Nichtraucher für Freiheit

Ich bin Nichtraucher, habe nie geraucht, halte Rauchen für ungesund, werde nie rauchen (außer man zwingt mich mit Gewalt dazu) und fühle mich gelegentlich durch den Qualm durchaus gestört. Trotz meiner in der Regel gerechtfertigten Skepsis was die Zuverlässigkeit solcher Studien betrifft, gehe ich davon aus, daß Rauchen das Risiko für eine ganze Reihe von Erkrankungen deutlich erhöht und das Leben der Menschen verkürzt. Alles in allem ist es aus meiner Sicht wünschenswert, wenn Raucher ihre Sucht aufgeben. Genauso wie es wünschenswert ist, wenn die Menschen gesünder essen, in Maßen mehr Sport treiben, weniger fernsehen und mehr lesen, und vieles, vieles mehr. Was nicht alles wünschenswert ist, nicht wahr?

Aber rechtfertigen all diese ehrlich empfundenen Wünsche die Ausübung der Staatsgewalt? Paternalismus nennt der Insurrektor zurecht diese Einstellung, daß es zu den Aufgaben des Staates gehöre, die Menschen gewissermaßen zu erziehen, so daß sie sich „gut“ verhalten. Daß der Staat eine Verantwortung für die schlechten Angewohnheiten „seiner“ Bürger hat, so wie er sich eine Verantwortung für die Ausbildung und Erziehung „seiner“ Kinder, die Arbeitswilligkeit „seiner“ Arbeitslosen anmaßt, ist eine Vorstellung, die mit den Idealen einer Republik nichts gemein hat. In einer Republik entscheiden die Bürger was gut für sie ist, nicht der Staat. Dies zu konstatieren ist heute selten geworden. Allzu oft gelingt der fehlerhafte logische Sprung vom Problem zur Lösung des Problems durch ein Gesetz ja nicht einmal. Viele dieser Regeln und Gesetze lösen das angebliche Problem ja nicht, sondern machen es nur noch komplizierter. Man betrachte nur die Situation der Milchbauern. Staatliche Interventionen haben dafür gesorgt, daß die Milchpreise angehoben wurden. Die meiste von den Bauern produzierte Milch wird aber gar nicht als Milch verkauft, sondern weiterverarbeitet; mit der Folge, daß die Bauern nicht von den erhöhten Preisen profitieren, da der Preis zu dem sie ihre Milch verkaufen nur sehr wenig mit dem Preis der Milch im Laden zu tun hat (und umso mehr mit den nicht angehobenen Preisen für Joghurt und andere Milchprodukte). Staatliche Interventionen können funktionieren. Und Häuser können fliegen.

Aber selbst wenn der staatliche Eingriff das empfundene Problem per Gesetz löst, wie vielleicht weitere „Milchgipfel“ im Fall der Milchbauern, oder eben auch im Fall der Rauchverbote (denn Raucher werden dann keine Nichtraucher mehr belästigen in Kneipen. Schlimmstenfalls gehen sie gar nicht mehr dorthin), heißt dies nicht, daß der Eingriff positiv zu bewerten ist. Denn der Zweck heiligt nicht die Mittel. Hier kommt das Begriffspaar Freiheit und Verantwortung ins Spiel. In einer freien Republik haben die Bürger für ihre Taten Verantwortung. Es kann keine Freiheit ohne Verantwortung geben und umgekehrt auch keine Verantwortung ohne Freiheit. Ein einfaches Beispiel: Wenn ich dafür verantwortlich bin, daß ein Hof gefegt wird, dann habe ich auch die Freiheit, es sein zu lassen. Nähme man mir die Freiheit, meine Aufgabe nicht zu erledigen, so wäre ich auch nicht mehr für sie verantwortlich. Zwingt man mich mit vorgehaltener Waffe zur Ergreifung des Besens, kann ich nicht dafür zur Rechenschaft gezogen werden, was ich damit tue. Das bedeutet, eine Verantwortung kann man nur haben, wenn man zugleich die Freiheit hat, über seine eigenen Entscheidungen zu gebieten. Soweit ist das alles sogar noch relativ verbreitet. Niemand nähme an, jemand müsse dafür bestraft werden, wenn er unter ernstlicher Todesdrohung zu einer bestimmten Handlung gebracht wird.

Umgekehrt gilt dieser Zusammenhang aber auch, und das vergessen viele Menschen heute, darunter auch unsere Politiker. Es kann auch keine Freiheit ohne Verantwortung geben. Durch die Existenz einer Freiheit entsteht automatisch auch eine korrespondierende Verantwortung, eine Art moralische Pflicht, in einer gewissen Weise zu handeln. Dadurch daß ich frei bin, nach Hause zu gehen, mich also anders zu entscheiden, mich falsch zu entscheiden, mich zu irren, habe ich die Verantwortung den Hof zu fegen. Dadurch daß ich in einer freien Republik das Recht habe, zu sagen, zu schreiben und zu denken, was immer ich will, erwächst mir auch die Verantwortung, andere Menschen nicht einfach so zu diffamieren, nicht absichtlich Lügen zu verbreiten, also mit meiner Freiheit so umzugehen, daß ich der FReiheit gewissermaßen würdig bin. Freiheit enthält immer auch eine Komponente der Pflicht. Pflicht aber nicht verstanden im Sinne gesetzlicher Anordnung, sondern im Sinne von „du sollst…“, im Sinne eines moralischen Gebotes. Eine Freiheit, die den Menschen der Verantwortung des richtigen Handelns enthebt, kann nicht dauerhaft existieren. Eine von jeder Verantwortung enthobene, absolut freie Gesellschaft, in der jeder tun und lassen kann was er will, wird nicht funktionieren. Denn alle Menschen sind in gewisser Weise von anderen Menschen abhängig. Wenn jeder tut was er will, gibt es keine Koordination zwischen den Handlungen, die eine Handlung wird die andere zerstören, und die Menschen werden, in Abwesenheit moralischer Richtlinien, nurmehr nach ihren kurzfristigen Interessen handeln – und dazu wörtlich über Leichen gehen, falls nötig. Eine Ethik des Lustgewinns wird dann dominieren und moralische Richtlinien erzeugen, die dem Interesse des einzelnen Menschen nützlich sind, ja tatsächlich dadurch definiert sind. Eine Gesellschaft wird erst dadurch funktionsfähig, daß es ihr gelingt, gewisse allgemein anerkannte Verhaltensstandards zu finden, die die (negative) Freiheit des Individuums, die Freiheit von jeder Einschränkung, also das „Recht auf Alles“ bei Hobbes, einschränken. Diese Standards sind in einer Gesellschaft theoretisch auf drei Ebenen zu finden. Einerseits ist das Individuum selbst in der Lage, moralische Richtlinien zu entwickeln, die nicht nur auf den eigenen Nutzen oder Lustgewinn gerichtet sind. Der Mensch ist fähig, bis zu einem gewissen Grad, Richtig und Falsch zu erkennen, und er ist fähig danach zu handeln (oder nicht danach zu handeln, denn er ist frei und daher verantwortlich). Auf dieser Ebene sind Gebote und Verbote völlig unbedenklich, denn jeder Mensch entscheidet nur für sich selbst, was er lieber sein lassen möchte.

Eine zweite Ebene ist die Ebene der Gemeinschaft. Gewisse Normen und Standards wird es in jeder Gemeinschaft geben, in der ein friedliches Zusammenleben gelingen soll. Auch diese Normen haben nicht die Form von Gesetzen und verbieten im strengen Sinne nichts. Denn auch wenn die Gesellschaft mit Mißbilligung auf die Raucher schaut, sie dürften immer noch rauchen, nur verlören sie sozialen Status in den Augen ihrer Mitbürger. Ich sehe kein Problem mit einer solchen Richtlinie. Wenn die Mehrheit der Menschen zu dem Schluß kommt, daß „man nicht raucht“, dann ist auch das völlig in Ordnung. Denn jeder Mensch hat immer noch die Wahl: er kann rauchen oder nicht – und da er frei ist, ist er verantwortlich; und da er verantwortlich ist, muß er mit den Konsequenzen seiner Handlung (gesellschaftliche Mißbilligung) leben. Und wenn er die Konsequenzen nicht tragen möchte, dann kann er anders handeln, wegziehen oder eine ganze Reihe von Vermeidungsstrategien finden.

Richtig problematisch wird erst die dritte Ebene, auf der Gebote und Richtlinien existieren können: die Ebene des Gesetzes. Hier entscheidet der Staat, wer was darf und was nicht. Ein solches Gesetz ist in der Regel strafbewehrt und nimmt dem Menschen Freiheit. Die Existenz eines Gesetzes entfernt damit auch die Verantwortung des Menschen. Die Entscheidung, ob man raucht oder nicht, wird nun vom Individuum weg verlagert, hin zu einem paternalistischen Staat, der sich einbildet besser zu wissen, was gut für die Bürger ist, als die Bürger selbst. Es wäre zu begrüßen, wenn Raucher ihre Freiheit nutzen würden, Rücksicht zu nehmen und nicht mehr in Gegenwart nicht rauchender, sich aber durch Rauch gestört fühlender Menschen die Luft zu verpesten. Nicht zu begrüßen ist es hingegen, wenn der Staat den Rauchern ihre Freiheit nimmt, um die Nichtraucher zu „schützen“. Denn wovor schützt der Staat den Nichtraucher denn? In einigen Fällen sicher vor dem unverantwortlichen Raucher (also dem, der seiner aus der Freiheit erwachsenden Verantwortung nicht gerecht wird), der dem Nichtraucher ins Gesicht lacht und dann eine Rauchwolke hinein bläst. Der Nichtraucher wird sich völlig zurecht gestört fühlen. In diesen Fällen liegt das Problem aber nicht so sehr in dem Rauch. Denn ein Mensch, der nicht bereit ist, in einem solchen elementaren Fall Rücksicht zu nehmen, der wird auch in anderen Lebensbereichen keine Rücksicht nehmen, denn es handelt sich um einen äußerst unreifen, nur auf sich bezogenen Charakter. Erwachsene Menschen sollten doch in der Lage sein, solche einfachen Anwendungsfälle elementarer Zivilität zur allseitigen Zufriedenheit zu lösen. Menschen, die das nicht können, werden in allen möglichen gesellschaftlichen Zusammenhängen negativ auffallen, und es wären viel mehr Verbote nötig, als selbst die vielen Bundesbürokraten schreiben könnten, um das Verhalten solcher Menschen per Mikromanagement zu steuern. Für die vielen rücksichtsvollen Raucher hingegen wäre ein solcher Verbotswahn eine untragbare Beschränkung ihrer Freiheit.

Nun bin ich überzeugt, daß es mehr und mehr Menschen gibt, die nicht in der Lage sind, dieses Mindestmaß an gegenseitigem Respekt aufzubringen, und sich über die allgemeinen Regeln der Rücksichtnahme lachend hinwegsetzen, eben weil sie der Verantwortung nicht gewachsen sind, die mit der Freiheit einhergeht. Warum diese Fälle in unserer Gesellschaft häufig sind – und häufiger werden – kann an dieser Stelle nicht geklärt werden, aber ich werde sicher später noch darauf eingehen.

Eine Gesellschaft von Individuen, die sich selbst an die erste Stelle der eigenen Überlegungen setzen, und die Belange anderer Menschen nicht mehr in die eigene Entscheidungsfindung einbeziehen – also nicht mehr von sich selbst und den eigenen Bedürfnissen und Trieben abstrahieren – ist eine Gesellschaft, in der der Ruf nach immer mehr Gesetzen zwangsläufig immer lauter wird. Wer die Freiheit von Traditionen, Normen, Werten und Regeln propagiert, erreicht zwei Dinge: er macht den Menschen zum Sklaven seiner Triebe und Bedürfnisse – und als Folge, wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten gerät, auch noch zum Sklaven tyrannischer Gesetze.

Jeder Mensch muß regiert werden. Die Frage ist nur, von wem: von einem paternalistischen Staat, der seine Bürger wie seine Kinder behandelt und erzieht, oder von sich selbst. Kurzum: Bist du erwachsen?

Viele Raucher verhalten sich nicht so, als ob sie erwachsen wären – manche sind es auch nicht. Sie sind von ihrer Freiheit überfordert und nicht in der Lage, mit ihr verantwortlich umzugehen. Es wäre an der Zeit, daß die Gesellschaft – nicht der Staat! – die Unsitte des rücksichtslosen Qualmens (trotz gegenteiligen Ersuchens) mit einem Verlust an sozialem Status straft, damit die vielen rücksichtsvollen Raucher ungestört und frei sein können.

Der Staat ist hier, wie allzu oft, nicht die Lösung des Problems, sondern das Problem.

Anmerkung:

Wie mir nach dem Schreiben des Artikels zu Augen gekommen ist, hat der bislang letzte Österreicher, der auszog um ein anderes Land zu regieren, Arnold Schwarzenegger, in Kalifornien ein weiteres Paradebeispiel für die paternalistische Idee geliefert, daß der Staat seinen Bürgern keine Entscheidungen über seine eigene Gesundheit (oder irgendeinen anderen Aspekt seines Lebens) zutrauen darf.

Veröffentlicht in:  on 30. Juli 2008 at 2:21 Kommentare (1)
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Ein Kommentar Leave a comment.

  1. [...] wieder einmal äußert. Ich hatte bereits im Zusammenhang mit dem Rauchverbot über die Tendenz geschrieben, jedes Verhalten, das den Politikern nicht als wünschenswert erscheint, per Gesetz zu untersagen. [...]


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