Fortschritt
Eine Gesellschaft, in der alles immer beim Alten bleibt, die sich nie wandelt und an wahrgenommene Notwendigkeiten anpasst, ist eine Gesellschaft, die alsbald zerfallen wird. Neue Erkenntnisse, wirtschaftliche Entwicklungen, geistige Wandlungen und philosophische Einsichten führen, neben vielen anderen Faktoren, zu Veränderungen, die oft als Fortschritt begriffen werden können. Als solcher ist Fortschritt aber wertneutral. Das bedeutet, dass er sowohl positive Resultate hervorbringen kann, als auch gelegentlich äußerst negative. Es sei nur an den „Fortschritt“ der Eugenik in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erinnert, welcher tatsächlich von einer großen Anzahl Intellektueller als Durchbruch in humanitärer und wissenschaftlicher Hinsicht verstanden wurde (und erst durch die menschenverachtenden Handlungen der Nationalsozialisten für einige Zeit diskreditiert wurde, bevor er in letzter Zeit wieder wesentlichen Zulauf auch und gerade aus der Riege der Intellektuellen erhält). Daß Fortschritt oft sehr positive Ergebnisse zeitigt braucht nicht näher erläutert werden, da es derzeit in aller Munde ist, die Segnungen des Fortschritts zu preisen.
Tradition
Allerdings ist Fortschritt für sich nichts. Erst durch die Existenz eines wie auch immer beschaffenen Vorher kann von einem Zustand A zu einem Zustand B vorangeschritten werden. Daher ist bereits die Existenz eines Vorher eine unvermeidliche logische Voraussetzung für den Fortschritt. Aber sie stellt noch mehr dar als eine bloße logische Bedingung. Denn es ist erst in der Tradition, in der der Mensch als soziales Individuum, als Person, mehr ist als eine Sammlung von Präferenzen und Wünschen, die von utilitaristischen Ethikkonzeptionen oder vulgäranthropologischen Menschenbildern wie dem homo oeconomicus hinreichend verstanden werden können. Die Tradition verschafft dem Menschen Wurzeln in der Vergangenheit, einen festen Startpunkt, eine Plattform von der aus erst fortgeschritten werden kann. Tradition bedeutet auch, gerade in einer komplexen Welt, Entlastung für die bedrängten Individuen. Denn durch den Bezug auf eine klare Tradition, durch die vieles prädeterminiert ist, viele Grundhaltungen und Grundeinstellungen nicht in jedem Einzelfall neu durchdacht werden müssen, sondern schlicht als gegeben hingenommen werden können, können Menschen alltägliche Entscheidungen zuversichtlich treffen. Natürlich muß davon ausgegangen werden, dass nicht jede Tradition gleichermaßen gut und richtig ist; eine Tradition, die besagte, man solle unerwünschten Nachwuchs nach der Geburt einfach töten und danach aufessen, wäre sicher ein extremes Beispiel einer Tradition, die unbedingt geändert werden muß. Aber es gibt auch gute, bewährte Traditionen. Zu klären, worin diese bestehen mögen, ist nicht der Zweck dieser Zeilen, aber durchaus ein Interesse dieses Blogs. Der Autor dieses Textes hat klare Einstellungen zu den meisten Themen unserer Zeit und zu den Traditionen, die bestimmten Verhaltensweisen zugrunde liegen. Doch geht es hier nur darum, festzustellen, wie wichtig die Existenz und bewußte Pflege einer religiösen, kulturellen oder sonstigen Tradition für eine Gesellschaft ist, die zweifellos über viele Probleme klagt, darunter auch das weitverbreitete Gefühl der Entwurzelung und der Sinnlosigkeit.
Tradition ist Fortschritt
Diese Entwurzelung ist nichts anderes als ein Verlust oder Verfall von gesellschaftlichen Traditionen verschiedener Art. Wie erwähnt stellen Traditionen die Wurzeln einer Gesellschaft dar. Wie sieht eine Gesellschaft sich im Hinblick auf ihre Werte und Normen, wenn nicht durch die Brille der bewährten Traditionen, die sich im Laufe der Zeit etabliert haben? Meine Antwort ist: Sie sieht sich durch die Brille der entwurzelten, letztlich selbstbezogenen Menschen, die, jeder Verläßlichkeit entfremdet, alles bezogen auf ihre eigenen kurzfristigen Bedürfnisse sehen? Woran soll sich ein Mensch denn auch orientieren, wenn alle Stützpfeiler zerbrochen sind und rings um ihn herum nur der weite offene Ozean liegt, und er ein Schiff unter vielen steuert, ohne Start und ohne Ziel?
Eine Gesellschaft sollte wieder zu erkennen lernen, daß es nur die Bewahrung alter, ja, althergebrachter Regeln, Normen und Traditionen, nur der Schutz einer haltgebenden Kultur ist, die sie von der Barbarei des Terrors schützt. Nicht umsonst enden radikale Umwertungen aller Werte meist in Gewalt und Chaos, statt in Fortschritt und Freiheit.
Tradition und Fortschritt gehören zusammen wie die Wurzeln eines Baumes, sein Stamm und seine Zweige. Jedes Jahr wächst ein gesunder Baum ein Stück und zugleich werden seine Wurzeln kräftiger, seine Zweige belastbarer und sein Stamm dicker. Das wilde, unkontrollierte Wachsen eines Baumes, verstanden als gesellschaftlicher Fortschritt, erfordert die Existenz von Wurzeln ebenso wie die Langsamkeit des Fortschritts. Wüchse der Baum zu schnell, verginge er; stagnierte seine Entwicklung und bliebe er immer gleich, verginge er auch. Nur die vorsichtige Erneuerung einer Gesellschaft im SInne einer langsamen, evolutionären Entwicklung, die geradezu sanft und kontinuierlich verläuft und allen Personen die Zeit und die Chance gibt, sich an die neuen Strukturen zu gewöhnen, sie gleichsam in ihr Leben einzuhegen, nur diese Erneuerung verspricht eine wahrhaftige, positive Manifestation des Fortschritts zu sein. Hingegen sind verordneter, abrupter Wandel und plötzliche Eruptionen der Gesellschaftsstruktur, wie etwa Revolutionen, nur dazu geeignet, den Anschein des radikalen Fortschritts für die Anhänger zu schaffen, erbaut auf dem Blute der Widerständler und erkauft mit dem Frieden der Gesellschaft mit sich und dem Frieden in der Gesellschaft.
Gesellschaft ist eine Art organisches Gewächs, das aus unzähligen, individuell wunderbar verschiedenen, Gliedern besteht, die alle einen unveräußerlichen Wert an sich haben und für sich und füreinander als Glieder der Gesellschaft Verantwortung tragen. In einer Zeit, in der der Fortschritt, der Wandel, als Wert an sich gesehen wird, in der Stillstand immer gleich Rückschritt ist und, da Zeit Geld ist, jeder Moment der Besinnung und Besinnlichkeit der Effizienz bis zur Besinnungslosigkeit geopfert werden soll, in einer solchen Zeit ist Tradition ein Fortschritt. Denn die (Rück-)Besinnung auf Bewährtes, Sicheres, die gern nur mehr als Festklammern an Überholtem gesehen wird, ist in der Tat mehr als nur dies: sie ist das Sprungbrett für den Fortschritt, die Voraussetzung für einen menschlichen Fortschritt, statt bloß eines fortschrittsgetriebenen Menschen. Wer unablässig fortschreitet, der wird irgendwann müde. Die Tradition ist das gemachte Bett unserer Kultur, in das zu legen erholsam und erbaulich zugleich ist. Die Tradition ist die Oase in einer Wüste voller permanent sich beschleunigender Sandstürme, die den Menschen unter sich zu begraben, die den eigentlichen Zweck ins Gegenteil zu verkehren drohen: Daß alle Institutionen der Gesellschaft dem Menschen zu dienen haben und nicht umgekehrt. Daß alle Menschen als Menschen Würde und unveräußerliche Rechte haben, die kein Staat, kein Konzern und keine Weltregierung, abändern darf. Daß alle Menschen unheimlich verschieden sind und kein Mensch dem anderen gleicht und alle unterschiedliche Fähigkeiten haben, und doch in einem fundamentalen Sinne wertvoll sind, Wert haben, der weit über ihren monetären Wert hinausgeht.
Sich dieser Wahrheiten zu erinnern und diese Wahrheiten zu bewahren ist ein wesentlicher Zweck dieses Blogs, auf daß er seinen winzigen Anteil dazu leisten möge, den Unsinn eines Fortschrittes aufzudecken, dem es ungeachtet aller Traditionen und ethischen Grenzen nur um den Fortschritt im Namen des Fortschritts, oder schlimmer noch im Namen der wirtschaftlichen oder sonstigen Effizienz geht.
Tradition ist auch in dem Sinne ein Fortschritt, als daß es in einigen Bereichen der Gesellschaft Veränderungen gegeben hat, die nach der Ansicht des Autors dieser Zeilen fatal für die Entwicklung fundamentaler Grundwerte wie Recht auf Leben, Freiheit der Meinungsäußerung und anderer essentieller Freiheiten waren und sind. In diesem Sinne wäre eine Wiederherstellung alter Regeln, Gesetze und Standards oft ein Schritt in die richtige Richtung.
Wenn ein Boot sich nach links neigt, wird der Autor dieses Textes sich nach rechts neigen, sein Gewicht dorthin verlagern, um das Kentern des Bootes zu vermeiden. Der Ausgleich zwischen den Extremen von Bewahren um des Bewahrens Willen und Veränderung um der Veränderung Willen erfordert derzeit ein starkes Engagement zugunsten der Tradition, zugunsten des Bewährten, des von der Zeit geprüften, um das bestehende Ungleichgewicht zugunsten eines nicht mehr zu rechtfertigenden Veränderungstaumels (Alles ist neu!!! Was gestern noch neu war ist heute schon veraltet!!!) aufzufangen. Daher ist Tradition Fortschritt.
[...] Zur Beilegung des Insurrektionsstreits Eine Gesellschaft, in der alles immer beim Alten bleibt, die sich nie wandelt und an wahrgenommene Notwendigkeiten anpasst, ist eine Gesellschaft, die alsbald zerfallen wird. (Catocon, Was das soll) [...]