„The fundamentals of our economy are strong“, sagte John McCain im letzten September über die amerikanische Wirtschaft. Scharf angegriffen wurde er für diese Aussage, die von den Demokraten und den meisten Medienorganisationen für falsch gehalten wurde, denn schließlich bewege man sich auf eine Rezession zu, sei womöglich bereits in ihr. Schließlich gebe es die gewaltige Finanzkrise, die alle Menschen bedrohe, wie die Depression nach 1929. In dieser Situation so zu sprechen hat McCain jedenfalls geschadet. Inzwischen, die Wahlen sind seit einigen Wochen gelaufen, Obama hat einen soliden, wenn auch nicht überwältigenden Wahlsieg errungen, ist es wenn überhaupt mit der Wirtschaft weltweit noch weiter bergab gegangen. McCain behauptete damals, er habe die Leistungsbereitschaft der amerikanischen Arbeitnehmer und Unternehmer gemeint, und nicht in erster Linie die konkrete Situation gewisser wirtschaftlicher Indikatoren, die negative Trends anzeigten. Niemand nahm ihm diese Behauptung ab, auch wenn sie durchaus seinem Stil entsprach, und mir recht glaubwürdig erschien. Aber, wie gesagt, die Wahl ist vorbei. Historiker werden sich mit diesem Wahlkampf vermutlich irgendwann beschäftigen. Warum also redet Catocon von dieser nicht-mehr-Aktualität?
Aus zwei Gründen: Erstens ist der ökonomische Pessimismus in Deutschland wenn möglich noch ausgeprägter als in den USA. Und zweitens paßt McCains Äußerung sehr gut zu einem Gedanken, der mir kürzlich gekommen ist, als ich von einigen demographischen Daten hörte, wie z.B. der Lebenserwartung (die heute wesentlich höher ist, als noch vor 50 Jahren, was massiv verbesserte Lebensbedingungen vermuten läßt).
Man stelle sich vor, Deutschland verlöre in den nächsten 5 Jahren im Rahmen der möglicherweise sich verschlimmernden Finanz- und Wirtschaftskrise (und, wie ich hinzufügen möchte, trotz diverser „Bailouts“) 20% seiner Wirtschaftskraft gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
In diesem Falle wäre Deutschland in 5 Jahren preisbereinigt etwa so wohlhabend wie… im Jahr 1991, als Millionen von Menschen vor Hunger verendend, darbend, in den Straßengräben der verrottenden Städte Deutschlands sich wälzten, und betteln mußten, weil alles darniederlag. Und trotz immenser Hilfsbereitschaft seitens der Deutschen verfügten die Bürger dieses Landes einfach nicht über die Ressourcen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen… so arm wie sie waren…
Moment mal, ging es Deutschland 1991 nicht eigentlich recht gut? Ich vermag mich nicht an Hungertote auf deutschen Straßen erinnern, nicht an alarmistische Berechnungen über die heraufziehende Verarmung der Bundesbürger (anders als in den letzten Jahren, in denen es auf einmal so schien, als ob Deutschland plötzlich vor der völligen Verarmung stünde, aber das dürfte auch an hysterischer Medienpropaganda gelegen haben, nicht an tatsächlicher Verarmung).
Ich bestreite in keiner Weise die offensichtlichen sozialen Probleme, die sich daraus ergeben, daß für wesentliche Teile der arbeitenden Bevölkerung die Löhne nicht mehr Schritt halten mit der inflationsbereinigten Produktivitätsentwicklung, sondern zum Teil erheblich hinter dieser zurückbleiben, insbesondere in nicht gewerkschaftlich organisierten Branchen. Man sollte daher in diesem Bereich gewisse Maßnahmen umsetzen, die keinen weiteren Eingriff in Marktmechanismen bedeuten, aber trotzdem den Druck auf die Löhne zu reduzieren geeignet sind. Einen Maßnahmenkatalog zur Begrenzung der relativ schwachen Lohnentwicklung in einigen Segmenten des Arbeitsmarktes vorzulegen ist nicht die Absicht dieses Blogeintrages, daher lasse ich es bei dem Hinweis bewenden, daß im Arbeitsmarkt wie auch auf anderen Märkten das Angebot und die Nachfrage eine Rolle spielen. Wenn man also das Angebot von Arbeitskraft immer weiter steigert, indem man immer mehr Menschen in den Arbeitsmarkt drängt (Frauen, ältere Menschen durch Erhöhung des Renteneintrittsalters uvm.), dann darf man sich nicht wundern, wenn die Arbeitslosigkeit steigt (und/oder Druck auf die Löhne wächst). Das gleiche gilt, wenn durch technologische Fortschritte zunehmend Arbeit durch Maschinen erledigt wird. Denn dann sinkt die Nachfrage nach dem Gut Arbeitskraft und entsprechend der Preis (und/oder es steigt die Arbeitslosigkeit).
Es ist ebenfalls nicht zu bestreiten, daß die sozialen Probleme nicht bei der reinen Lohnhöhe enden, sondern zum Beispiel steigende relative Armut bei Empfängern von Hartz IV zu beobachten ist und dergleichen mehr. Mit anderen Worten: dieses Land hat, unabhängig von irgendwelchen Wirtschaftskrisen sicherlich soziale Probleme; doch auch hier gilt: Erstens sind die Probleme sowohl im historischen als auch im internationalen Vergleich geradezu verschwindend gering, und zweitens ist entgegen der teils hysterischen Berichterstattung die Linderung der Probleme bei weitem nicht so schwer, wie man landläufig zu glauben scheint.
Fassen wir aber zusammen, wie es aussieht:
1. Deutschland, ähnlich wie auch die anderen westeuropäischen Länder sowie die USA, genießen ein sehr hohes Maß an Wohlstand, das vor 50 Jahren niemand zu erträumen gewagt hätte. Sie erleben natürlich eine Tendenz zu verlangsamtem Wirtschaftswachstum, da ein Wachstum von 5% nicht so leicht zu erzielen ist, wenn eine Wirtschaft bereits groß ist, als wenn sie relativ klein ist. Prozentwerte sind relative Maße, 5% von 1 Million ist noch relativ wenig, 5% von 1 Milliarde hingegen ist tausendmal mehr. Dieser Wohlstand übertrifft jedes historische Maß um Längen und der Wohlstand anderer Länder verblaßt dagegen.
2. Selbst wenn die westlichen Länder Wohlstandseinbußen von 20% erleiden müßten, lägen sie auf einem Niveau, das wir vor 20 Jahren als sehr hoch bezeichnet hätten. Deutschland wurde immer angegriffen in den Medien für sein vergleichsweise langsames Wirtschaftswachstum, und selbst Deutschland ist in den letzten 17 Jahren (trotz der Zusatzbelastung durch die deutsche Einheit) stark genug gewachsen, um einen Einbruch des BIP von 20% verkraften zu können, und trotzdem noch so reich zu sein wie 1991. Andere Länder hatten wesentlich stärkeres Wachstum in dieser Zeit zu verzeichnen, so daß Länder wie z.B. die USA nach einem 20%-Einbruch noch immer so wohlhabend wären, wie um 1995.
3. Armutsstatistiken messen immer die relative Armut, verglichen mit dem Medianeinkommen im betreffenden Gebiet. In der Regel gilt jemand als arm, wenn er unterhalb von 60% des Medianeinkommens liegt. Steigt also das Medianeinkommen an, so steigt entsprechend auch die Armutsgrenze. Und stagnierten die Löhne in den unteren Segmenten, so sind sie dennoch in den oberen Segmenten gestiegen. Entsprechend hat sich auch die Armutsgrenze nach oben verschoben. Kurz gesagt: Es gibt in Deutschland tatsächlich eine steigende Armutsquote, und man sollte bei Gelegenheit versuchen, diesen Trend zu stoppen. Aber selbst die ärmsten Deutschen haben es im historischen sowie internationalen Vergleich eigentlich ziemlich gut. Das soll nicht heißen, daß es nicht besser sein könnte, aber zunächst einmal muß anerkannt werden, daß Armut in Westeuropa und selbst in Nordamerika von wenigen Ausnahmen abgesehen im Wesentlichen kein existenzielles Problem ist.
4. Trotz gewisser Einschnitte in die deutschen Sozialsysteme befindet sich die Ausstattung des Sozialstaats immer noch in einem Bereich, in dem niemand wirklich durch die Maschen fällt. Zu beklagen ist nicht so sehr das Leistungsniveau, als die entwürdigende Behandlung, die etwa manche Hartz IV-Empfänger über sich ergehen lassen müssen, oder die entmenschlichten Zumutbarkeitsregelungen, die die Entwurzelung von Menschen fördern, statt Menschen Halt zu geben. Alles in allem gibt es Probleme in Deutschland, aber es handelt sich abermals nicht um furchterregende Probleme, die nationale Kraftanstrengungen erforderten.
5. Wenn das internationale Finanzsystem weiter schwächelt kann es zu einer schweren Depression kommen, die im schlimmsten Fall unseren Lebensstandard für eine Weile reduzieren wird, vielleicht auf das Niveau von 1990, oder, Gott behüte, auf das Niveau von 1985 oder gar 1980. Während eine solche Entwicklung, vor allem, wenn sie in relativ kurzer Zeit geschieht, sicher nicht schön oder beruhigend ist, so gibt es doch keinen Grund zur Panik (zumal solche Panik wieder zurückwirkt und die Krise verschlimmert). Klar, in einer solchen Situation gäbe es, wie immer, Gewinner und Verlierer. Es gäbe welche, die weniger einbüßen würden als andere. Aber wir sollten uns von der Rhetorik nicht täuschen lassen. Die große Depression der Weltwirtschaftskrise führte zu einem tiefen Sturz von einem relativ niedrigen Niveau aus. Innerhalb von 2 Jahren auf das Niveau von 1900 zu fallen ist etwas ganz anderes, als auf das Niveau von 1990 zu fallen, einfach weil 1990 Deutschland unvergleichlich wohlhabender war, als 1900.
Menschen vergessen allzu häufig, wenn sie besorgt die Geschäfte ihres Lebens von Tag zu Tag betrachten, einmal den Blick zu heben, und in die Geschichte zu schauen, und die Welt zu betrachten, die um sie herum existiert. Oft glauben wir, etwas Schreckliches wäre geschehen, doch wenn wir dann einmal betrachten, was es bereits gegeben hat, dann fällt uns auf, daß es so schlimm doch gar nicht war. Und vor allem heutzutage, in einer Zeit, in der „sofort“ meist nicht schnell genug ist, und in der ein heute erstmalig gefühltes Bedürfnis spätestens morgen erfüllt werden muß, weil sonst übermorgen Unzufriedenheit einsetzt, fällt oftmals gar nicht auf, wie gut wir es heute haben. Deutschland liegt auf einer Insel der Seligen, in einer Zeit, in der die Menschen es finanziell so gut haben, wie nie zuvor.
Epikur lehrte die Bescheidenheit in den Bedürfnissen, nicht weil er eigentlich asketisch gedacht hätte – weit gefehlt. Um die Lust zu maximieren, sollte die Unlust minimiert werden (verkürzt gesprochen). Und mit steigenden Bedürfnissen steigt auch die Schwierigkeit, alle Bedürfnisse zu befriedigen. Hat der Mensch, so Epikur, also nur wenige Bedürfnisse, so seien diese sehr leicht zu befriedigen, und der Mensch könne glücklich sein. Hier hatte Epikur (ausnahmsweise) einmal recht: Denn je mehr der Mensch hat, desto eher kann es vorkommen, daß eines der vielen Bedürfnisse nicht erfüllt werden kann und dann wird der Mensch unzufrieden.
Epikur war einer der ersten konsequenten Hedonisten. Doch anders als die modernen Vertreter dieser Idee war Epikur ein weiser Mann. Er wußte, daß Hedonismus nur funktioniert, wenn die Bedürfnisse einfach und leicht zu befriedigen sind. Heute streben die Menschen nach mehr und immer mehr, nicht weil sie tatsächlich all dieser Dinge bedürften, um glücklich zu sein, sondern weil das Streben nach Bedürfnisbefriedigung für immer mehr Menschen das Streben nach tatsächlichem Glück ersetzt.
Übertragen auf die heutige Situation könnte man mit Epikur sagen, daß die massive Frustration der Menschen, die es eigentlich viel besser haben als je zuvor, daher kommt, das die Ansprüche so weit gestiegen sind, daß ihre Befriedigung zunehmend eine vollkommen optimierte Strategie erfordert, daß die Erfüllung aller Ansprüche nur noch funktioniert, wenn alles andere diesem Ziel untergeordnet wird. So wird der Mensch zum getriebenen Menschen, nur glücklich wird er so nicht.
Schon seit längerem ist zu beobachten, daß die Menschen unglücklich werden, wenn sie nicht alles das bekommen, was sie wollen, wenn sie es nicht sofort bekommen, und direkt ins Haus geliefert bekommen, ohne sich dafür anstrengen zu müssen. Viele Menschen sind allerdings nach wie vor bereit, sich anzustrengen, ja sogar alles der Maximierung des materiellen Wohlstandes unterzuordnen. Ihr Streben nach der Erhöhung ihres Wohlstandes, ob im Einzelfall von Erfolg gekrönt oder nicht, kostet sie jedoch im Wesentlichen das, wofür der materielle Wohlstand als Mittel hätte dienen können.
All diese Probleme, die ich hier kurz angesprochen habe, haben einen gemeinsamen Punkt: Die heutige Gesellschaft hat eine extrem niedrige Frustrationstoleranz in nahezu allen Lebensbereichen, und, relevant im hier beleuchteten Zusammenhang, eben auch eine solche minimale Frustrationstoleranz im Bereich der Wirtschaft. Hysterisch wird nach radikalen Reformen gerufen, wenn einmal für ein bis zwei Jahre die Wirtschaft nicht wächst. Die Verbesserung der Lebensumstände, die die große Mehrheit der Menschen miterlebt hat in ihrer Lebenszeit, wie lang sie auch gewesen sein mag, verblaßt sofort hinter einigen Jahren relativer Stagnation, weil das Gedächtnis nicht allzu weit zurückreicht.
Die alltäglichen Geschäfte sind wichtig. Und man sollte sie nicht aus den Augen verlieren. Aber manchmal sollte man sich die Zeit nehmen, darüber nachzudenken, wo man eigentlich im großen Ganzen steht: hat man Fortschritte erzielt in den letzten 20 Jahren? Oder seit man angefangen hat, auf solche Fortschritte hinzuarbeiten? Und wenn man dies für Deutschlands Wirtschaft tut, und auch für den größten Teil der deutschen Bevölkerung, dann stellt man schlicht fest: die Antwortet lautet: Ja, der materielle Wohlstand ist massiv angewachsen. Und selbst ein Verlust von 20% würde uns nicht das Genick brechen, sondern wäre nur ein Nackenschlag, auf den man nicht mit Panik reagieren darf, sondern nach dem man sich schüttelt und mit erneuerter Entschlossenheit wieder aufsteht.
Wenn man sich die Zeit und die Muße nimmt, für eine Stunde oder zwei, sich den Überblick zu verschaffen, was man erreicht hat, dann verschwindet in aller Regel das Gefühl, daß doch alles schlecht sei, im Bereich der Wirtschaft sofort. Denn was man auch immer über unser kapitalistisches System sagen mag, bei all seinen Fehlern, die es mit Sicherheit hat, auf mittlere Sicht hat es bisher noch immer zu steigendem Wohlstand für alle geführt. Und auf lange Sicht, auf die wir, wie Keynes sagte, alle tot sind, funktioniert es sogar noch besser. Auf lange Sicht sind WIR zwar alle tot. Aber unsere Nachkommen sind es mit Sicherheit nicht. Und wenn doch, dann sind deren Nachkommen wenigstens noch nicht tot. Die Menschheit wird, wenn sie es nicht schafft, sich auszurotten, auch in vielen Generationen noch auf Erden weilen. Es lohnt sich daher, vorauszuplanen, und auch die lange Sicht nicht aus den Augen zu verlieren.
Diejenigen, die jetzt massive Eingriffe in das System der Marktwirtschaft fordern, um seine Schwächen auszumerzen, müssen sich einige Dinge fragen lassen:
1.Wer versichert uns, daß der Markt, der begrenzt versagen kann, nicht einfach weicht für den Staat, der grenzenlos versagen muß?
2. Ist es nicht so, daß selbst eine heftige Rezession die Wirtschaft und die Bevölkerung noch in einer Situation hinterließe, die geradezu rosig erscheint, verglichen mit der Zeit, als man das Ziel „Wohlstand für alle“ hatte, und im Wesentlichen für erreicht hielt?
3. Sind nicht die jetzigen hysterischen Rufe nach Radikalreformen des Systems von links strukturell äquivalent mit den hysterischen Rufen nach Radikalreformen des Sozialstaats von rechts, während tatsächlich die Probleme in beiden Fällen erträgliche Größe nicht überschreiten?
4. Dienen nicht die Rufe nach einem „Neuanfang“ im marktlichen System (oder gar außerhalb desselben?) schlicht der kalten Abschaffung genau des Systems, dem wir im Wesentlichen den heutigen unermeßlichen Wohlstand für fast alle zu verdanken haben, im Interesse desselben Gleichheitswahns, der die Eliten dazu treibt, die Verstaatlichung der Kindererziehung voranzutreiben, Gleichmacherei im Schulwesen auf Kosten der Leistung und der Individualität zu fordern, sowie mit Quoten und ähnlichen Präferenzregelungen umgekehrt zu diskiminieren gegen früher bevorzugte Gruppen? Oder kurz gesagt: Haben wir es nicht mit einem Generalangriff auf den Dreiklang von freiem Markt, freier Demokratie und freier Gesellschaft zu tun?
Schließen möchte ich mit Äußerungen von zwei Politikern, die, zusammen betrachtet, einen guten Kompaß abgeben für die Situation, in der wir uns befinden:
„The fundamentals of our economy are strong.“ (John McCain)
Die Politik der ruhigen Hand. (Gerhard Schröder)