Israel führt seit einiger Zeit Krieg gegen Hamas. Hamas ist eine abscheuliche Terrorgruppe und Israel ist ein legitimer Staat. Ich stimme Dennis Prager weitgehend in seinem Argument zu, mit dem er Israel für die Kriegspartei hält, die moralisch gesehen im Recht ist. Sein Artikel ist lesenswert, fast unabhängig von der Frage, wie man persönlich zum Krieg in Nahost stehen mag.
Die Angriffe der Hamas auf israelischem Gelände, die gelegentlichen Selbstmordattentate und vieles mehr sind schreckliche Verbrechen. Ferner gibt es aus meiner Sicht unzweifelhaft gerechte Kriege, also Kriege deren Führung moralisch zulässig oder gar geboten ist. Ein Beispiel wäre der zweite Weltkrieg. Viel Leid hätte eventuell verhindert werden können, wenn man nicht erst im Geiste des Appeasement darauf gewartet hätte, bis Hitler kriegsbereit war, sondern beim ersten Anzeichen, was Hitler vorhatte, zugeschlagen hätte. Dies wäre spätestens nach der Remilitarisierung des Rheinlandes möglich gewesen.
Doch selbst wenn man Pragers Gleichsetzung der moralischen Rechtfertigung der Taten von Hitler und Hamas akzeptiert (was ich nicht tue, zumindest nicht ohne Einschränkungen), und selbst wenn man den zweiten Weltkrieg für gerechtfertigt hält, dann bedeutet dies noch lange nicht einen Blankoscheck für israelische Bodentruppen, oder überhaupt nur einen Krieg gegen die Terrorgruppe Hamas.
Denn Pragers Irrtum liegt nicht so sehr auf der moralischen Seite, sondern auf der praktischen. Terrorismus zu bekämpfen ist eine moralisch angemessene Aufgabe. Wer einen Terroristen an einem Attentat hindert, durch das viele Menschen hätten sterben können, tut eine gute Tat. Wer eine Terrorgruppe zerschlägt, tut eine ebenso gute Tat. Aber zerschlägt Israel auf diese Weise Hamas? Hamas mag ein Interesse an der weiteren Eskalation haben, um mehr Nachwuchs zu erzeugen, den Hamas verwenden kann, um Israelis zu ermorden und andere grauenhafte Akte zu begehen. (Israel hat dieses Interesse sicherlich nicht!) Doch Eskalation führt gerade in asymmetrischen Kriegen immer zu Mobilisierung auf beiden Seiten. Daher wird ein langer Bodenkrieg das Terror-Reservoir der Hamas gegen Israel immer weiter erhöhen, nahezu unabhängig davon, wie viele Terroristen Israel verhaftet, oder im Krieg besiegt.
Hamas ist eine Volksbewegung in Palästina, keine Splittergruppe. Hamas hat die letzten freien Wahlen in den Autonomiegebieten deutlich gewonnen. Die Mehrheit der Palästinenser unterstützt bereits die Bewegung gegen Israel, die Bewegung, man muß es so deutlich sagen, die letztlich zumindest nichts einzuwenden hätte gegen die Ausrottung Israels. An einem weiteren Zulauf kann niemandem gelegen sein. Ferner sind die Zivilisten, die Hamaskämpfer gern als Schutzschilde benutzen, hinter denen und in deren Wohnungen sie sich verstecken, häufig zumindest stillschweigende Sympathisanten. Und Fische schwimmen im Wasser ebenso gut, wie Terroristen in einer sympathisierenden Öffentlichkeit. Hätte die RAF seinerzeit so viel Rückhalt in Deutschland gehabt, wie Hamas in Palästina, so wäre Kohl nie Bundeskanzler geworden, weil vorher der Bürgerkrieg ausgebrochen wäre.
Mit anderen Worten: Israel mag das Recht haben, sich gegen die Hamas zu verteidigen, aber dieses Recht findet seine Grenzen in dreierlei:
1. Der Praktikabilität der Mittel: Ein Mittel, das gegen Hamas eingesetzt wird, muß für den Kampf gegen Terrorgruppen geeignet sein. Olmert begeht denselben Fehler wie Bush und viele andere, wenn er glaubt, eine Terrorgruppe mit Mitteln der klassichen Kriegsführung bekämpfen zu können. Der amerikanische Militärhistoriker William S. Lind, und andere in seinem Gefolge, bezeichnen diese neue, dezentralisierte Art der Kriegsführung als „fourth generation warfare„. Diese Art der Kriegsführung kann nicht mit Mitteln der dritten Generation bekämpft werden, ähnlich wie vor einiger Zeit die moderne Kriegsführung (third generation) nicht mit taktisch veralteten Methoden bekämpft werden konnte. Ein Patentrezept für den Umgang mit Kämpfen der vierten Generation gibt es zwar noch nicht, aber klar ist, daß der klassische armeegestützte Krieg, wie er im 2. Weltkrieg noch üblich war, dieser neuen Herausforderung nicht gewachsen ist.
2. Dem Problem der Sympathisanten: Israel mag das Recht haben, gezielt gegen Terroristen der Hamas vorzugehen, aber was ist mit denen, die bloß duldend beistehen, oder vielleicht von Hamas-Kämpfern gezwungen werden, ihre Wohnungen als Abschußbasis oder Versteck zur Verfügung zu stellen (und wie soll man diese beiden Fälle im Krieg voneinander unterscheiden)? Die im Wesentlichen gegen Städte gerichtete Bombardierung der Alliierten im 2. Weltkrieg sowie die beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki werfen große Zweifel an der moralischen Rechtfertigung des zweiten Weltkrieges auf. In der Theorie des gerechten Krieges, die im Kern auf Augustinus zurückgeht, und seither immer wieder weiterentwickelt worden ist, spielt die Verhältnismäßigkeit der Mittel eine große Rolle. Im Falle des Nahostkonflikts könnte die Tötung einer großen Zahl Unschuldiger, die in keiner Weise mit Hamas kollaborieren, und insofern nicht als Kriegsgegner zu gelten haben, ähnliche Zweifel aufwerfen, wie das Verhalten der Alliierten im zweiten Weltkrieg. Wenn man die Sympathisanten zu legitimen Kriegszielen erklärte, erforderte dies einen „totalen Krieg“ (also einen Krieg unter Einbeziehung der gesamten Zivilbevölkerung), was die Grenzen gerechter Kriege sicher sprengt. Schließt man die Sympathisanten von den Kriegsgegnern aus, so ist es nahezu unmöglich mit den gegebenen Mitteln effektiv gegen Hamas im Rahmen eines Bodenkrieges vorzugehen. (vgl. Punkt 1)
3. Den Folgen für Israel: Ein Krieg, der Israel mittel- und langfristig gefährdet, ist sicherlich nicht wünschenswert für Israel. Die derzeitige Kriegsführung Israels gegen Hamas wird sicherlich die Anzahl der Freiwilligen auf beiden Seiten erhöhen. Das Problem für Israel ist dabei natürlich, daß sich Hamas-Freiwillige immer wieder in die Luft sprengen, um israelische Zivilisten zu töten; so daß mittel- und langfristig eine solche Eskalation des Konfliktes, wie sie durch den aktuellen Krieg hervorgerufen wird, Israel durchaus mehr Schaden als Nutzen bringen könnte.
Aus diesen drei Gründen ist Israel schlecht beraten, in der gegebenen Situation mit den gegebenen Mitteln gegen Hamas vorzugehen. Daher sollte Israel einem Waffenstillstand unter der Bedingung zustimmen, daß die Hamas-Kämpfer ihrerseits Attentate und andere kriegerische Akte einstellen (eigentlich ist dies bei einem bilateralen Waffenstillstandsabkommen selbstverständlich, aber mangels nationalstaatlicher Autorität der Hamas erwähne ich es gesondert). Wenn Hamas dann abermals den Waffenstillstand bricht, und von palästinensischer Seite keine Unterstützung gegen Hamas kommt, dann sollte Israel mit Mitteln der „fourth generation warfare“ zurückschlagen – ähnlich, wie die USA auf die Attentate auf das WTC und andere Gebäude am 11.9.2001 mit Angriffen auf Terrorlager in Afghanistan, und wo sie sonst anzutreffen sind, mit koordinierten Kommandoaktionen hätten reagieren sollen, statt mit einer dumpfen Kriegserklärung, die bis heute mehr schadet als nützt.
Denn die Kriegsführung von Hamas ähnelt der von Al-Qaida und anderer Terrorgruppen stärker, als derjenigen der Wehrmacht – egal, was man von Dennis Pragers moralischer Äquivalenz zwischen Hitler und Hamas halten mag. Die Parallele ist unangemessen, weil die Herausforderungen andere sind. Wäre Hamas eine hochgerüstete Armee, so schreibe ich hier für den derzeit geführten Krieg im Gaza-Streifen. Da Hamas aber eine Terrorgruppe ist, schreibe ich für eine geeignete Mittelwahl, für militärische, taktische und strategische Vernunft. Was die polnische Kavallerie in punkto Technologie gegen die deutschen Panzer erlebt hat, das erlebt Israel (und andere Staaten, die mit Terroristen zu kämpfen haben, auch) derzeit mit Hamas hinsichtlich der Taktik. Hamas ist taktisch einen Schritt weiter als Israel.
Gerade weil Israel im Recht ist, sollte dieser Krieg nicht geführt werden. Israel sollte sich effizientere, und das heißt im Kampf gegen Terroristen, die wie Fische im Wasser einer sympathisierenden Öffentlichkeit schwimmen, vor allem feinere Werkzeuge besorgen, als Bomben und Bodentruppen es sind.