Der weise Benedikt: Zur Funktion der Tradition

1. Einleitung: Medienhype

Viel Aufhebens wird derzeit getrieben um die Piusbruderschaft in der katholischen Kirche. Papst Benedikt XVI. hatte vier Persönlichkeiten aus dieser Gruppe, die bislang suspendiert waren, in die Kirche zurückgeholt. Eine dieser Persönlichkeiten hatte ohne Wissen und Zustimmung des Papstes Äußerungen getan, die sich Medienberichten zufolge als Leugnung des Holocausts deuten lassen. Hierzu habe ich keine Meinung, da ich die Äußerungen in Original nicht gelesen oder gehört habe. Anders ist es aber bei dem Medienhype gegen Benedikt, der sich in der deutschen Presse abspielt. Ob Williamson die perverse und nach allen historischen Quellen falsche Auffassung vertritt, den Holocaust habe es nie gegeben, oder nicht, scheint gar nicht mehr das Thema zu sein. Denn daß der Papst oder die katholische Kirche diesen Äußerungen zustimmen, stand niemals zur Debatte. Die katholische Kirche bezweifelt nicht den Holocaust, sondern bemüht sich seit langer Zeit um gute Beziehungen zu Angehörigen der jüdischen Religion. Kritisiert wird in den Medien hauptsächlich die wahlweise „erzkonservative“, „ultrakonservative“ oder einfach nur „konservative“ Haltung der Piusbruderschaft zu einer ganzen Reihe von Themen, darunter an prominenter Stelle das II. Vatikanische Konzil. Dieses, und darin vor allem die seither in Landessprache zu haltende Messe, lehnt diese Gruppe ab.

2. Wie Blätter im Wind

Damit steht sie in Opposition zu der Gruppe der katholischen Kirche, die auch in Deutschland vorherrschend ist, und als Hauptziel die Anpassung der Kirche an den Zeitgeist sieht. Doch ist dies für eine Kirche, zu deren Glaubensgrundsätzen gehört, daß sie im Besitz ewiger Wahrheiten (aus der Bibel) ist, nicht ein merkwürdiges Ziel? Ganz sachlich betrachtet kann jemand, der sicher weiß, daß er im Recht ist, nicht einfach eine radikale Kehrtwende machen, ohne sich lächerlich zu machen. Wenn die Kirche daher im Widerspruch zum Zeitgeist steht, dann kann der gläubige Katholik nicht die Kirche verändern wollen, sondern nur den Zeitgeist. Diese elementare Einsicht fehlt den Bischöfen und Kardinälen, die heute in Deutschland in der katholischen Kirche zu sagen haben, aber offensichtlich völlig. Und die Medien akzeptieren die von ihnen regelmäßig als „altmodisch“ gebrandmarkte Kirchenvertreter (selbst in ihrer weichgespülten „modernisierten“ Version) nur dann, wenn diese regelmäßig vor dem Altar der Moderne Verbeugungen machen. Werden diese verweigert, berichten die Medien sehr negativ (man erinnere sich an Bischof Mixa, welcher es in gemäßigter Form gewagt hatte, die kinderfeindliche Familienpolitik der letzten Jahre sowie die egozentrischen Aktionen vieler heutiger Eltern zu kritisieren, und auf die offensichtliche Alternative hinzuweisen). Wenn jemand sogar wagt, den (Post-)Modernismus des Zeitgeistes offen beim Namen zu nennen und eine Rückkehr zu bewährten, zeitgeprüften Positionen zu fordern, dann bleibt es nicht mehr bei der negativen Berichterstattung, es kommt zu Hetzjagden. Dies ist derzeit bezüglich des Papstes und der Piusbruderschaft der Fall.

Das zweite Vatikanum war das Zeichen der katholischen Kirche, daß sie bereit vor, vor den Kräften des Modernismus zu kapitulieren (oder diesen zumindest entgegen zu kommen) . Schritt für Schritt hat die Kirche unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu einem moderateren Kurs zurückgefunden und wieder einen Dialog mit dem konservativen Flügel der eigenen Kirche begonnen. Zu einem solchen Dialog gehört auch, daß man die Abweichler als legitime Mitglieder der eigenen Organisation anerkennt und nicht weiter ausgrenzt. Daß dies denselben Kirchenfunktionären nicht gefällt, die bis heute noch nichts daran finden, daß sie über viele Jahre Komplizen bei dem Verbrechen der legalen Massenabtreibung in Deutschland waren (durch die Ausstellung von Darf-Scheinen nach pro-forma-Beratungen), ist offensichtlich und auch verständlich. Wer den Zweck einer Kirche darin sieht, sich so weit nach dem Wind zu neigen, bis das Rückgrat bricht, der sollte sein Glück in der CDU versuchen, denn derartige Leute kommen dort sehr schnell bis in die höchsten Parteiämter, aber er sollte doch bitte nicht versuchen, die Position der Kirche zu beeinflussen.

Eine Kirche ist keine politische Organisation. Politische Organisationen wie z.B. Parteien müssen aktiv am Beschluß von Gesetzen mitarbeiten, und dazu auch häufig Kompromisse eingehen (auch hier gibt es allerdings Grenzen, die in den fundamentalen Prinzipien liegen; wer keine hat, sollte auch nicht in einer Partei aktiv werden, sondern ein großes Unternehmen managen). Solche Kompromisse können etwa dazu führen, daß man ein Gesetz akzeptiert, das man für völlig verfehlt hält, um etwas durchzusetzen, das aus der eigenen Sicht notwendig ist; oder um Schlimmeres zu verhindern. Im Politischen gibt es immer Spielräume für Abweichungen von den eigenen Positionen, weil pragmatische Entscheidungen getroffen werden. Praktische Politik ist die Kunst, soviel wie möglich an als richtig empfundenen Positionen durchzusetzen. Davon unterschieden werden muß die Aufgabe der Kirche. Denn die Kirche ist nicht im Parlament und entscheidet auch nicht über Gesetze (zumindest heute nicht mehr). Und solange sie nicht über Gesetze entscheiden muß, ist sie verpflichtet, ihre Ansichten und Prinzipien, auch dem Zeitgeist entgegen, vorzutragen und friedlich für sie zu streiten.

Eine Kirche, welche sich nach dem Wind neigt, um mehr Gläubige in ihren Reihen zu begrüßen, oder ihre Doktrin ändert, weil diese unpopulär geworden ist, wird schnell an Mitgliedern verlieren. Nicht umsonst ist die Vereinigung, die früher als Evangelische Kirche bekannt war, inzwischen weder präsent noch steht sie für irgendetwas, außer die diffuse Wohlfühlreligion einer Frau Käßmann (ich sagte es bereits: sie steht für gar nichts). Funktional gesprochen gibt Religion Halt in der Welt. Beginnt Religion, sich im Wind zu beugen, wird sie bald überflüssig. Dies ist der evangelischen Kirche in Deutschland bereits so gegangen, und wenn der Papst irgendwann einmal der Auffassung der jetzt protestierenden Kirchenmänner folgen sollte, wird es der katholischen Kirche auch so gehen.

Würde man Umfragen machen in den Kreisen der deutschen Medien- Politik- und Wirtschaftselite, die evangelische Kirche wäre sicher weit beliebter. Die katholische Kirche ist extrem unpopulär wegen ihrer konsequenten Haltung zu Themen wie Verhütung, Abtreibung und Homosexualität - zumindest außerhalb ihrer bis heute signifikanten und stabilen Anhngerschaft. Jeder mag die evangelische Kirche irgendwie, aber niemand besucht sie, und niemand nimmt sie als Religionsgemeinschaft ernst.

Die Haltung Benedikts zur Piusbruderschaft ist eine der vorsichtigen Annäherung, Benedikt selbst hat Sypathien für den konservativen Flügel der katholischen Kirche (also nicht den linksliberalen Flügel, den die Medien für konservativ halten, der dies aber nur in der verzerrten Perspektive der Medien auch ist), gehört ihm aber nicht an. Eine katholische Kirche, die Einfluß auf die Köpfe und Herzen der Menschen nehmen will – und dies ist ein wesentlicher Auftrag der Kirche nach ihrem eigenen Verständnis – kann sich nicht abgrenzen, nein, soll sich nicht abgrenzen, gegenüber Strömungen, die traditionellen Katholizismus einfordern statt modernisierter Weichspülreligion. In einer Zeit der steten Erneuerung, in der die Dinge sich schneller ändern, als selbst die ultraflexiblen unter den Fortschrittlichen sich noch an sie anpassen können, braucht die Welt feste Pfeiler, an denen Menschen sich festhalten können, die ihnen die Gelegenheit bieten, nicht vom Strom des Zeitgeistes und des Trends mitgerissen zu werden, sondern innezuhalten und zu reflektieren, ob der von allen hysterisch begrüßte Wandel wirklich gut ist, oder ob nicht an einigen Stellen korrigiert werden muß. Solche Pfeiler sind Religionen und Philosophien.

3. Fortschritt als Naturgewalt?

Schnelle Fluten des Wandels haben für die in ihnen Gefangenen eine gewisse Naturgewalt, eine Notwendigkeit und eine Unausweichlichkeit. Darin ähneln sie den in der Natur auftretenden Fluten. Von ihnen mitgerissen ist man versucht, nur noch irgendwie mitzukommen, damit das Boot nicht vollends kentert, während es nach vorn gerissen wird. Doch trotzdem müssen Kurskorrekturen gemacht werden – und wenn vor dem Bug ein Wasserfall auftaucht, dann braucht das Schiff jemanden, der ihn rechtzeitig sieht, und eine Mannschaft, die mit aller Kraft gegen die Strömung anrudert. Den Überblick zu behalten in den chaotischen Zeiten des Wandels ist ohnehin nicht leicht. Aber angefeuert von einer Horde Medienvertreter, Wirtschaftsbosse und Politiker, geht es heute nur noch darum, ob man mit aller Kraft und gesenktem Blick nach vorn rudern soll, oder sich einfach von den Kräften des Marktes, der Globalisierung und der gesellschaftlichen Entropie mitreißen lassen soll. Zwischen diesen scheinbaren Gegensatzpolen bewegt sich der öffentliche Diskurs in Deutschland. Da ist es nur natürlich, daß dem Deutschen heute das Vokabular in aller Regel fehlt, um die Unterschiede zu beschreiben, die einen deutschen Bischof von Lefèbvre und der ihm nachfolgenden Piusbruderschaft trennt.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Bischof immer konservativ, da er weniger enthusiastisch den Kurs des Ruderns in Strömungsrichtung bei gesenktem Kopf unterstützt, als nahezu alle Meinungsführer. Und dennoch sind diese Bischöfe sehr angepasst an den Zeitgeist, und versuchen mit einer bewusst gemäßigten, pragmatischen Position die Kräfte des Fortschritts in einen Diskurs darüber zu verwickeln, ob man nicht in einigen wenigen Punkten mal wieder den Blick heben sollte, und sich überlegen, ob der Kurs noch stimme. Der Papst selbst, mit seiner konservativen Grundausrichtung, ist skeptisch der Moderne und vielen ihrer (Fehl-)Entwicklungen gegenüber, ob er persönlich das zweite Vatikanum ablehnt, weiß ich nicht – er versteht jedenfalls diejenigen, die es am liebsten täten. Die Piusbruderschaft lehnt den Wandel in der Kirche und der Gesellschaft im Wesentlichen ab – nicht aufgrund von Ablehnung des Wandels überhaupt, es geht vielmehr um Tempo und Richtung. Diese traditionalistische Haltung ist völlig unverständlich für denjenigen, dessen Geschichtsbild ein unaufhaltsames Fortschreiten des Menschengeschlechts in immer aufgeklärtere, bessere Weltzustände umfasst – und erst recht für denjenigen, der überhaupt kein Geschichtsbild hat, da man „in die Zukunft blicken“ muß.

Daß eine Medienlandschaft, für die Geschichtsbetrachtung sich in einer ewigen Geißelung der gleichen Verbrecher, so wichtig sie für sich genommen auch ist, erschöpft, kann eine konservative oder traditionalistische Haltung notwendig nicht verstehen. Warum will jemand an einer Messe auf Latein festhalten, wenn doch die Kirchgänger kaum Latein verstehen? Warum nicht in Landessprache? Wer nicht die autoritative Stimme der Tradition hören kann, wird einer solchen Frage gegenüber sprachlos bleiben – es sei denn er sagt: „es gibt keinen Grund dafür“. Wer glaubt, daß jede Generation die Welt neu erfinden solle, oder überhaupt könne, der wird keinen Widerstand gegen den Fortschritt verstehen. Wer aber überzeugt davon ist, daß die Tradition nützliche Einsichten enthält, weil in der Vergangenheit viele Probleme in derselben oder analoger Form existierten, der kann auf ein enormes Potenzial an Weisheit zurückgreifen – einiges davon wird bei Anwendung sich als fehlerhaft erweisen und einiges wird fehlerhaft angewendet werden. Doch eine solche Quelle der Weisheit verschließt sich derjenige, der mit dem Satz „das ist jetzt Geschichte“ meint, es sei unbedeutend geworden.

4. Dialog mit der Tradition

Ob man nun das II. Vatikanische Konzil befürwortet oder ablehnt, darum geht es bei dem aktuellen Skandal nur peripher (denn Benedikt hatte keine Umkehr in dieser Frage beschlossen, sondern die Aufnahme einiger Bischöfe, die in Opposition zu den Beschlüssen dieses Konzils stehen). Noch weniger geht es um die skandalösen Äußerungen eines Williamson. Es geht darum, ob es zulässig ist, wenn eine Kirche einen respektvollen internen Dialog über den Kurs der Modernisierung im Inneren und in der die Kirche umgebenden Außenwelt führt, oder ob dies in Deutschland nicht akzeptabel ist. Kurz gesagt: Ist die katholische Kirche dialogfähig mit ihrer eigenen Tradition, oder lehnt sie diese generell ab? Sollte sich die Kirche letztlich entscheiden, mit ihrer eigenen Tradition vollends zu brechen, und die Zeit vor dem zweiten Vatikanum mit Denkverboten zu belegen (wie sie es durch die Exkommunikation Lefèbvres bereits einmal versucht hat), dann würde sie zu einer zweiten evangelischen Kirche: mutlos, leer und totgeweiht.

Denn in den oben erwähnten reißenden Fluten des Wandels braucht es jemanden, der den Überblick behält, woher das Boot kommt und wohin es will. Die Reise, auf der sich die Gesellschaft befindet, darf nicht bloß bestimmt sein durch die Strömung, in der man sich zwecks Genuß der Schiffsvorräte gerade treiben lässt – und zwar um so weniger, je rapider der Wandel, je schneller die Strömung ist. Und wie gesagt sind es gerade Religionen und (aufgrund ihrer schwächeren Verwurzlung im Transzendentalen und damit Zeitlosen) in geringerem Maße auch Philosophien, welche Orientierung bieten und Verständnis erlauben, und welche nicht mit dem Zeitgeiste, sondern sich widerborstig ihm entgegenstellend, die richtigen Fragen aufwerfen. Wohin treibt eine westliche Zivilisation, inder jede dritte Schwangerschaft (und mehr in Osteuropa) vorzeitig durch Tötung des Kindes unterbrochen wird? In der der Akt der Fortpflanzung, der Sexualakt, keinerlei Verbindung mehr besitzt zur Erzeugung des Lebens, in der also nicht bloß diese Verbindung durch moderne Mittel etwas gelockert wird, sondern in der sie zunehmend vollkommen verloren geht? In der die allermeisten Menschen sich durch materiellen Wohlstand definieren, und so tun als ob es mehr als dies nicht zu erreichen gäbe; als ob das höchste Ziel im Leben eines Menschen die Befriedigung seiner sinnlichen Triebhaftigkeit wäre? In der der Mensch zunehmend als vollständig durch seine Biochemie und Neurologie, durch DNA und elektrische Impulse, definiert angesehen wird – und mithin auf das Niveau von Tieren herabfällt (ein Wandel der fälschlich gern einer gestiegenen Achtung für Tiere zugeschrieben wird, was aber zumindest bei den zugrunde liegenden Philosophien dieser Bewegung in keiner Weise stimmt)? Was ist mit einer Gesellschaft, die sich zunehmend in die Hände einer globalisierten Politik-, Medien- und Wirtschaftselite begibt, und dies nicht als Freiheitsverlust empfindet, weil sie Angst vor der Freiheit hat, da diese Verantwortung verlangt – eine Verantwortung, die zunehmend zu einer Globalen stilisiert wird – mit der Folge der totalen Überforderung aller Menschen?

5. Funktion der Tradition

Diese reißenden Fluten des Wandels reißen fast jeden mit. Und niemand hat je darüber ernstlich nachgedacht, ob das, was man aufgibt, wirklich so unbedeutend oder schändlich ist, daß es keine Verteidigung und keinen Einsatz mehr verdient. Die Orientierungslosigkeit ist in der modernen Zeit fast mit Händen zu greifen. Der Mensch soll seine Vernunft gebrauchen, aufgeklärt und emanzipiert sein. Doch zurückgeworfen auf seine persönliche Vernunft stellt er fest, daß die Welt zu komplex ist, als daß er sie durchdringen könnte. Er sucht also nach Hilfe bei dieser Aufgabe. Tausende von Selbsthilfegruppen, Sekten und Kulten tun sich auf, die Enttäuschung und Verzweiflung des Menschen mit sich und der Welt wächst. Demagogen ergreifen die Chancen, die sich bieten und preisen einfache Patentlösungen für ungeheuer komplexe Probleme an, einfache Lösungen, die nur erfordern, daß der Mensch seine Freiheit an jemanden abgibt, an einen Macher am besten, oder einen selbsternannten Führer. Aber ist die Welt wirklich so viel komplexer geworden als früher? Sie ist komplexer geworden, aber ihre generellen Strukturen können nach wie vor verstanden werden, die Welt ist nicht zufällig und Wandel ist kein Naturgesetz. Er kann gestaltet werden – nicht so, wie diejenigen wollen, die nicht müde werden zu behaupten, sie wollten „die Globalisierung gestalten“, also nicht durch globale Institutionen, die globale Entscheidungen treffen – aber der Wandel kann gestaltet werden durch jeden Einzelnen, der in der Welt handelt. Denn der Wandel ist kein Naturgesetz sondern das aggregierte Resultat der Einzelhandlungen von Millionen von Individuen. Jedes dieser Individuen besitzt Willensfreiheit, ist also Autor der eigenen Handlungen. Also hängen Tempo und Richtung des Wandels niemals von unpersönlichen Mächten (wie dem „globalen Finanzkapital“) ab, und kann niemals von anderen unpersönlichen Mächten (wie der UNO, der WTO, der Weltbank usw.) gesteuert oder „gestaltet“ werden. Tempo und Richtung des Wandels hängen einzig und allein von den freien Entscheidungen der Individuen ab. Die Individuen können also durch bewußtes Handeln auf individueller Ebene den Wandel gestalten. Doch wenn ihnen die Welt undurchsichtig erscheint, sie orientierungslos macht, dann sind sie blind und handeln nicht, oder nicht in ihrem eigenen Sinne. Ihr Handeln verliert jegliches Ziel und kann leicht manipuliert werden. Dies ist, was in der modernen Gesellschaft geschehen ist.

Der Mensch ist abgetrennt von den traditionellen Quellen seiner Weisheit unfähig, nur auf sich gestellt, die Welt zu verstehen. Er hat gelernt, durch jahrelange Indoktrination, daß die Tradition schlecht ist, und die Vergangenheit nur als abschreckendes Beispiel dienen kann. Im Jahre 2008 war viel zu hören über den 70. Jahrestag der sogenannten „Reichskristallnacht“, aber nahezu nichts über den 160. Jahrestag der friedlichen Paulskirchenrevolution, oder den 90. Jahrestag der Gründung der Weimarer Republik. Diese tendenziöse, hoch selektive Geschichtsauffassung trägt ihren Teil dazu bei, daß die Vergangenheit als grauenhafter, rückständiger Moloch begriffen wird, aus dem man so schnell wie möglich entkommen muß. Alles ist besser als das, wird suggeriert. Und der Mensch mit begrenzten Fähigkeiten, Interessen und Zeitressourcen, ist gezwungen das meiste davon zu glauben. Aber ohne Tradition und die daraus erwachsende Handlungsanweisung ist der Mensch überfordert mit der Welt. Er wendet sich an die schon erwähnten Scharlatane.

6. Entfremdung des Menschen von seinen Traditionen

Unabhängig davon, ob die christliche Religion wahr ist oder nicht (was letztlich Glaubenssache ist, und durch die empirische Wissenschaft in keine Richtung entschieden werden kann), bietet sie doch einen Haltepunkt in dieser Welt, welcher (obwohl er natürlich mißbraucht werden kann und mißbraucht worden ist, wie alles in der Welt) zu vielen positiven Handlungen geführt hat. Der Katholizismus stellt eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten dar, einer Tradition zu folgen, die für viel Positives verantwortlich zeichnet, und viel zu bieten hat – ob man die religiösen und theologischen Auffassungen teilt oder nicht. Der Versuch, gegen den traditionellen Katholizismus Front zu machen, der im Moment in den Medien unternommen wird (und traurigerweise auch von einigen katholischen Würdenträgern Unterstützung findet), ist nur ein winziger Teil dieser langanhaltenden und gründlichen Entfremdung der Menschen von ihren Traditionen, und damit von der Weisheit, die dem Menschen, eben weil sie einige Grundfragen für ihn vorentscheidet, in allen Belangen des alltäglichen und politischen Lebens die Freiheit gibt, informierte, rational begründete Entscheidungen zu treffen.

Daß diejenigen, deren Ziel die Einrichtung eines zentral gelenkten Weltstaates ist, und diejenigen, welche eine Herrschaft einiger gigantischer transnationaler Konzerne antreben, die Abtrennung des Menschen von seinen Traditionen befördern und für notwendig erklären, ist nur allzu verständlich. Eben weil der Mensch von den Traditionen, den alten Zwängen und Regeln, dem oft beklagten „Moralkorsett“, den Sitten und Gebräuchen seiner Vorfahren „befreit“ wird, schwebt er als zielloses Atom durch die Welt; und kann deswegen so leicht den Scharlatanen ins Netz gehen, die nur die eigenen Macht- und Profitinteressen im Auge haben.

7. Konklusion: Weiter so, Benedikt!

Die Piusbruderschaft lehnt diese Entwicklung kategorisch ab, und hält deswegen sogar an Traditionen fest, wie der Messe auf Latein, die auf den ersten Blick nicht mehr unbedingt notwendig erscheinen, eben weil es auch keinen zwingenden Grund gibt, solche Traditionen abzuschaffen. Der Papst teilt dieses Prinzip, wenn auch wahrscheinlich nicht die konkrete Anwendung des Prinzips auf das II. Vatikanische Konzil. Auch für ihn ist die Tradition ein wichtiger und notwendiger Pfeiler, ohne den Freiheit immer in Hilflosigkeit und Überforderung enden muß. Auch Benedikt weiß, daß Freiheit wegen der Begrenztheit der menschlichen Natur als natürliches Korrelat immer die Tradition braucht, wenn sie nicht mißbraucht werden soll. Aufgrund dieser Ähnlichkeiten ist der Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl (oder besser demjenigen, der darauf sitzt…) und der „ultrakonservativen“ Piusbruderschaft so wichtig.

Leider liefern einige Wirrköpfe wie Williamson der Medienkampagne gegen diesen Dialog immer neue Munition – auch dies ein Hinweis, wie beschränkt die menschliche Natur ist! – und lassen die Illusion entstehen, es handle sich nur um ein Aufbegehren gegen „Antisemitismus“. Dies ist bedauerlich und schädlich für das Ziel des Dialogs mit einer wichtigen Gruppe von „Dissidenten“ innerhalb der katholischen Kirche. Es wird sich aber nicht ändern lassen. Wenn jemand eine Kampagne haben will, dann wird er sie bekommen. Der Papst muß deutlich machen – und tut dies auch – daß er den Antisemitismus Williamsons nicht teilt. Aber er muß auch deutlich und klar daran festhalten, daß nur der Dialog mit den Traditionalisten die katholische Kirche bewahren kann als Institution der Reflexion über die Richtung des „Fortschritts“ in der modernen Zeit. Wie gesagt, solche Pfeiler braucht die Welt, und selbst nichtreligiöse Menschen werden am Ende von der Standhaftigkeit des Katholizismus profitieren, und zwar selbst dann, wenn Jesus nicht wieder auferstanden ist und Maria nicht Jungfrau war.

Tradition und Fortschritt – das werde ich nicht müde zu betonen – sind beide notwendig und müssen Hand in Hand gehen. Die Einbindung des Traditionalismus in alle Bereiche der Gesellschaft ist daher eine notwendige Bedingung für den Erhalt unserer Zivilisation. Dies gilt, und damit schließe ich, nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Politik, wenngleich diese natürlich eine höhere Kompromißbereitschaft zum Zeitgeist hin braucht, und erst recht für jeden Einzelnen. Tradition ohne Fortschritt läßt eine Gesellschaft versauern in ewig ausgetretenen Pfaden und führt zur totalen Stagnation; Fortschritt ohne Tradition erzeugt entwurzelte, atomisierte Individuen, die dem ersten Rattenfänger nachlaufen, der sich ihnen anbietet, da sie keine Orientierung und kein Verständnis von Richtig und Falsch besitzen. Derzeit rudern die Konservativen gegen den Strom, und sie verlieren an Boden. Im Papst haben sie einen wichtigen Freund, und da konservative und progressive Haltungen beide erforderlich sind für eine wahrhaft gute Gesellschaft, hat jeder, der am Fortbestand und der positiven Entwicklung unserer Gesellschaft interessiert ist, einen guten Freund im Papst. Und solche gute Freunde braucht die Welt derzeit – ob atheistisch, agnostisch, jüdisch, christlich, islamisch oder was auch immer – wahrhaft dringend. Gut, daß wir ihn haben. Schlecht, daß viele ihn diskreditieren wollen.

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Ein Kommentar Leave a comment.

  1. [...] gibt es eine völlig überzogene und fehlgeleitete Diskussion um Joseph Ratzinger, zu der catocon ausführlich Stellung bezogen hat. Zuzustimmen ist ihm, wenn er schreibt: Denn daß der Papst oder die katholische Kirche diesen [...]


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