben. Er ist immer auf Hörensagen angewiesen. Er ist auch darauf angewiesen, daß sie Menschen um ihn herum ihn akzeptieren, ihm einen Job oder zumindest Geld oder Nahrung geben. Kurz: er ist untrennbar verstrickt im Netz der Personengemeinschaft, von der Wiege bis zur Bahre. Seine Entscheidungen sind nicht selbstbestimmt, oder zumindest nicht nur. Sie enthalten immer eine überwältigende Komponente Fremdbestimmung.
Wenn nun die Befürworter der Euthanasie von der Autonomie des Patienten sprechen, und in anderen Zusammenhängen fordern, daß er etwas verfüge („Patientenverfügung“), so übersehen sie dabei absichtlich oder versehentlich das, was Aristoteles die Natur des Menschen genannt hat. Der Mensch ist nur handlungsfähig in Bezug auf eine Gesellschaft um ihn herum, und zwar insofern diese Gesellschaft das ist, wozu er sich in allem verhält (was er affirmiert, oder wogegen er sich abgrenzt zum Beispiel). Der sterbenskranke Mensch, welcher verzweifelt ist ob seiner Schmerzen und der Hoffnungslosigkeit seiner Situation, wird nicht unbeeinflußt von seiner Umwelt entscheiden können, ob er sterben möchte oder nicht. Es wird davon abhängen, wie sich seine Familie verhält, ob er überhaupt eine hat, ob sie ihm den Eindruck vermittelt, er störe, oder ob sie bei ihm ist. Es wird auch von dem Verhalten der Ärzte abhängen und aller anderen Menschen, zu denen er im Netz der Personengemeinschaft direkt oder indirekt Kontakt hat. Und es wird auch von einer Gesellschaft abhängen, in der mehr oder weniger offen debattiert wird, ob man sich nicht töten sollte, wenn man doch sich selbst und anderen zu nichts mehr nützt, ob kranke Menschen „Lebensqualität“ haben oder nicht. Die Entscheidung, ob ein Leben sich weiterzuleben lohnt, ist eine von vielen Entscheidungen im Leben einer Person. Alle Menschen aber sind als Personen zwar frei, aber nicht selbstbestimmt. Sie können sich zwar entscheiden, auch gegen den Druck, der vielleicht auf sie ausgeübt wird; aber wer sie sind, wenn sie die Entscheidung treffen, wie sie sind, und in welchem Zustand, und viele weitere wesentliche Umstände , können sie nicht bestimmen. Sie sind in Abhängigkeit frei; individuelle Sozialwesen.
3. Die Qual der Qualität
Ein Leben in seinem letzten Abschnitt ist oft von Schmerzen begleitet, fast immer von Gebrechen und Verfall. Diese Tatsache wird von den Befürwortern der Euthanasie ausgenutzt, um die Tötung dieser Menschen zu rechtfertigen, vorerst noch mit ihrer Einwilligung. (Man vergleiche meinen Artikel „Die zerbrechliche Fassade der Zivilisation„, wo ich über die Tendenz dieser schiefen Bahn schrieb, auf der die Gesellschaft unablässig hin zur Akzeptanz für nichtfreiwillige Euthanasie im Sinne Singers rutscht.)
Befürworter der Tötung alter Menschen sagen, diese hätten nicht mehr die Lebensqualität, welche ausschlaggebend sei, ob ein Leben noch lebenswert sei. Welche Vorstellung dahinter steckt möchte ich in den folgenden Zeilen untersuchen.
Menschen, die dem Tode nahe sind, denken häufiger an ihn, als andere Menschen es zu tun gewohnt sind. Menschen, die häufig in Lebensgefahr schweben, weil sie Feuerwehrleute oder Extremsportler sind, vermutlich auch. Aber macht es wirklich einen Unterschied, ob jemand an ihn denkt, wenn der Tod zuschlägt? Ist man nicht genauso tot, wenn man überraschend von einem Zug überfahren wird, wenn man von einem Augenblick auf den anderen aus dem Leben gerissen wird? Und wenn man es schwer verletzt überlebt, und nun auf Lebenszeit schwer behindert ist, wegen eines solchen Unfalls? Mit 20 Jahren und ohne Aussicht auf Besserung? Wo ist da die Lebensqualität? Würde man so einen Menschen auch bedenkenlos umbringen, wenn er es wollte? Was ist mit Kleinkindern, die es noch gar nicht selbst entscheiden können, ob sie leben möchten? In Holland, dem Paradies der Euthanasiefans, werden routinemäßig kranke Säuglinge auf Wunsch von Eltern getötet, weil die Krankheit oder Behinderung nicht in den Lebensplan der Eltern paßt. Dies ist inzwischen unter diesen Kindern sogar die häufigste Todesursache in den Niederlanden. Dahin führt die Logik der Lebensqualität zwangsläufig.
Aber wenn die Logik unausweichlich ist, dann müssen wir entweder zustimmen und sagen, daß Sterbehilfe und Euthanasie in Ordnung sind, oder die Prämissen untersuchen, auf der die Lebensqualitäts-Ethik basiert. Sie basiert auf dem Utilitarismus; das Ziel ist, den Nutzen der Menschheit oder eines Teils der Menschheit zu maximieren. Wenn ein Leben noch zu etwas zu gebrauchen ist, im Rahmen eines subjektiven oder objektiven Nutzens, dann sollte es leben; wenn es aber nicht mehr zu etwas zu gebrauchen ist, keinen Nutzen mehr hat, dann sollte es vernichtet werden. Wenn man diese Ansicht akzeptiert, stimmt man damit auch der Euthanasie zu.
Die Frage, die sich aber stellt, ist folgende: Bestimmt sich der Wert eines menschlichen Lebens wirklich nach dem Nutzen, den es für jemanden hat? Ist ein Leben wertlos, weil es niemandem nutzt? Wenn ein Patient und die Ärzte, Familie und sonstige Bezugspersonen sich einig sind, daß des Patienten Leben wertlos ist, wird es dann dadurch wertlos? Oder gehört zum menschlichen Leben nicht doch mehr dazu, als der bloße Konsens des Nutzens?
Für die Ablehnung der Lebensqualität als Entscheidungshilfe über Leben und Tod muß begründet werden, warum ein menschliches Leben auch dann noch Wert hat, wenn niemand mehr einen Nutzen von ihm hat. Auf das Argument des Mißbrauchs möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen, außer indem ich darauf hinweise, daß aus der Argumentation im ersten Abschnitt hervorgeht, daß eine solche Entscheidung niemals autonom sein kann, und damit immer manipulativ beeinflußt werden wird. Daher ist im strengen Sinne jede Euthanasie unfreiwillig, oder zumindest steht ihre Freiwilligkeit unter starkem Zweifel. Aber selbst mit diesem starken Argument ist noch immer nichts gegen die Grundidee gesagt, daß es legitim sein kann, willige Menschen zu töten.
Auch das juristische Argument möchte ich aufgrund der Tatsache, daß die Gerichte die passive Sterbehilfe konsistent als nicht strafbar ansehen, außen vor lassen. Dennoch bleibt der Selbstmord eine vorsätzliche Tötungshandlung, die nur deshalb legal sein darf, weil der Handelnde die Aktion selbst vornimmt. Hilft ihm jemand dabei, so macht er sich der Beihilfe zu einer vorsätzlichen Tötung schuldig. Doch da die Gerichte das anders zu sehen scheinen, werde ich auch dieses Argument nicht gelten lassen.
Es bliebe noch das religiöse Argument, welches von Bischof Mixa in der Diskussion bei Anne Will vorgetragen wurde. Das „unnütze“ menschliche Leben hat immer noch Wert an sich, weil Gott den Menschen erschaffen hat, und nur Gott das Recht hat, dieses Leben, wann immer er will zu nehmen. Eine Handlung, deren Zweck die Tötung eines Menschen ist, ist daher christlich nicht zu rechtfertigen. Leider hilft uns dieses Argument auch noch nicht weiter, weil es zwar unter der Prämisse der christlichen Religion richtig ist, aber die große Mehrheit der Deutschen nicht oder nur aus Gewohnheit, statt aus Überzeugung, Christen sind.
Was bleibt also? Hat der Mensch am Ende, zumindest aus nicht-christlicher Perspektive, keinen Wert an sich? Der Mensch hat Wert an sich, er hat Würde, und damit ein Lebensrecht, das von niemandem genommen werden darf, nicht einmal von dem Menschen selbst, weil er Person ist. Personen sind Lebewesen, die im gesunden, vollständig ausgeprägten Zustand Intentionalität und Selbstbewußtsein besitzen, also zum Beispiel alle Menschen. (Ich möchte an dieser Stelle nicht in die Wirrungen des Naturbegriffs zu tief einsteigen, daher bleibe ich bei dieser Annäherung an die Definition der Personalität, die Spaemann überzeugend in seinem Werk „Personen“ darlegt.) Als Personen besitzen sie, dies ist unumstritten in der philosophischen Diskussion, eine besondere Würde, welche auch ein Lebensrecht beinhaltet. Nun mag es diskutabel sein, daß eine Person ihrer Verantwortung gegen andere Personen ausweicht, indem sie sich selbst tötet. Aus meiner Sicht ist dies nicht statthaft. Doch in dieser Frage kann man zweifeln und mit guten Gründen anderer Auffassung sein, ohne von der Menschenwürde Abschied zu nehmen.
Was nicht mehr diskutabel ist auf der Basis der Annahme einer Menschenwürde, ist daß andere Menschen bei diesem Ableben behilflich sind. Wenn A sich sein eigenes Leben nimmt, aus eigener Kraft und ohne das Wissen von B, so liegt der klassische Suizid vor. Weiß B aber von der Absicht des A, und unterstützt diese, oder führt den Tötungsakt gar selbst aus, verletzt sie die Integrität der Person A, da die Personalität des A unabhängig von seinem Willen besteht. Personen können über alles in ihrem Leben entscheiden, aber nicht über ihr Leben. Durch die Unveräußerlichkeit der Menschenrechte und der Würde aus denen sie erwachsen (und Menschenrechte sind essentiell immer Rechte von Personen, weil Menschen Rechte zukommen, insofern sie Personen sind), ist es einer Person also nicht möglich, insofern sie Person ist, ihr Lebensrecht zu veräußern. Dies kann sie als Person niemals tun, ebensowenig, wie sie sich selbst in Sklaverei verkaufen könnte. Leben und Freiheit sind die beiden Umstände, deren Unveräußerlichkeit Personen in letzter Konsequenz von anderen Lebewesen unterscheiden. Denn was ist Intentionalität, wenn nicht der Ausdruck eines Willens, einer Absicht, einer Intention?
4. Konklusion: Leben ist Sterben
Leben und Freiheit kann die Person also niemals permanent veräußern, auch nicht um Schmerzen zu entgehen. Das Argument der Schmerzfreiheit zieht daher ebenfalls nicht.
Ein Leben menschenwürdig zu beenden muß daher immer bedeuten, daß es auf natürliche Weise ausklingt, und nicht daß es künstlich beendet wird. Wenn heute vom menschenwürdigen Sterben gesprochen wird, so verschleiert diese zynische Formel, daß dabei das menschenwürdige Leben abgeschafft werden soll. Ein Leben menschenwürdig zu beenden bedeutet immer, daß man anerkennt, daß jedes Leben endlich ist.
In der Diskussion bei Anne Will wurde mehrfach von einer Krankheit gesprochen, die zum Tode führt, und in solchen Fällen wurde geltend gemacht, daß es unzumutbar sei, eine solche Krankheit bis zum bitteren Ende zu durchleben. Doch jede Krankheit führt zum Tod. Und jedes Leben führt zum Tod. Leben ist Sterben. Jedes Leben ist vom Moment der Zeugung an ein wildes Hin-und-her, welches wenige Konstanten birgt, nur sein Ende ist bekannt. Wenn dies in einer Gesellschaft in Vergessenheit gerät, weil die Menschen sich hinter Konsumtempeln und Selbstverwirklichungsschimären verstecken, dann können wir uns alle direkt selbst aufhängen. Leben ist nur insofern Leben, als es Sterben ist. Zu jedem Entstehen gehört ein Vergehen. Jeder Anfang hat ein Ende. Dies macht es nicht leichter, dies jeweils zu ertragen, weder für die Angehörigen, noch für den Menschen selbst, welcher nun Schmerzen leidet. Aber eine Diskussion zu führen, ob das Leben für ihn denn noch lohnt, macht es sicher auch nicht leichter.
Als letztes bleibt noch zu sagen, daß die FRage des Lebensrechts nicht bei alten Menschen endet. Letztlich ist es dieselbe Frage, die sich bei Abtreibung, Euthanasie, Sterbehilfe, verbrauchender Forschung an Embryonalen Stammzellen und vielen anderen Themen stellt: Hat das menschliche Leben einen Wert an sich, auch und gerade insofern es immer ein endendes Leben ist, und zu gleich ein Beginnendes, oder ist der Mensch eine Art Nutztier, welches „gekeult“ wird, wenn es nicht mehr genug „Qualität“ hat?
Catocon beantwortet diese Frage mit einem klaren: Der Mensch hat als Person einen unveräußerlichen Wert an sich, eine Würde, welche Leben und Freiheit dem Zugriff Aller, ihm selbst inklusive, entzieht. Vermutlich würden Bischof Mixa und Frau Göring-Eckhardt dies ähnlich sehen, wenn auch vielleicht aus anderen Gründen. Im Gegensatz zu diesen beiden, habe ich aber versucht, diese Position argumentativ darzulegen, und nicht mich auf die Irrungen der Feinde des Lebensrechts eingelassen, um dann kläglich als widerlegt gelten zu können.
Wenn das Lebensrecht eine Chance haben soll, dann müssen auch die in der Öffentlichkeit stehenden Verteidiger ihre Scheu vor der Argumentation ablegen. Schöne Gemeinplätze werden die grauenhafte Profession der Pseudo-Menschenfreunde nicht ins Abseits drängen.