Der konservative Standpunkt

An wessen Wesen die Welt auch immer genesen soll – ob am Nationalismus, am Internationalismus, am Faschismus, am Sozialismus, am Kommunismus, am Kollektivismus, am Feminismus, oder welchen anderen -ismen auch immer, die Welt wird nicht genesen – aber Menschen werden leiden. Die Ziele politischer Ideologien der Gegenwart oder allgemein der Neuzeit waren sehr verschieden. Die konkreten Utopien, deren Verwirklichung sie sich auf ihre Fahnen schrieben, auch. Nicht verschieden war jedoch die eine Grundkonstante, die sich wie ein roter Faden durch alle Ideologien zieht: der Wille zur Veränderung des Menschen. Wenn Nationalsozialisten versuchen, die Menschheit so umzuformen, daß sie dem arischen Ideal entspricht, dann ist das abzulehnen und es sterben Millionen von Menschen. Wenn Kommunisten versuchen, die Menschen dazu zu zwingen, sich zu ändern, indem sie ihr individuelles Gewinnstreben und ihr Leistungsstreben ablegen, dann können sie dies auch nur mit verschiedenen Formen der Gewalt tun – wieder leiden und sterben ungezählte Millionen von Menschen.

Andere Ideologien gehen derzeit noch nicht so weit. Auf das Konto des Feminismus gehen allerdings fast eine Milliarde toter Kinder durch legalisierte Abtreibungen rund um den Globus – blutiger Tribut an das abstrakte Ideal der Emanzipation der Frau. Allen Ideologien, selbst denen die noch nicht für grauenerregende Massaker rund um die Welt verantwortlich zeichnen, ist jedoch gemeinsam, daß es ein utopisches Ideal gibt, das unbedingt erreicht werden soll – und wo die Menschen nicht glücklich sein wollen, da müssen sie eben zu ihrem Glück gezwungen werden.

Wie kann denn auch eine solche Ideologie umgesetzt werden? Immerhin haben alle Ideologien eine Art Vorstellung von einem Idealzustand – wie die Welt, wie der Mensch sein soll. An sich ist das nicht schlimm, sondern sogar gut. Es ist sinnvoll, zu wissen, wohin man reisen will, wenn man sich zum Aufbruch entschließt. Aber es gibt eine reale Gefahr in all den Idealen. Menschen sind nicht so, wie die Ideale sie gern hätten. Und man kann sie auch nicht umformen. 70 Jahre blutige Massaker und grausame Indoktrination hat die Menschen nicht zu echten Sowjetmenschen umerzogen, deren einziges Streben die Gemeinschaft, das Kollektiv war. Menschen in Rußland sind heute ebenfalls beseelt von einem individuellen Gewinnstreben, von dem Willen, Erfolg zu haben und die Früchte dieses Erfolgs nicht mit der Gemeinschaft oder dem Staat teilen zu müssen. Man ist versucht, zu sagen, dies sei ganz natürlich. Ist es auch. Es liegt in der Natur des Menschen, den Wunsch zu haben, individuellen Erfolg zu genießen – der eine hat ein stärkeres Streben, der andere ein nicht so starkes Streben.

Menschen sind die einzigen Wesen dieser Welt, die sich gegenüber ihrer Natur noch einmal verhalten können. Das was die Menschen sind, wenn sie ihrer Natur freien Lauf lassen, ist nicht das, was sie sein müssen. Die Pflanze wächst immer zum Licht. SIe kann dies nicht gut finden oder schlecht – und selbst wenn; sie könnte es nicht ändern. Raubtiere jagen andere Tiere, es liegt in ihrer Natur es zu tun. Sie können nicht anders, und sie können es auch nicht oder nur in sehr beschränktem Maße gut finden, was sie dort tun. In dieser Hinsicht ist der Mensch einzigartig. Nur der Mensch ist in der Lage, das was er von Natur aus ist, zu bewerten. Der Mensch, der von Natur aus einen Sexualtrieb hat, kann sich entscheiden, diesen nicht auszuleben, aus welchen Gründen auch immer. Er kann sich zu seinem Sexualtrieb so verhalten, daß er ihm immer folgt, oder er kann ihn völlig verneinen. Die meisten Menschen bewegen sich irgendwo dazwischen. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen, da er von anderen Menschen sein ganzes Leben hindurch abhängig ist. Er braucht bis zur Geburt, aber auch danach noch, die Fürsorge seiner Mutter, er braucht jemanden, der ihn versorgt, der ihn erzieht, bis er in der Lage ist allein klarzukommen. Und da er nicht alles selbst machen kann, braucht er immer jemanden. In der arbeitsteiligen Gesellschaft kann der Mensch ohne Bauern, die sein Brot produzieren nicht leben. Der Mensch ist von der Wiege bis zur Bahre “unrettbar” abhängig von anderen Menschen. Es liegt in seiner Natur es zu sein. Und doch können Menschen sich entscheiden, Eremiten zu werden. Sie sind in der Lage, sich mit allem selbst zu versorgen, sparsam zu leben und alles aus Eigenproduktion zu beziehen. Menschen können ihre soziale Natur verleugnen, und sie können absolut autark werden.

Manche Menschen verhalten sich so zu ihrer Natur, manche verhalten sich anders. Jeder Mensch ist individuell, unter anderem auch deshalb, weil er sich zu seiner Natur so verhalten kann, wie es ihm paßt. Er ist zwar an ein Fundament gebunden, von dem aus er aufbrechen muß, aber er ist nicht gezwungen, immer dort zu bleiben. Das bedeutet es, wenn man sagt, daß der Mensch frei ist. Er ist frei zu wollen, er ist frei seine Natur überwinden zu wollen, und er ist frei in ihr aufzugehen. Dieser freie Mensch ist verdammt dazu, sich in der Welt, in die er hineingeschleudert wird, zurechtzufinden.

Weil der Mensch sich gegenüber seiner Natur noch einmal verhalten kann, ist er in der Lage, eine Utopie zu entwickeln, die eine radikale Veränderung seiner Natur beinhaltet. Hier beginnen aber die Probleme. Während es völlig unproblematisch ist, wenn ein Mensch sich frei dazu entschließt, bestimmte Aspekte seiner Natur nicht akzeptieren zu wollen, ist es ein großes Problem, wenn Menschen versuchen, ihre Vorstellungen darüber, welche Aspekte der Natur nicht akzeptiert werden sollen, in welcher Hinsicht der Mensch verbessert werden soll, zur Grundlage einer Gesellschaft zu machen. Wenn Menschen Menschen verbessern wollen, dann kommt es zur Katastrophe.

Alle Ideologien haben nun gemeinsam, daß sie eben ein Ziel propagieren, in dem bestimmte Aspekte der menschlichen Natur akzeptiert und bestimmte Aspekte der menschlichen Natur nicht akzeptiert werden sollen. Wenn ein Kollektivist die Welt verändern will, dann heißt das immer: er will den Menschen in der Welt verändern. Aber das bedeutet immer auch, daß er alle Menschen verändern will, denn täte er dies nicht, könnte seine Utopie nicht wahr werden. Der Kollektivist ist davon überzeugt, daß es für alle Menschen gut wäre, wenn sie aufhörten, nach der Vermehrung individuellen Nutzens in Relation zum Nutzen anderer Individuen zu streben, und stattdessen für die Gemeinschaft lebten, arbeiteten und produzierten. Einige Menschen mögen ihm dort zustimmen. Da es aber nach dieser Theorie objektiv besser für Menschen ist, wenn sie sich kollektivitisch verhalten, wird dadurch gerechtfertigt, ein Staatssystem aufzurichten, das selbst kollektivistisch ist. Die große Gefahr, die allen menschlichen Ideologen immer zum Verhängnis wird, weil sie selbst fehlbar sind, ist nun, daß man die Menschen zu ihrem Glück zwingen möchte. Der Zweck heiligt aber nicht die Mittel. Die Erfahrung mit solchen Ideologien zeigt, daß es ausnahmslos in jedem Fall zu einer Tyrannei der guten Absichten kommt, die spätestens eine Generation später abgelöst wird von der Tyrannei der schieren Macht. Wann immer ein Staatssystem oder eine politische Entscheidung aufgebaut oder getroffen wird, mit der Absicht den Menschen zu verbessern, mit der Absicht, eine Utopie zu erreichen, ist eine Garantie auf Blutvergießen, auf Leid und Tyrannei, auf totalitäre Staatsexzesse bereits eingebaut.

Ein vernünftiges Staatssystem, eine vernünftige Politik, nimmt Rücksicht darauf, und vermeidet es peinlich, die Menschen verbessern oder optimieren zu wollen. Alle Menschen sind fehlbar, sie sind mit tiefen charakterlichen und sonstigen Fehlern durchsetzt und wer sich davon ausgenommen glaubt, der hat den größten charakterlichen Fehler von allen dadurch direkt bestätigt. Wer glaubt zu wissen, was gut für alle Menschen ist, dem darf man es auf keinen Fall anvertrauen, darüber zu entscheiden. Alle Ideologie, verstanden als Versuch zur Errichtung einer “besseren Welt” sind von vornherein zum Scheitern verurteilt – im besten Fall. Und führen zu Millionen von Toten und zu entsetzlichen Grausamkeiten – im Normalfall.

Es ist notwendig, daß die Menschen darüber selbst entscheiden, wie sie sich zu ihrer eigenen Natur verhalten wollen, und daß sie sich in dieser Frage ständig irren werden, ist völlig klar. Menschen werden verhängnisvolle Fehler machen und Menschen werden durch die Fehler, die sie machen, die Welt zu einem schlechteren Ort machen. Aber Menschen werden – über eine sehr lange Zeit, über viele Generationen hinweg – so etwas ansammeln, wie eine kollektive Vernunft. Dinge, die sich im Allgemeinen bewährt haben, werden die Eltern an ihre Kinder weitergeben, zusammen mit der Warnung, gewisse Dinge lieber sein zu lassen, weil dies nur zu Schaden führen kann. So werden sich im Laufe von Jahrhunderten immer gewisse Regeln, Normen, Gebote und Verbote einnisten unter den Menschen, wenn man sie denn läßt, und das ist auch gut so. Es ist eine notwendige und wichtige zivilisatorische Einsicht, daß die gesammelte Weisheit von vielen Jahrhunderten die gröbsten Fehler eher korrigiert, als die idealistische Avantgarde von heute.

Im Laufe von Jahrhunderten machen die Menschen unendlich viele Fehler und sie tun unendlich viel Schreckliches. Und sie sehen unendlich oft auf der ganzen Welt die Konsequenzen ihrer Handlungen. Im Laufe der Zeit werden die Menschen durch Versuch und Irrtum herausfinden – haben sie herausgefunden – welche Handlungen die schlimmsten und welche die besten Konsequenzen haben werden. Natürlich ist diese Weisheit nicht unfehlbar – sie ist ebensowenig unfehlbar, wie die Menschen von denen sie stammt. Aber sie ist geprüft und das ist ja schon einmal etwas. Diese Weisheit wird sich durch neue Erkenntnisse, dadurch daß neue Menschen neue Ideen haben und neue Experimente durchführen, ausprobieren, was passiert, wenn man dieses Gesetz erläßt oder jenes zurücknimmt, zum Beispiel, verändern. Es werden alte Weisheiten entfernt und durch neue ersetzt – wenn sie sich in der Praxis als gutes Mittel bewährt haben. Und wenn die neuen Experimente scheitern, dann wird man der nächsten Generation beibringen, was sie gar nicht mehr zu versuchen brauchen. Und keine Angst, damit die menschliche Experimentierfreude zu brechen: Die Jugend wird es ohnehin wieder und wieder versuchen – und jedes Mal scheitern, und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, daß die nächste Generation es endlich gut sein läßt.

Dieser Mechanismus des Fortschritts, durch den sich eine Gesellschaft langsam, aber sicher, modernisiert, ist nicht immun gegen Fehlschläge und er ist ganz sicher denen, die meinen, sie hätten den Stein der (eigenen) Weisheit entdeckt, viel zu langsam. Und in der Tat kann es oft schrecklich lange dauern, bis ein Wandel auf diese Weise akzeptiert ist. Aber Menschen werden immer nach der Verbesserung ihrer selbst und der Gesellschaft streben – solange es Menschen gab, war dies schon so. Was benötigt wird, ist nicht der Anreiz zur Verbesserung der Welt durch utopische Ideale, nicht die Ideologie des Fortschritts, des Progressivismus, sondern die Verwurzelung der Menschen in ihrem ererbten Schatz zeitgeprüfter und wettergegerbter Weisheiten. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß unsere Ahnen klüger waren als wir – viele waren sogar ziemlich dumm – aber genausowenig ist davon auszugehen, daß eine kleine Gruppe hoch gebildeter, intellektueller oder pseudointellektueller Gesellschaftsplaner die gesammelte Weisheit jahrhundertelanger Experimentierfreude übertrumpfen kann.

Der Versuch, die Gesellschaft zu planen, ist immer der Versuch Menschen zu planen. Der geplante Mensch ist das gemeinsame Ziel des Kommunismus und des modernen Raubtierkapitalismus, des Nationalismus und des Internationalismus, des Feminismus und des Chauvinismus, des Faschismus und des Liberalismus – nur die Pläne sind verschieden.

Diese Weltsicht, die den Menschen als Herrn über sich selbst sieht, die ihm aber jedes Recht abspricht, andere unter seine Herrschaft zu zwingen, die als einzige legitime Staatsform die freie Demokratie anerkennt, in der die sehr begrenzte Macht des Staates aus den Händen der Bürger entspringt, und die meiste Macht niemals die Hände der Bürger verläßt; diese Weltsicht, die jeden Menschen dazu anregt, zu experimentieren, auszuprobieren, zu analysieren und kritisch zu hinterfragen, was als anerkannt gilt, die aber zugleich einen tiefen Respekt vor der ererbten Weisheit und Einsicht der Vergangenheit an den Tag legt, die nicht verändert um des Veränderns willen; diese Weltsicht, die anerkennt, daß nicht alles früher besser war, aber vieles heute schlechter, die die individuelle Verantwortung für die eigenen Handlungen in den Vordergrund stellt und den Menschen ermutigt, moralisch zu handeln, ein gutes Leben zu führen, die aber nicht den stumpfen Knüppel der Staatsgewalt, sondern die spitze Feder der Argumentation dazu benutzt, den Menschen zur Einsicht in seine Schwaächen zu bewegen – und zu dem Willen, ein besserer Mensch zu werden; diese Weltsicht, die die Welt nicht verbessert und dies auch gar nicht will, weil niemals zwei Menschen Einigkeit darüber erzielen können, wie eine optimierte Welt denn aussieht; diese Weltsicht, die sehr mißtrauisch gegenüber den Heilsversprechungen von Politikern, Wirtschaftsfunktionären und Revolutionsführern gleichermaßen ist, die mißtrauisch gegenüber dem Wandel ist, aber nicht ablehnend; diese Weltsicht ist es, die ich konservativ nenne.

Diese Weltsicht hat fundamentale Fehler und sie ist die schlechteste aller Weltsichten, wenn man von allen anderen einmal absieht. Sie trägt der fundamental fehlerhaften Natur der Menschen ebenso Rechnung, wie dem unstillbaren Verlangen nach Verbesserung des Menschen und vermeidet deshalb sowohl hochfliegende Ideologien und Utopien, die den Menschen ändern wollen, als auch einen leeren institutionellen Nihilismus, der als Wert nur das anerkennt, was eine Mehrheit beschlossen hat – bis die Mehrheit ihre Meinung ändert.

Einen neuen Menschen schaffen – das kann und will der konservative Standpunkt nicht. An ihm kann niemand – und erst recht nicht die Welt – genesen; und gerade das macht ihn so gesund für die Welt. Daher gibt es keinen Konservatismus. Konservativ zu sein ist nicht Ausdruck des Verlangens, eine bessere Welt oder eine bessere Menschheit zu schaffen, nicht Ausdruck einer Zuversicht, besser zu wissen, was die Menschen brauchen, als die Menschen selbst, sondern Ausdruck jener fundamentalen Bescheidenheit, jenes Wissens um die eigene Fehlbarkeit und jener Vorsicht und jener Mäßigung, die aus diesem Wissen herrührt.

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