Auch wenn ich seine Sichtweise nicht immer teile, lese (oder höre) ich die Beiträge des Southern Avengers sehr gern, da sie eine unabhängige, parteilose Perspektive auf amerikanisches konservatives Gedankengut zulassen. Heute hat er einen Beitrag über konservative Ideen an Orten, wo man sie nicht unbedingt vermuten würde. Die Ähnlichkeiten zwischen traditionellen Konservativen und kapitalismuskritischen Linken, die sich nicht dem Modernitätskult verschrieben haben, der bewährte Ideen und Traditionen, einfach weil sie nicht mehr modisch erscheinen, gewissermaßen in einer Art permanenter Revolution zerstören will, sind nicht zu übersehen und oft frappierend.
Ohne in die Details dieser sehr interessanten Materie zu tief einsteigen zu wollen, möchte ich einen Punkt herausgreifen: das Interesse an der Bewahrung der traditionellen Familie als Keimzelle der Gesellschaft. Der von vielen selbsternannten Konservativen heute oft vertretene Ansatz ist folgender: Die unumschränkte Herrschaft eines modernistischen Kapitalismus sei genau das, was wir brauchen; und wenn dies eben zu Kollaterlschäden für die Familienstruktur führt, dann tut es ihnen ja leid, aber da kann man nichts dran ändern. (Dann bietet der Staat eben Institutionen, die als Ersatzfamilie für Kinder funktionieren sollen, aber natürlich nicht können.) Die zerstörerische Wirkung von staatlichen Interventionen für die traditionelle Familie ist groß, aber eine solche schädliche Wirkung geht auch von den angeblichen „Sachzwängen“ aus, die der globale Kapitalismus herbeiführt, wie man uns sagt. Der Kult, der um die Flexibilität der Menschen getrieben wird hat, mit oder ohne Pendlerpauschale, äußerst negative Konsequenzen. Menschen, die immer hinter dem nächsten Job herreisen müssen, die alles andere der Flexibilität unterordnen müssen, sind in der Tat orientierungslose, entwurzelte Menschen. Sie verdrängen entweder den Wert der Familie und der stabilen Gemeinschaft, oder empfinden sich als machtlos gegenüber den auf sie einwirkenden Kräften, die sie dazu zwingen, sich so zu verhalten.
Die freie Marktwirtschaft hat den Wohlstand, dessen wir uns heute erfreuen, sicher erst möglich gemacht; aber sie hat auch einige Nebenwirkungen. Schumpeters schöpferische Zerstörung erhöht den Wohlstand und verbessert die wirtschaftliche Entwicklung (das ist der schöpferische Teil). Zerstört werden aber nicht nur unprofitable Unternehmen, sondern auch Familien, Gemeinschaften, unerzwungene Kollektive hilfsbereiter Menschen, die füreinander einstehen und da sind, wenn der eine den anderen braucht, die so etwas wie Heimat bieten, ohne das grauenhafte Zerrbild des Heimatverständnisses des fanatischen Nationalismus. Die Zerstörung, die durch kapitalistische Wirtschaftsformen eintritt, ist aber umso größer, je weniger fest geknüpft diese Familien- und Gemeinschaftsbande sind. Wenn es nun noch eine Ideologie gibt, die aktiv auf die Zerstörung dieser „Normalität“ hinarbeitet, eine Ideologie wie diejenige, die in Deutschland und in der ganzen westlichen Welt grob gesehen die letzten 30-40 Jahre beherrscht hat, dann kommt es zu einer fast völligen Auflösung solcher gewachsener Strukturen. In diese Lücke springt dann der Staat, der seine Hände nach den Kindern ausstreckt, und sie aus den Händen der Eltern entfernen will. (Die vorgetragene Rechtfertigung reicht von „mehr Wachstum durch die Befreiung der Frau aus der Mutterrolle“ auf der Rechten bis zu „Emanzipation der Frau vom Patriarchat durch entfremdete Lohnarbeit“ auf der Linken, aber das Ergebnis ist immer das Gleiche: der Staat greift nach der Macht über die Kinder.) Die Eingriffe des Staates verschärfen ihrerseits ja das Problem, denn durch sie wird die Notwendigkeit von verantwortlichen Eltern und intakten Familien reduziert, denn im Zweifel helfen ja Vater Staat und Mutter Regierung mit immer mehr Sozialprogrammen und Krippenplätzen. Auf diese Weise werden bewährte Strukturen zerschlagen, ohne daß jemals ein sachliches Argument vorgetragen worden wäre, warum diese Strukturen weg müssen.
In solchen Fragen sollten Anhänger eines gemäßigten, menschlichen Fortschritts und Gegner des manischen, fortschrittsgetriebenen Menschen auf der Linken mit echten traditionellen Konservativen Schnittmengen finden können. In vielen anderen Fragen auch. Die Distanz zwischen der traditionellen konservativen Rechten und der gemeinschaftsliebenden, lokalistischen Linken ist gar nicht so groß, wie es oft erscheint. Vielleicht wird es in Zukunft nur dann eine Wende weg von der ultrakapitalistischen, globalistischen, modernistischen Ideologie geben, wenn diese verschiedenen Kräfte zusammenfinden, und gemeinsam für ihre Ziele eintreten. Die Kategorien links und rechts hatten schon immer ihre Probleme, aber heute sagen sie noch weniger aus als je zuvor: Künast, Kipping, Lauterbach, Clement, Niebel und Oettinger haben vielleicht unterschiedliche Ansichten über die Rolle des Staates innerhalb der modernistischen Ideologie (soll der Staat den Menschen als „wohlmeinende(-r), mater- und paternalistische(-r) ErzieherIn“, wie es die Ideologen der Linken ausdrücken würden, ummodeln, oder als offen repressiver Viehtreiber?), aber die herrschende Ideologie wird von allen sechsen, und im übrigen von den Führungen aller fünf im Bundestag vertretenen Parteien, vorbehaltlos unterstützt. Die Kritiker der Ideologie finden sich marginalisiert auf der Linken und der Rechten und irgendwo dazwischen. Vielleicht sollte man sich später darüber streiten, wie die lokale Gemeinschaft denn aussehen soll, aber bis dahin zusammen gegen die vollständige Auflösung der lokalistischen Idee eines Fortschritt nach Maßgabe des Menschen, statt eines Menschen nach Maßgabe des Fortschritts kämpfen.
Welcher Art die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen diesen Gruppen auch immer sein mögen, keine von ihnen kann sich in der derzeitigen weltweiten politischen Landschaft zwischen rücksichtslosen, ultrakapitalistischen Heuschreckenapologeten und gewissenlosen etatistischen Modernisierungstechnokraten sonderlich wohlfühlen.