1. Einleitung: Hat Hessen gewählt?
Alle reden vom Denkzettel für den Wortbruch von Ypsilanti, zumindest in den Medien. Aber hat die Hessen-Wahl wirklich so viel damit zu tun? Klar, es gibt eine noch niedrigere Wahlbeteiligung, die noch einmal unter dem Ergebnis des letzten Jahres lag, was selbst schon ein Negativrekord war. Aber diesen Trend gibt es schon seit langem, schon seit den Siebzigern gehen die Wahlbeteiligungen meistens zurück. Klar, die FDP hat sich nach der Bundestagswahl 2005 an ihre Aussage, keine Ampel zu machen, gehalten. Und auch nach der letzten Landtagswahl blieb sie bei ihrer Vorwahlaussage. Dies mag ihr auch genutzt haben, ihr altes Umfallerimage abzulegen. Aber ist der Sieg der FDP (fast 17%) wirklich allein darauf zurückzuführen? Wenn ja, warum haben dann die Grünen im gleichen Maße zugelegt, obwohl auch sie in gewisser Weise in das (in der Öffentlichkeit so dargestellte) Ypsilanti-Desaster verwickelt waren?
Wenn die Medien nicht vom Denkzettel für die SPD reden, dann reden sie vom Koch-Denkzettel, denn er habe sein Wahlergebnis zwar relativ gesteigert, dank niedriger Wahlbeteiligung aber absolut weniger Stimmen erhalten, als im Vorjahr. Ist dies jetzt eine Koch-Niederlage? Dabei hat die CDU schon seit langem in Hessen Ergebnisse rund um die 40%, oft darunter, eingefahren; Ausnahme war nur die Hartz-IV-Protestwahl im Jahre 2003, als die CDU allenthalben riesige Protestwählerpotentiale einstreichen konnte. Dabei hat die FDP einen gnadenlosen Koalitionswahlkampf betrieben. FDP geht nur mit CDU, soviel war klar, schon vor der Wahl. Ein großer Teil des „schlechten“, also bloß mittelmäßigen, CDU-Wahlergebnisses geht auf das Konto dieses Zweitstimmeneffekts.
Aber, eines stimmt schon: Wenn die Leute mit Koch zufrieden gewesen wären, dann hätten sie gleich die CDU gewählt, denn eine Gefahr, daß die FDP nicht in den Landtag einzieht, bestand zumindest diesmal nicht. Da die Überhangmandate in Hessen ausgeglichen werden, war auch taktisches Stimmensplitting nicht so aussichtsreich, wie noch bei der Bundestagswahl 2005. Und wenn die Leute mit der SPD zufrieden gewesen wären, hätten sie auch die SPD wählen können, nicht die Grünen. Und wenn die Leute mit der Politik allgemein zufrieden gewesen wären, wenn sie eine Alternative für sich gesehen hätten, wären sie vielleicht wählen gegangen, statt daheim zu bleiben.
2. Politikverdrossenheit?
Nur greifen gerade deswegen alle kurzfristigen Erklärungen zu kurz. Die Wahlbeteiligung sinkt nicht unbedingt, weil die Bevölkerung mit einer bestimmten Person, einem bestimmten Programm oder einer bestimmten Partei unzufrieden wären. Der größte Teil der Nichtwähler geht einfach nicht wählen, weil er „keinen Bock hat“. Er interessiert sich nicht für Politik, er hat Besseres zu tun, oder ist einfach faul. Er glaubt nicht an staatsbürgerliche Pflichten, die Rechte des Staatsbürgers übt er nicht einmal aus – aber die Vorteile des Staatsbürgers, die möchte er schon gern haben.
Diese seltene Kreatur, der desinteressierte Nichtwähler, ist inzwischen bei den meisten Wahlen stärkste politische Kraft in Deutschland. Exemplare dieser Spezies überfluten die Straßen und führen das alte Prinzip des allgemeinen Wahlrechts ad absurdum. Bei den Bundestagswahlen von 1972 gingen 91% der Bürger wählen. Bei den Wahlen davor waren es ähnlich viele. Heutzutage liegt die Beteiligung bei Bundestagswahlen unter 80, vielleicht bald unter 70%. Selten geht ein Drittel bei den Kommunalwahlen zur Wahl. Und das Problem ist nicht unbedingt Unzufriedenheit mit der Politik im speziellen – um politikverdrossen zu sein muss man Politik kennen. Irgendwann ist einem das verachtenswerte Pöstchengeschacher, die Korruption und Inkompetenz der meisten Politiker vielleicht zu viel, und man verfolgt die Politik einfach nicht weiter. Aber der Anteil der Nichtwähler steigt weder mit dem Alter noch mit der früheren Beteiligung in Parteien. Die meisten Nichtwähler finden sich in der jüngsten Altersgruppe.
Dies läßt den Schluß zu, daß der typische Nichtwähler gar nicht erst beginnt, sich mit Politik zu befassen. Kommt dieses Geschöpf also zu seiner Politikverdrossenheit, wie die Jungfrau zum Kinde? Oder ist die Ablehnung der Politik als solcher verbunden mit einer viel allgemeineren Ablehnung von etwas, was der junge Staatsbürger schon kennt?
Sollte dies der Fall sein, dies möchte ich an dieser Stelle festhalten, hätte dies einige Konsequenzen für die Reaktion auf die Nichtwähler: Es ist sinnlos, mehr direkte Demokratie einzuführen, damit Leute, die in ihrer großen Mehrheit davon gar nicht Notiz nehmen, direkte Beteiligung üben können. Die Nichtwähler wollen keine Beteiligung, schon diejenige, die sie ausüben dürften, ist ihnen zuviel. Es ist ebenso sinnlos, die Leute ausbilden zu wollen in den Schulen; sie mit irgendwie praxisnahen Beispielen zur politischen Aktivität zu erziehen. Dies ergäbe erst dann Sinn, wenn die noch zu suchende eigentliche – präpolitische – Ursache der Nichtwahl entfernt worden wäre.
3. Informationsdefizit?
Es mag sein, daß viele Nichtwähler gar nicht merken, wann gewählt wird. Sie würden ja vielleicht wählen gehen, wenn sie wüßten, daß überhaupt gewählt wird. Aber mehr Berichterstattung wäre auch zwecklos, denn erstens würde sie die Zielgruppe gar nicht erreichen – denn wer schaltet bei Nachrichten als erstes weg? – und zweitens, selbst wenn der Nichtwähler vom Wahltermin vorher erführe – träfe er dadurch in Abwesenheit eines Eigeninteresses an Information über die Parteien und Programme eine echte Wahlentscheidung?
Die gesellschaftliche Reaktion auf das Phänomen der (im Wortsinne) „schweigenden Mehrheit“ der Nichtwähler muß sich an der Ursache der Nichtwahl ausrichten. Diese kann, wie bereits festgestellt, in der Mehrzahl der Fälle nicht eine selbst erfahrene Ablehnung des jetzigen politischen Prozesses, seiner Akteure oder Inhalte sein – mangels Kenntnis derselben. Handeln muß es sich also entweder um eine nicht selbst erfahrene Ablehnung eines oder mehrerer der genannten Elemente, oder um eine Ablehnung, die selbst gar nichts mit Politik per se zu tun hat.
Gibt es eine allgemeine Stimmung in diesem Lande, die politische Beteiligung als unsinnig ansieht, und die Jugendliche dazu animieren könnte, das Wahlrecht nicht zu nutzen? Dafür spräche natürlich, daß die Wahlverweigerung vorwiegend in Gebieten stattfindet, in denen soziale und familiäre Probleme die Norm sind – im Osten mehr als im Westen, in Städten mehr als auf dem Land, in Problembezirken mehr als ihn wohlhabenderen Bezirken. Dagegen spricht der ständige Chor der Öffentlichkeit, wählen zu gehen. Aber dringt dieser tatsächlich bis in eine Umgebung durch, in der kein Wert auf so altmodische Dinge wie Bürgertugenden gelegt werden? Findet er wirklich auf Kanälen statt, die von Jugendlichen gesehen werden, und in denen die Helden nicht Bismarck, Ebert, Adenauer und Brandt (Achtung: Politproporz, damit niemand aus meinem Argument aussteigt, weil er sich unterrepräsentiert fühlt!) heißen, sondern die entstellten Namen moderner Hip-Hop-“Künstler“ tragen? Der Chor der selbsternannten Zivilgesellschaft ist nicht nur nutzlos – er dient, dies möchte ich behaupten, zuweilen gar als Abschreckung.
Offenbar gibt es eine allgemeine Tendenz, die vom Wählen abhält. Aber ist das alles? Wenn die jungen Bürger mehr ARD und ZDF sehen müßten, und gelegentlich Zeitung läsen, wäre die Wahlbeteiligung dann wieder wie in den Siebzigern? Wenn in allen Schulen obligatorisch jeden Tag eine Zeitung gelesen werden müßte, und alle ab der 6. Klasse täglich dabei überprüft würden, ob sie es täten, und jeden Abend ein Treffen für Tagesschau und Heute-Journal existierte, alle definitiv von den Wahlen wüßten, und so gut die Programme der Parteien kennten, wie das kleine Einmaleins, wie hoch wäre die Wahlbeteiligung dann? Ich möchte meinen, sie sänke gar noch, weil die Ablehnung gegenüber dem System, das den Kindern so etwas aufzwänge enorm wäre – zumindest unter den inzwischen wahlberechtigten Kindern.
Es scheint, als reichte das Unkenntnisargument selbst in dieser Verkleidung noch nicht aus. Niemand wird aktiv am Wählen gehindert, jeder kann wählen gehen, wenn er will. Wenn es nicht, oder bei weitem nicht nur, an der Information liegt, woher kommt die ablehnende Stimmung gegenüber dem politischen System dann? Oder ist es am Ende gar keine ablehnende Stimmung gegenüber dem politischen System mehr? Denn auch hier gilt: die Nichtwähler kennen das System gar nicht, das sie ablehnen; aber sie würden es auch ablehnen, wenn sie es kennten.
4. Ablehnung bestimmter Arten von Systemen?
Dies kann nur erklärt werden als Ablehnung des Systems nicht aufgrund seiner Spezifika, sondern als Ablehnung des Systems als politisches System. Und die Ablehnung macht nicht halt beim politischen System. Ebenso abgelehnt wird auch das Schulsystem – man sehe sich die Abbrecherquoten und das Schülerverhalten einmal an! – und das Wirtschaftssystem. Die Ablehnung des Wirtschaftssystems äußert sich auch darin, daß selbst wenn es einen Ausbildungsplatz für einen Jugendlichen gibt, dieser oft seine Pflichten nicht ernst nimmt. Viele brechen einfach wieder ab, können sich, wie sie dann gern sagen, einfach nicht mehr motivieren, oder behaupten irgendwelche Ausflüchte. Diese mögen in manchem Einzelfall sogar zutreffen, in der Gesamtheit jedoch nicht. Man kann wohl nicht ernsthaft behaupten, daß die Schulabbrecher und – unruhestifter andere seien als diejenigen, die dasselbe in der Wirtschaft tun, oder dasselbe – nämlich Verweigerung – in der Politik. Offenbar sind es dieselben Leute – zumindest mit einem großen Überschneidungsbereich zwischen diesen drei Gruppen.
Andererseits werden manche Systeme nicht abgelehnt. Das Sozialsystem zum Beispiel – auch Nichtwähler haben es gern, nachdem sie die Schule abgebrochen haben und die Ausbildung auch, nachdem sie keinerlei familiäre Unterstützung haben, weil sie vielleicht aus einer zerrütteten Familie kommen, wenn Vater Staat die schützende Hand über sie hält und ihnen genug Geld zuweist, damit sie einigermaßen durchkommen können. Das Sozialsystem dient im Rahmen des traditionellen deutschen Systems, welches starke Anleihen bei der Christlichen Soziallehre nimmt, dazu, soziale Notlagen zu lindern, die anders nicht gelindert werden können. Subsidiarisch springt dann der Staat ein, hilft in der Not, und in letzter Konsequenz auch dem, der gar keine Gegenleistung erbracht hat – und sogar dem, welcher eine solche Gegenleistung gar nicht erbringen will. Und das ist, wie der Regierende Bürgermeister von Berlin in einem ganz anderen Zusammenhang einmal gesagt hat, auch gut so. Dennoch muß festgestellt werden, daß das Sozialsystem in seiner traditionellen Form – und in wesentlichen Teilen existiert es allen Reformen zum Trotz noch immer – sich dadurch von allen anderen Systemen unterscheidet, daß es jedem Menschen Hilfe gewährt, ohne eine Gegenleistung von diesem zu fordern. (Natürlich bieten Sozialsysteme gewisse Anreize, dennoch einen Beitrag zu leisten, z.B. durch Aufnahme einer steuer- und sozialabgabenpflichtigen Arbeit, aber selbst unter Hartz IV kann die Versorgung mit dem physischen Existenzminimum aufgrund der Menschenwürde nicht gestrichen werden.)
Dieser Unterschied zwischen dem Sozialsystem und allen anderen Systemen sticht heraus bei der Frage, warum das Sozialsystem anders als das Bildungs-, Wirtschafts- und Politiksystem nicht abgelehnt wird: es erfordert nicht zwingend eine Beteiligung, um von ihm zu profitieren. In dieser Hinsicht ist ihm das politische System des Wahlrechts ohne Wahlpflicht noch am nächsten, da eine Nichtbeteiligung keinerlei Sanktionen mit sich bringt. Die Beteiligung, dies ist aber dennoch festzustellen, wird zunehmend abgelehnt.
Und ist es nicht letztlich auch im Sozialsystem so? Insofern eine Mitarbeit gefordert wird, ob in Form des „aktivierenden Sozialstaats“, welcher von der letzten Schröder-Regierung so gepriesen wurde, oder in Form anderer Verpflichtungen – sobald etwas gefordert wird, sinkt die Akzeptanz, steigt die Ablehnung an. Nicht gegen die entwürdigenden Hausbesuche der Hartz-IV-Kontrolleure protestierten die Leute 2003, sondern gegen ihrer Ansicht nach zu geringe Leistungen, und zu viele Anforderungen an Sozialleistungs-Empfänger. Denn die Hausdurchsuchungen, sogar in Abwesenheit der Bewohner, Verwanzungen, Online-Durchsuchungen und sonstige Eingriffe in die persönliche Freiheit werden stillschweigend geduldet von denselben Personen. Vermutlich, weil es keine Beteiligung erfordert: ich frage mich, ob es mehr Demonstrationen gegen die Schäuble-Schily-Gesetze gäbe, wenn man die Abgehörten dazu zwingen würde, ihre Häuser selbst zu verwanzen…
5. Ablehnung von Einsatz und Mühe?
Ich erinnere mich an keine Demonstration gegen den enormen Wohlstand, der ohne Industrialisierung und freie Marktwirtschaft, ohne Kapitalisten und Kapitalismus gar nicht möglich gewesen wäre. Ich entsinne mich ebensowenig einer starken Ablehnung gegen die Vorteile einmal erlangter Bildung, ob am Arbeitsmarkt, oder sonstwo. In beiden Fällen wird erst dann protestiert, setzt die habituelle Ablehnung erst dann ein, wenn etwas von den Betroffenen gefordert wird: Beteiligt euch am wirtschaftlichen System, lernt etwas, geht wählen, bringt eine solidarische Gegenleistung (und sei sie nur symbolisch), helft in eurer Familie (falls ihr so glücklich seid, eine zu haben) und so weiter.
Die stärkste Ablehnung wird vielleicht dem moralischen System entgegengebracht. Seine Essenz besteht darin, daß durch das System selbst eine Handlungsempfehlung entsteht. Du sollst jetzt lernen, nicht weil die Polizei kommt, wenn du es nicht tust, sondern weil es gut ist, zu lernen. Solcherlei Imperative erfordern oft ein hohes Maß an charakterlicher Stärke, weil die Aufgabe der Moral gerade darin besteht, in den Situationen dem Gewissen rationale Argumente an die Hand zu geben, in denen es selbst zu schwach wäre, gegen die Antriebe und Wünsche des Menschen sich durchzusetzen. Dennoch so zu handeln, daß es richtig ist, obwohl es einfacher und bequemer wäre, anders zu handeln, darin zeigt sich der Erfolg der Moral. Wenn man die Gelegenheit dazu hätte, gefahrlos seine Ehefrau zu betrügen, ihr dann treu zu bleiben, ist sicherlich nicht leicht – gegeben die Stärke des durchschnittlichen männlichen Sexualtriebs. Hat man dazu gerade noch Eheprobleme, sich eben noch gestritten, sowieso einen schlechten Tag gehabt, und ist die „willige Partnerin“ attraktiv genug, dann handelt es sich um eine heroische Aufgabe für das Gewissen, den menschlichen Primärwillen zu besiegen. In solchen Fällen brauchen die allermeisten Menschen eine starke moralische Überzeugung, um das Richtige zu tun.
Eine solche Überzeugung zu erlangen dauert seine Zeit, erfordert viel Mühe, und ist im Allgemeinen nicht, was bequem ist. Es erfordert Aktivität, Reflexion über schwierige Themen und vieles mehr. Religion bietet eine relativ einfach verständliche Möglichkeit der Aneignung der notwendigen Moral, sofern man sich auf sie einläßt, und sich an ihr beteiligt. Ohne die Hypothese Gott ist die Begründung von Moral ein kompliziertes Thema für Philosophen, welches definitiv außerhalb der Horizonts dieses Artikels liegt. In jedem Fall aber passiert die Aneigung eines Wertesystems, in dem nicht nur eigene Bedürfnisse, sondern auch andere Personen und ihre Würde vorkommen, nicht von allein. Und ihr Nutzen erschließt sich auch erst nachdem man einen großen Teil der Aneignung vollzogen hat. Denn im strengen Sinne „nutzt“ moralisches Verhalten in dem kurzfristigen Zeitfenster, das der Mensch relativ gut vorhersehen kann, eben nicht.
Es ist daher nicht verwunderlich, und steht im Einklang mit der hier vorgetragenen Hypothese, daß das moralische System von allen Systemen die stärkste Ablehnung erfährt – knapp gefolgt von einem eng verwandten System: dem religiösen System.
Und auch hier: es gibt keinen Aufstand gegen das moralische Verhalten anderer, solange es nicht störend wird. Über die fehlende Bereitschaft anderer Menschen, dritten zu helfen, wird gern geschimpft. Die egoistischen Walfänger aus Japan, die egoistischen Manager, die gewissenlosen Politiker, die faulen Lehrer usw. Überhaupt ist Egoismus – als Eigenschaft anderer Menschen – eines der Modewörter unserer Zeit.
Abgelehnt werden also tatsächlich Systeme insofern sie Beteiligung verlangen. Insofern sie verlangen, etwas zu tun, statt bloß etwas zu bekommen. Erfolg im wirtschaftlichen System des Kapitalismus erfordert Einsatz, Durchsetzungsfähigkeit, Kompetenz und einige weitere Faktoren, darunter sicher auch Beziehungen und Glück. Viele bringen dies nicht auf, also wird das System als solches kritisiert. Der Kapitalismus sei zu einem Machwerk egoistischer Eliten geworden, in dem nur die Interessen der Wenigen repräsentiert sind, in dem nur die Ausbeuter noch Macht haben. Also muß das Schmiermittel des Kapitalismus, das Geld, umverteilt werden, so daß alle das gleiche haben, und niemand „mehr hat“ als sein Nachbar. Daß solche Systeme nicht funktionieren, und letztlich immer zu diktatorischen und verbrecherischen Regimen geführt haben, ist ja nicht so wichtig – falls es überhaupt noch bekannt ist, denn die aktive Beteiligung am Bildungssystem wird ja auch abgelehnt.
6. Problem System?
Analog wird auch das politische System abgelehnt. Es gibt soziale Probleme in der Welt – unbestreitbar gibt es sie in Übersee, aber auch hierzulande. Und der Kapitalismus hat seine Fehler. Ich verbringe einen Teil meiner Zeit auf diesem Blog mit der Kritik an unserem Schulsystem, und Politik kommt nur deswegen relativ kurz, weil ich sonst jeden Tag 24 Stunden über die Fehler der Politik schreiben müßte. Diese Probleme stellen sich für die Nichtwähler natürlich gar nicht. Das Problem ist pauschal sowieso das System, und alles andere ist egal.
Die Löhne sinken, die Arbeitslosigkeit steigt, die Wachstumsraten schrumpfen. Schuld ist der Kapitalismus. Schuld ist die Politik. Wir brauchen einen Politikwechsel und mehr staatliche Interventionen, um das Problem zu lösen.
Immer mehr funktionale Analphabeten, Gewalt an Schulen, immer schlechtere Kenntnisse selbst in elementaren Fächern? Schuld sind die Lehrer. Und schuld ist natürlich die Politik. Deswegen brauchen wir mehr staatliche Gelder, mehr Interventionen, um das Problem zu lösen.
Terrorismusgefahr, hohe Kriminalität, Korruption auf allen Ebenen? Schuld sind die Politiker, wir brauchen also einen Politikwechsel, und mehr Überwachung, mehr staatliche Intervention.
Das Muster sollte klar sein. Schuld ist immer irgendein System, und die Politik wird mit dem unmöglichen Auftrag bedacht, die Probleme zu lösen. Daß das System schuld ist liegt wohl auch daran, daß dieser Vorwurf so pauschal ist, daß keinerlei Kenntnisse der Sachlage notwendig sind. Das System gibt es immer, also ist es auch immer schuld. Eine genaue Betrachtung der Ursachen der aktuellen WIrtschaftskrise zeigt ein sehr differenziertes Bild vieler zusammenhängender Ursachenkomplexe – eine schwierige Realität für diejenigen, welche keine Mühe in die Beschaffung von Informationen stecken, so daß die Systemkritik derzeit wieder eine Renaissance erlebt, allerdings natürlich in degenerierter, vulgärer Form.
7. Konklusion: Wahlverweigerung als Nebenwirkung des Gleichheitswahns
Wie kann man also auf die sinkenden Wahlbeteiligungen reagieren? Offenbar liegt das Problem in einer Haltung großer (und wachsender) Teile der Gesellschaft, welche das Konzept der Mühe, der Beteiligung an unangenehmen Dingen, als solches ablehnen. Das System ist ohnehin schuld, warum soll ich mich noch beteiligen? Wie kann man also der Vorstellung begegnen, daß ein System, welches Beteiligung, Mitarbeit, Mühe verlangt, damit man in vollem Umfang von ihm profitieren kann, per se illegitim sei, eben weil es ungerecht sei, dadurch daß nicht allen Menschen gleiche Chancen eingeräumt werden? Wie kann man die Vorstellung bekämpfen, daß eine Welt ohne gebratene Tauben, die einem ins Maul fliegen, a priori eine ungerechte Welt ist?
Mit anderen Worten: Wie bekommt man es hin, daß alle Menschen verstehen, daß diejenigen aus wohlhabenden Familien immer bessere Lebenschancen haben werden, als diejenigen aus ärmlichen, zerrütteten Verhältnissen, es sei denn man enteignet alle gewaltsam? Daß intelligenten Menschen der Lernstoff in Schulen zufliegen mag, aber die meisten einfach büffeln müssen – und daß dies kein ungerechter Zug des Schulsystems ist, sondern eine einfache Tatsache der menschlichen Natur? Und daß auch die Kinder reicher Eltern tendenziell immer höhere Abschlüsse erreichen werden, als Kinder armer Eltern, allein schon aufgrund der Bildungsverteilung der Eltern? Wie kann man den Menschen begreiflich machen, daß es natürliche Unterschiede zwischen Menschen gibt, deren Einebnung allen schadet, nicht nur denen, die vorher einen Vorteil in einem bestimmten Zusammenhang hatten?
Solange solche Fragen nicht geklärt werden können, wird die Wahlbeteiligung weiterhin sinken, weil immer mehr Menschen niemals gelernt haben, daß niemand ein Recht hat, der Größte zu sein, der Intelligenteste, der Reichste, der Mächtigste usw. Es ist nicht die Aufgabe dieses Artikels, nach Ursachen für die Auffassung zu forschen, daß jede statistische oder empfundene Ungleichheit (1) eine Ungerechtigkeit ist, die (2) ihre Ursachen im System hat, (3) die Ablehnung des Systems rechtfertigt, und (4) einen staatlichen Handlungsimperativ darstellt. Klar ist aber, daß diese Auffassung von der prinzipiellen Unmöglichkeit gerechter Ungleichheiten ebenso falsch wie verheerend ist, und zu einer Haltung im Leben führt, welche auf jeden erfahrenen Nachteil im Leben nicht mit einer erneuten Anstrengung, es trotz empfundener Benachteiligung allen zu zeigen reagiert, sondern mit dem Ausruf, daß das System schuld an allem ist, und der Staat es doch bitte richten möge.
Dies ist, als Nebenbemerkung, übrigens kein alleiniges Merkmal heute als „links“ empfundener Menschen. Denn die realen Probleme in den neunziger Jahren brachten die Neoliberalen, die sich selbst dezidiert nicht als links empfinden, dazu, einen totalen Systemwechsel zu fordern. Der Unterschied besteht hier nur darin, daß nicht Ungleichheit sondern empfundene Ineffizienz des Wirtschaftssystems die Ursache für die revolutionären Aspirationen war.
Diese gerade genannte Vorstellung sieht es als Aufgabe der Gesellschaft und des Staates an, dem Individuum alles zu geben, was es haben möchte, auf daß es konsumiere, sich freue und hedonistisch verstandene Lust empfinde. In dieser Vorstellung wird der Staat unweigerlich zum Diktator menschlicher Handlungen, welcher es mit all seinen Experten im übrigen sowieso besser weiß, als der Bürger. Warum also dann noch wählen? Eine Gesellschaft, die auf diese hohle Weise die was-bringt-es-mir-Frage zum alleinigen Handlungskriterium erhebt, braucht sich über schwindene Beteiligung nicht zu wundern.
Rational betrachtet muß man sich natürlich fragen, ob eine solche Gesellschaft nicht auch ganz andere langfristige Probleme hat, vor denen sie sich fürchten muß. Die geringe Wahlbeteiligung ist Symptom einer verbreiteten gesellschaftlichen Auffassung, welche persönlichen Einsatz auf Kosten kollektiver Versorgung (Modewort: „Betreuung“!) abwertet. Solcherlei Ideen führen auf wesentlich ernsthaftere Probleme als die freiwillige Wahlverweigerung einer Gruppe ungebildeter, uninformierter, desinteressierter und charakterschwacher Bürger.
Was auch immer man aus der Hessenwahl mitnehmen mag, es ist nicht das, was die Medien sagen werden, oder zumindest im Wesentlichen nicht. Denn die Wahl, wie fast alle anderen, kennt eine neue stärkste Partei – erstmals in Hessen: die Nichtwähler. Und ihr Programm wird viele Probleme aufwerfen, und hat es schon. Die wesentliche Lehre aus der Hessenwahl ist in der Wahlbeteiligung zu finden, aber nicht daß sie niedrig ist an sich, sondern warum sie so niedrig ist, warum sie immer weiter sinkt, und was das für die Gesellschaft bedeutet.